Dienstag, August 22, 2017

Schall. Rauch.

Letztens gab es ja auf Twitter die Diskussion, warum auch heute noch Frauen ihre Identität aufgeben, indem sie bei der Hochzeit den Namen ihres Mannes annehmen.
Ich finde diese Unterstellung ja sehr beknackt nicht sehr weit gedacht und lustigerweise kam das „Mädchenname ist Identität, ihr armseligen, unfeministischen  Weibchen ohne Selbstwertgefühl“-Gekrähe der Tenor gefühlt vor allem von den Frauen, die mit ihrer Herkunftsfamilie täglich telefonieren, am Wochenende mindestens drei Mahlzeiten zusammen einnehmen und immer noch traurig sind, dass sich das mit dem Mehrgenerationenhaus nicht ausgegangen ist, weil FAMILIE IST IDENTITÄT UND DAS BESTE DER WELT.

(Sie merken, wie ich das hier mit Absicht zuspitze? Und dass ich das Thema eigentlich überhaupt nicht diskutieren möchte? Super. Ich habe mich grad ein wenig hinreissen lassen. Hmpf. Nuja.*)

Also. Wie Sie ja wissen, habe ich den Namen des Hübschen angenommen, aus guten Gründen, nicht nur deswegen weil ich die Hänselei mit meinem Mädchennamen leid war, weil der Hübsche (und sein Bruder, aber der hat eine eigene Partnerin :-)) einen einzigartigen Namen hat, weil ich aus sehr persönlichen Gründen den Namen meines Vaters und seiner Familie nicht als einen meine Identität stiftenden Faktor sehe. (Dafür wurden die Kinder nicht katholisch getauft, das ist auch mal ne ganze Menge wert).

Für alle übrigens, die sich unglaubliche Sorgen machen, dass ich damit meine Googlebarkeit aufgegeben habe und all meine Leistungen VOR der Hochzeit nicht mehr auffindbar sind, relax! Ich habe da natürlich dran gedacht und erstens finden Sie meinen Mädchennamen in allen berufsbedingten Netzwerken, auch wenn Sie meinen Ehenamen googlen finden sie alle meine Veröffentlichungen, auch die unter meinem Mädchennamen, weil ich ja damals schon ein Dreamteam in jeder Hinsicht mit dem Hübschen war und wir unsere meisten Paper, Buchbeiträge und so weiter gemeinsam verfasst haben, d.h. unsere damals noch beiden Namen da draufstehen.

Mit meinem mittlerweile einzigartigen Namen finden Sie das übrigens alles viel schneller als mit meinem Mädchennamen, bei dem man erst aus den Zilliarden anderer Personen raussortieren muss. (ja gut, der zweite Platz im Vorlesewettbewerb in der fünften Klasse, diverse Konzert- und Theaterauftritte, das beste Abitur des Landkreises, die Studienstiftungsaktivitäten, Turniertanzfotos, die finden Sie da nicht. Aber die fänden Sie auch mit dem alten Namen nicht, damals gabs nämlich noch gar kein Internet.)


Aber warum schreibe ich das heute, wo das auf Twitter (zu recht) schon keinen mehr interessiert und ich auch endlich fertig damit bin, mich nicht drüber aufzuregen?


