130926
Uiuiui, das war ein Abenteuer!
Ich hatte uns eine Übernachtung auf der Blüemlisalphütte gebucht und die letzten beiden Wochen den Wetterbericht genau verfolgt. Für gestern und heute zeigte es einfach Traumsonne und kühlen Temperaturen an.
Vorbereitungen: Oeschinenseebahnslot buchen (der Oeschinensee ist einer DER Instaspots in der Schweiz, neben Lauterbrunnen, Interlaken, Wengen und dem Caumasee zertreten sich dort die Touristen und Reiseinfluencer.
Kurz überlegt ob wir hochlaufen, sind ja nur 500hm mehr... war eine weise Entscheidung, dass nicht ich hatte mich nämlich bei Rest schon verrechnet.
Dann: rausgefunden, wo man in Kandersteg das Auto länger als 24h stehen lassen kann, an der Gondel nämlich nicht. Aber am P+R hinter dem Bahnhof geht das für 6chgf/tag, das kosten in Basel 2 oder 3h...
Dann das übliche, Rucksäcke packen, Birchermüesli für die Fahrt anrühren, früh ins Bett und dann sind wir tatsächlich um sechs losgefahren und waren kurz nach halb neun in der langen Schlange an der Gondel.
Oben angekommen, gab es für uns erst mal Kaffee und Muffins und Influencerhorden gucken: L. Hatte nämlich noch eine online Japanischstunde, diesmal mit Gegend.
Neben Horden an Touristen und ein paar Wanderern sahen wir wirklich alle Klischees: die Adventurecat an der Leine, die auf einem Rucksack reitet, für Schwächemomente gibt es noch einen Torniester mit full size Plastikbullauge, aus dem die Katze raus und die Fans reinschauen können. Sie war aber noch kein richtiger Profi, ihr fehlte die Gopro am Halsband, mit der sie ihren POV live streamen kann.
Dann einen grossen lockigen Hund (Grösse Golden Retriever), der in einer Art Baby Björn alle vier Pfoten nach vorn gestreckt vor den Bauch geschnallt getragen wurde. Es gab alle Arten von "hot hiking outfits" mit bikiniwinzigen Oberteilen und winzigen Hotpants, die Männer dazu gern in militärisch anmutenden Gear. Andere hatten ganze Kleidersäcke mit alternativen Outfits dabei.
Naja.
Zum See führen breite kinderwagengängige Kieswege, wir liessen uns mittreiben und stellten uns ein bisschen doof an, den besten Weg zum Einstieg "Unteres Bärgli", "Oberbärgli", "Hohtürli", "Blüemlisalp" zu finden.
Aber dann:
Der Pfad schraubte sich vom See immer höher, die Aussicht wurde immer spektakulärer, die Leute wurden etwas weniger.
Zwischen den beiden Bärglis wurde es kurz recht steil, am Oberbärgli zweite dann der Weg zur Hütte vom Rundweg, der gut in einem Rutsch zu schaffen ist ab und es wurde leer. (Letztes Highlight: das Pärchen, dass sich bei spektakulären YOgaposen --> Gucken Sie mal nach Natarayasana direkt am Abgrund fotografierte. Sie konnte das richtig gut (das Yoga), er schwankte ziemlich und naja, das letzte mal, als ich ihn sah, stand er grad noch so, dann konnte ich nicht mehr hinschauen. Was auch immer passiert ist, sie hat es auf Video.
Kurz hinter dem Oberbärgli machten wir eine ausgiebige Mittagspause incl Kaffee.
Der Weg wurde schmaler, felsiger, irgendwann auch steiler. Meine Wanderstöcke erfreuten sich grosser Beliebtheit auch beim Rest der Truppe. Wir hatten uns ein bisschen getäuscht mit den beiden Gketscherarmen, die auf der Karte verzeichnet waren und wähnten uns viel, viel näher an der Hütte, als wir tatsächlich waren. Zwischendrin teilten wir uns zu viert 2 solche Marathonenergiepäckcken (jetzt verstehe ich, warum die Leute bei Marathons immer kotzen: das ist nicht die Anstrengung, das sind diese widerlichen Gelpakete. Ich hatte echt Mühe, das Zeug unten zu behalten...
Energie gab es aber, leider zeigte sich beim Erreichen des nächsten Kamms, dass wir eben noch viel, viel weiter weg und unterhalb von der Hütte waren. Also: weiter.