Also: ich hatte heute bei der Arbeit einen Lieferantenbesuch und beim obligatorischen Visitenkartenaustausch meint der eine: „Mhmm, your name sounds familiar... have you previously been working in Mannheim? Or Ludwigshafen?“ Und dann habe ich ihn genau angeschaut, mir die Haare etwas weniger grau vorgestellt und nochmal genau nachgeschaut, was sie uns eigentlich liefern wollen und da war es mir klar: er war damals der europäische Vertriebspartner des japanischen Lieferanten für mein allererstes Herzblutprojekt in meinem ersten Job. Hätte ich damals noch meinen Allerweltsmädchennamen gehabt, hätte er sich sicher nicht erinnert :-). (optisch wäre es auch schwierig geworden. Das Ganze ist 13 Jahre her, ich hatte damals blonde lange Wallehaare bis fast zur Hüfte und eine kleine runde Metallbrille. Und halt 13 Jahre und zwei Kinder weniger Lebenserfahrung). Vielleicht hat er sich aber auch nur an meine diplomatischen Fähigkeiten erinnert, spätestens in dem Moment, als mir dämmerte, wer er ist: „Ah, right, THIS project, where you sent us the phosphine in solution, that crystallized on the plane and was a real pain to redissolve and the Japanese did not believe us?“, weil der Tag, an dem ich aus Versehen ganz viel über interkulturelle Missverständnisse lernte, an den erinnere ich mich auch noch sehr gut.




* Ach, was solls: Klar nehmen (immer noch) mehr Frauen den Namen ihres Mannes an als umgekehrt. Vermutlich hat nicht jedes dieser Paare diese Entscheidung bewusst, auf Augenhöhe und gleichberechtigt in jeder Hinsicht getroffen. Aber hey: das Recht, den Ehenamen frei zu wählen, gilt in Deutschland seit 1976, das mag einem lang erscheinen, heisst aber auch, dass die Generation unserer Eltern meist noch gar keine Wahl hatte und so sozialisiert ist, dass Männername = Ehename und das auch automatisch an ihre Kinder (=unsere Generation) weitergegeben hat. Wer kann denn ernsthaft glauben, dass sich dieses Ungleichgewicht bis heute schon automatisch ausgleicht? Dementsprechend ist der Mädchenname unserer Generation der Name unserer Väter, jetzt auch nicht unbedingt der allerfeministischste Ansatz, genau DEN als seine Identitätsstifter zu definieren, oder?
Klar könnte man jetzt sagen, es ware feministische Ehrenpflicht, dem Abhilfe zu schaffen und auf dem Frauennamen als Ehenamen zu bestehen, aber es wäre ja schon auch schön, wenn man aus seiner eigenen privilegierten Lage mit einer wunderbaren, glücklichen Herkunftsfamilie anderen Leuten in anderer Situation zugestehen würde, dass sie auch durchaus in der Lage sind, durchdachte, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und ein Namenswechsel nichts mit einem „Besitzaufkleberwechsel“ zu tun haben muss.

Montag, August 21, 2017

Risiko

Ich habe heute mal wieder mein gefährliches Kleid* angezogen, mit Unterkleid und wegen "es ist noch Sommer, auch wenn es sich leichr herbstlich anfühlt" nicht mit Stiefeln, sondern viel zu selten getragenen Pumps. Das führt schon dazu, dass ich mir voll nackig vorkomme, weil da so viel Bein unten rausschaut aus dem Kleid, und wegen der Vorgeschichte habe ich natürlich total Angst, dass irgendwann nicht mehr nur das Bein rausschaut. Ich zuppele also den ganzen Tag unsouverän an dem Rock rum, damit er ja unten bleibt.


Und ja, ich finde auch, dass es auf dem Bild hier nicht soooo kurz aussieht, aber in echt ist das anders, ich schwör!


Praktischerweise habe ich heute aber auch einen sehr nasenblutaffinen Tag, d.h. kaum rümpfe ich meine Nase irgendwie komisch (zB beim Augenrollen :-)**), läuft es munter drauflos.
Man könnte sagen: echter Kacktag, oder aber: Superplan! Wann immer mir das Kleid hochrutscht, lenke ich irritierte Blicke mit einem Blutsturzbach aus meiner Nase von meinem Po ab.


* Früher hatte ich eine "gefährliche Hose" und zwar deshalb, weil die so einen Schlag hatte, dass ich es zweimal geschafft habe, mich darin mit den Zehen zu verheddern und dann die Treppe runterzufallen. Irgendwann hatte sie dann den üblichen durchgewetzten Hosenboden (nicht vom Sturz), so dass ich sie zu Hotpants umfunktionierte. Jetzt ist sie auch nicht mehr gefährlich.


** in einem Meeting ist es mir unabsichtlich heute passiert. Mitten in der Diskussion: hui, tief luftgeholt, ausgeatmet, zack: Blutbad.

Sonntag, August 20, 2017

Dinge tun

Der Sonntag heute began mit einem mittleren Knatsch, der zu einem nicht unbeträchtlichen Teil sicher der ... sagen wir unruhigen Nacht, nein, nicht der Katze und nicht der Kinder wegen, sondern des anscheinend wieder mit seiner Freundin versöhnten Nachbarssohns, der ebendiese Versöhnung mit noch mehr Freunden lautstark auf dem elterlichen Balkon feierte. Bis weit nach 2 Uhr morgens, das war, als ich dann nach ungefähr 10mal Hochschrecken wegen Gejohle endlich eingeschlafen war (zwischen den Sekundenschläfchen überlegte ich, ob ich wie so eine alte Vettel aus dem Fenster schreien sollte, dass sie jetzt verdammte Axt ihr Klappe halten sollten, ich überlegte, wie weit der schärfste Strahl unseres Gartenschlauchs reichen würde, vermutlich nicht weit genug, dass ich sicher keine Respekt hätte, wenn ich da im Pyjama aufkreuzen würde, ich aber auch keine Lust hätte, mich nochmal anzuziehen, ob ich die Polizei anrufen sollte, aber wen rufe ich den da an? Die Regionalpolizei hat ausserhalb der Geschäftszeiten einen Anrufbeantworter dran, das weiss ich aus Erfahrung, und Notruf ware ja wohl etwas übertrieben, und überhaupt: ich weiss ja jetzt, wie der junge Mann auf Rücklschläge im Leben reagiert, will ich mich dem aussetzen, und JETZT SEID ENDLICH STILL!) und dementsprechend unausgeschlafen waren wir dann heute.
Ich kam übrigens zu dem Schluss: wenn ich diese Woche noch ihn oder seine Eltern sehe, dann merke ich freundlich an, dass ich das nur so mitteltoll fand.


Und weil meine Medizin gegen schlechte Laune Aktionismus ist, ist unser Abstellkämmerchen jetzt ausgemistet und ordentlich (Note to myself: wir haben genug Klarspüler. Mindestens bis Weihnachten!), es gab ZImtschnecken aus dem Waffeleisen, das Gefrierfach ist ausgemistet und sortiert und deswegen gab es dann auch leckere Drumsticks zum Abendessen, alle Wäschekörbe sind leer, alles ist zusammengelegt, ich habe Little L. zum Malen animiert, ich habe die Hose, die der Hübsche mich schon vor Monaten zu flicken bat, geflickt, die Kaffeemaschine ist entkalkt, der Wasserfilter ist frisch bestückt, der Zwetschgendatschi für de Hübschen Bürokollegen ist im Ofen und irgendwann da dazwischen hat sich die schlechte Laune auch verflüchtigt.




Samstag, August 19, 2017

Perspektivenwechsel

Ich habe gestern abend übrigens dann noch die Wahlunterlagen des Hübschen studiert (wussten Sie, dass es eine "3V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer" gibt?) und bin jetzt umso gespannter, wie der Wahlzettel aus dem kleinen bayerischen Dorf für mich dann aussehen wird.


Parallel erreichte mich die Mail einer Leserin, die mich nachdenklich machte. Sie (die Leserin, nicht die Mail :-)) arbeitet bei der Gemeindeverwaltung einer kleinen badenwürttembergischen Gemeinde und hat geschildert, wie es da so zu Wahlzeiten abläuft. Und weil ich das so spannend fand, habe ich gefragt, ob ich das veröffentlichen darf und voila, hier ist es:
 


Ich arbeite im Rathaus unserer Gemeindeverwaltung und das ist der Grund für diese Mail. Darf ich Ihnen bitte etwas von unserer Seite der Bundestagswahl erzählen?
Wir haben im Rathaus ein Wahlamt. Das gibt es nur bei Wahlen, kaum stehen Wahlen an, ist es da. Sind die Wahlen vorüber, gibs kein Wahlamt mehr. Das geht, denn die zwei Kolleginnen im Sekretariat und ein Mitarbeiter aus dem Hauptamt werden nebenher noch zum Wahlamt.
 