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| Was haben wir noch gegrinst, als wir diesen Stein sahen.... erst. |
Richtig krass wurde es, als wir die Vegetationsgrenze erreichten und es einfach unfassbar steil durch ein Schieferschuttfeld nach oben ging. Zwei von uns (ich eine davon) waren so weit über unserer Grenze, dass wir zwischendrin kurz vor Erschöpfung weinen mussten. Aber: langsam, langsam kamen wir nach oben und das Erreichen des Hohtürli, wo man ins Kiental bis zum Thuner See runtersieht, war schon krass. Dann die letzten irre steilen Serpentinen hoch zur Hütte und fertig.... (davon gibt es keine Bilder mehr, weil ich das HAndy in den Rucksack packen musste, weil es mich in der Hosentasche so gestresst hat)
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| Der Blüemlisalpgletscher direkt vor der Terrasse |
Stellte sich heraus: ich hatte mich beim Berechnen der Höhendifferenz bei den verschiedenen Optionen mehrfach vertan und war von 800hm ausgegangen (mein bisheriges Maximum waren 1000, mit null Ehrgeiz, das zu schlagen). Diese Route waren mal locker flockig 1300 und die echt steil.
Uff.
Betreten der Hütte war erstmal ein bisschen funky, im EG sind nämlich die seit 2 Jahren erneuerten Wurmkomposttoileten ("Dein Kot ist mein Brot"), die halt einfach gottserbärmlich stinken.
Egal Schuhe abgezogen, Hütten Crocs an und an der Theke angemeldet. Stellt sich heraus: wie angekündigt gibt es dort nur Massenschlag, d.h 20 Leute in einem Raum, 10 unten, 10 oben ind einer langen Reihe an Matratzen mit Bettzeug nebeneinander. Wir waren immerhin an einem Ende, so konnte eine von uns an der Wand, die andere zwischen 2 vertrauten männlichen Personen liegen. Ordnung und Ruhe war übrigens tiptop, jeder hatte einen Haken für den Rucksack, niemand verstreute sein Zeug
Aussicht vor dem Essen natürlich spektakulär (nur der Name der Hütte ist irreführend, da ist weit und breit kein Blüemli zu sehen!), wir sassen warm eingepackt in frischen Kleidern auf der Terrasse bei Panache oder warmer Schokolade.
Essen gab es dann drinnen, eine grossartige Rotelinsencurrysuppe, für die Vegis Gemüsecurry mit Linsen und Reis, für die Fleischfresser Rinderschmorbraten und Spätzli, zum Dessert Apfel- und Marmorkuchen.
Zum Sonnenuntergang sammelten sich alle draussen, wie toll! Einer hatte sogar ein kleines Alphorn (?) dabei und spielte.
Wir waren dann so müde, dass wir um viertel vor neun in unsere Betten gekrochen sind. Der Hübsche schlief schnell ein, ich nicht so. Irgendwann kamen andere Leute und waren zwar nicht unendlich laut, aber haben sich halt unterhalten, was schon nervig war. Ich hatte Ohrstöpsel dabei (bin normal kein Fan, weil ich ds Gefühl habe, nicht mitzubekommen, wenn Gefahr ist oder was auch immer). Die halfen, das Gelaber auf ein Hintergrundgeräusch zu dimmen, so dass ich einschlafen konnte.
Keine Ahnung wann, vllt gg Mitternacht bin ich in totaler Panik und Orientierungslosigkeit hochgeschreckt, rupfte mir als erstes die Ohrstöpsel raus, dann war ich im Hüttenschlafsck gefangen und bekam so einen klaustrophobischen Anfall, dass ich nicht nur aus dem rausmusste, sondern auch mein dünnes Langarmshirt und das eigtl total weiche BH-Bustier, das ich angelassen hatte, ausziehen musste, weil ich das Gefühl hatte, zu ersticken. Blieb also nur das Trägerunterhemd und Slip und am liebsten gar keine Decke (ich versuchte, auf dem Hüttenschlafsack zu liegen, weil ja, hygienisch klappt das nur, wenn alle ihre Hüttenschlafsäcke verwenden, aber ich war wirklich kurz vor einer Panikattacke, weil alles zu eng war. Ich schaffte es, mich mit Blick auf das grone Licht der Smartwatch halbwegs runterzuregulieren, stellte dann ein paar praktische Überlegungen an, wie ich den Hüttenschlafsack modifizieren könnte, so dass er immer noch seinen Zweck erfüllt, und bin darüber eingeschlafen. Mein Plan ist: eine Seite auftrennen und in grossem Abstand lose Druckknöpfe anbringen.
Ab dann ging es, geschlafen habe ich nicht toll, aber wenigstens keine Panik mehr gehabt. Am nächsten Morgen (Klingel um viertel nach sechs für den Frühstücksbeginn um halb sieben) lernte ich, dass noch wer in unserer Gruppe Schlafsackpanik hatte, da lohnt sich mein Plan noch mehr!
Frühstück, Marschtee abfüllen (es gibt keine Trinkwasserversorgung auf der Hütte, deswegen gibt es strikt einen Liter pro Person, man kann Tee oder Wasser wählen), und dann geht es los.