Später am Bundestagswahl-Sonntag kommen dann noch viele viele Wahlhelfer in unseren Wahllokalen dazu, die die eigentliche Wahl durchführen und am Wahlabend die Stimmzettel auszählen.

Das Wahlamt im Rathaus ist für alles zuständig, was zur Bundestagswahl gehört.
  • Briefwahlanträge aus dem Inland und aus dem Ausland. Veröffentlichungen der Hinweise zur Wahl (gesetzlich vorgeschrieben und das muss fristgerecht passieren).
  • Koordination der Wahlhelfersuche, Wahlhelferschulungen.
  • Bestückung und Packen der Kisten für die Wahlvorsteher, da ist dann von den Stimmzetteln über die amtlichen Wahlergebniserfassungsformulare bis hin zu den Heftern, Gummis, Bleistiften, Tesa, Wahllokalwegweisern, Flaggenmastschlüsseln und Wählerverzeichnissen alles drin, was im Wahllokal benötigt wird.
  • Dann müssen noch Aushänge für die Wahllokale und die Rathäuser und Rathausbriefkästen gemacht und verteilt werden.
  • Außerdem kommen sehr oft Updates für das offizielle Wahlerfassungesprogramm, mit dem die Ergebnisse am Wahlabend an das Landratsamt weitergegeben werden.
  • Die gemeindliche Internetseite muss immer die neuesten Infos und Links zur Wahl haben, darum kümmert sich das Wahlamt auch.
Um was noch? Um Butterbrezeln und Mineralwasser für die Wahlhelfer am Tag der Wahl. Jeder bekommt 1,5 Butterbrezeln pro Wahlschicht. Das muss ja auch jemand bestellen, das fliegt nicht von alleine in die Wahllokale. Und wehe, es sind zu wenig Brezeln da, oder zu viele Helfer mit zu wenigen Brezeln. Ja, da gibts dann Beschwerden beim Wahlamt. So was muss deshalb im Vorfeld akribisch vorbereitet werden. ;-)

Das ist noch nicht alles an zu erledigenden Arbeiten, aber ich muss hier ja mal ein Ende finden, nicht wahr?

Wissen Sie, wir vom Wahlamt sind dennoch etwas neidisch auf die Wahlämter der großen Städte. Die werden ebenfalls für die Wahlen "eröffnet", so wie bei uns kleinen Gemeinden. Warum dann der Neid? Weil diese Wahlämter nichts anderes machen als die Wahlen, aber bei uns muss die Wahl nebenher mitlaufen.
Wir haben alle unsere normalen Rathaus-Tätigkeiten und das Wahlgeschäft kommt dazu. Kleine Verwaltungen können das nicht anders stemmen.
Wir in unserem Rathaus haben zum Glück verständnisvolle Vorgesetzte, die ihre Ansprüche an uns herunterschrauben, wenn wir Wahlamt sind.
Da kann ausnahmsweise auch mal was liegen bleiben, was sonst nicht sein darf.

Wir erledigen so gut es geht, unser normales Arbeitspensum und die Wahl zusätzlich.
Es ist uns - wie bestimmt auch bei den kleinen bayrischen Gemeinden - personell einfach nicht möglich, denselben Service mit Zwischennachrichten zu bieten, wie das in den großen Wahlämtern passiert. Schön wäre das ja schon, aber wir können die Zeit dafür beim besten Willen nirgendwo abzwacken.