Und es war halt schon nicht nur gestern so anstrengend, weil wir schon vorher so lang gelaufen waren und vielleicht unsere Kraft nicht gut eingeteilt haben, es war halt einfach unglaublich steil!
Wir haben es aber hinbekommen und den steilen Schuttteil in einer halben Stunde hinter uns gebracht. Die Sonne kam dann über die Berge, das war schon toll!
Wir kamen am "Oberbärgli" an, als noch fast keine Leute von unten aufgestiegen kamen. Wir hatten mittlerweile ordentlich Mittagessenhunger, suchten uns einen Platz mit Aussicht auf den See (und erstaunlich vielen erstaunlich stacheligen Babysilberdisteln, die erstaunlich weh tun, wenn man sich mit der ganzen Hand reinstützt. Unsere Reste von gestern (Brot, Salametti, Sbrinzwürfel, verschiedene Tapenaden, Kaffee, den Marschtee und natürlich unsere Vorräte an Riegeln und Süsskram) waren nochmal richtig lecker! Als wir dann wieder losssind, kamen uns Unmengen Leute entgegen, die einerseits sich und die wirklich spektakuläre Aussicht fotografieren wollten, ist ja auch legitim, haben wir auch gemacht.
Aber. Meine Güte. Ein bisschen Hirn und Verstand und Höflichkeit gegenüber anderen Leuten am Berg und in die andere Richtung wäre halt auch schon cool.
Der Weg und die Ausblicke waren schon nochmal spektakulärer als beim Aufstiegsweg. Trotzdem bin ich froh, dass wir es andersrum gemacht haben, weil: die Hütte sah man tatsächlich die ganze Zeit in unendlich weiter Ferne, ich bin froh, dass wir das gestern nicht hatten, sonst hätten wir vermutlich nicht durchgehalten.
Das Unterschreiten der Influencergrenze (oder, wie L., der selber Flachländer ist, aber naja, halt mit Eltern grossgeworden, die selber grossgeworden sind mit festen Regeln, was man in die Berge anzieht und was man mitnimmt, und darüber wird nicht diskutiert, sagt "Lauter Touristen" :-)) wurde deutlich: man erkennt sie an
- weissen Sneakern
- überhaupt: den sockenartigen Sneakern mit dünner Styroporsohle
- den bauchfreien oder halt grad noch bikinigrossen Oberteilen und den extreme Hotpants
- generell weisser Kleidung
- Oder Flatterkleidchen
- Oder Jeans
- oder Umhängetaschen und jeder Art von Handtaschen, nur keine Rucksäcke
- einer Wasserflasche in der Hand als einziges Gepäck, das Handy in den Bund der Hotpants gesteckt
- Der Gopro egal wo
- dem Stativ
- den Crocs
und dann, wir waren wirklich fast am Kiesweg unten und es war nochmal richtig, richtig steil runtergegangen, mit Kies, durch Bächlein, man musste ein bisschen kraxeln, mit goldenen Birkenstocks Madrids, als Gepäck eine flimsy-Coop-Tüte, die man für 20 Rappen an der Kasse bekommt. Diese Frau habe ich dann wirklich angesprochen "Sorry, are you really sure, you want to do this hike with this footwear? This is a really bad idea, you will probably hurt yourself really bad". Sie nuschelte irgendwas von "other pair of shoes" und naja, dann halt, I guess? Als ich mich nochmal umdrehte, hatte sie gerade einen der goldenen Schuhe verloren und stand strumpfsockig da. Naja. (Verstehen Sie mich nicht falsch: jeder, der will, soll diese grossartige Gegend geniessen. Man könnte sagen: naja, sie werden schon merken, dass das vielleicht doof war, da mit Crocs hochzulaufen, wenn sie sich das Bein verstauchen. Aber: jemand muss sie halt auch wieder runterholen, wenn sie da in Tänzerpose abgestürzt sind.... All diese Schilder stehen halt aus gutem Grund da und helfen zu einem Grossteil leider genau gar nix.
Wir kamen dann nach insgesamt 4 Stunden (incl Stunde Mittagspause und viel Warten wegen Gegenverkehr) an der Gondel an, stellten fest, dass man auch von dort die Hütte gesehen hätte, wenn man dieses Pünktchen als solches identifiziert hätte, naja, und dann ging es nach unten, noch ein bisschen durch den Ort zum Bahnhof und dann nach Hause.
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| Hier das Bild von oben in 30fach reingezoomt |
Jetzt sind alle geduscht, wir haben bei Nieselregen ein vielleicht letztes Mal auf der Terrasse gegrillt und freuen uns heute abend alle auf ein Bett ohne 19 andere Leute.
Was für ein Abenteuer und ich habe nicht an die Arbeit gedacht, yay!




















































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