Aber ich kann Ihnen versprechen, auch wenn es nach außen hin nicht so wirkt:
Wir von den kleinen Wahlämtern sind leidenschaftlich, mit viel Engagement und Ehrgeiz daran, die Unterlagen für die Briefwähler rauszuschicken.
Gerade für die Auslandsanträge entwickeln wir besonderen Ehrgeiz. Die müssen einfach so früh wie möglich verschickt werden.
Diese Jahr liegen Anträge aus Großbritannien, Frankreich, aus den USA, aus der Schweiz, aus Indien, aus Namibia, aus Bangladesch und aus Italien und Österreich da.
Wir haben keinem davon eine Zwischennachricht geschickt. :-(


Aber was wir gemacht haben: Heute Nachmittag wurden die Stimmzettel für die Bundestagswahl für unseren Wahlkreis fertig gedruckt.
Ich bin vorhin 35 km zur Druckerei gefahren und habe einen Karton Stimmzettel abgeholt. Denn ausgeliefert werden sie eigentlich erst am Montag.
Meine Kollegin sitzt jetzt im Rathaus und macht alle Briefe fürs Ausland fertig und bringt sie zur Post, damit sie heute noch verschickt werden.
Unser Rathaus hat Freitagnachmittags immer geschlossen.
Aber wie gesagt, wir sind sehr gerne Wahlamt, trotz dem zusätzlichen wochenlangen Stress.
Mir war es wichtig, heute Nachmittag zur Druckerei zu fahren und den ersten Karton mit Stimmzetteln abzuholen. Meiner Kollegin war es ebenso wichtig, nochmal ins Büro zu kommen und die Briefe versandfertig zur Post zu bringen.


Ab Montag legen wir richtig los und arbeiten alle bisher eingegangenen Briefwahlanträge ab, so schnell es uns möglich ist. Und wir sind schnell, das ist sicher.
Wir haben seit Jahren eine Vereinbarung mit unserem Wahlleiter.

Bei 1200 verschickten Briefwahlumschlägen muss er uns ein (leckeres) Eis bezahlen. Das nächste Eis gibt es dann bei 2000 Umschlägen. Das ist so eine Art Mix aus Wette und Belohnung, wobei wir ja alles abarbeiten, was ankommt.

Und natürlich werden von uns auch die vielen Briefwähler freundlich empfangen, die die Unterlagen direkt bei uns abholen und gleich wählen möchten. Auch das geht nebenher. Weil es muss ... bei uns kleinen Wahlämtern.


Nun ja, ich wollte eigentlich nur sagen, dass Sie Vertrauen haben sollten, was Ihren Briefwahlantrag angeht. Das klappt auch in Bayern, da bin ich (fast) sicher ;-)
Wenn Sie den Umschlag korrekt beschriftet haben, ist er bestimmt angekommen.
Und wenn das der Fall ist, wird er im Wahlamt bearbeitet und an Sie verschickt, sobald die Stimmzettel geliefert wurden. Auf die Stimmzettel warten wir alle immer ... bei jeder Wahl. Erst dann kann der Versand losgehen, bis dahin scharren wir immer ungeduldig mit den Hufen.
Also, ich bin davon überzeugt, dass Sie bald die Unterlagen bekommen. :-)




Jetzt habe ich fast ein schlechtes Gewissen den bayerischen Gemeindeleuten gegenüber, vor allem, weil es in dem Kaff ja nicht mal eine Eisdiele gibt. Vielen Dank für diesen Einblick, ich hoffe, in Oberbayern läuft das auch so begeistert!

Freitag, August 18, 2017

Demokratie leichtgemacht

Dieses Jahr haben der Hübsche und ich ja beschlossen, dass es Zeit ist, unsere Larifari-Haltung zum Wählen (in Deutschland, in der Schweiz dürfen wir ja nicht) aufzugeben und bei der Bundestagswahl anzutreten unsere Stimme abzugeben.
Wir haben also Anfang April den Antrag auf Eintrag ins Wählerverzeichnis abgeschickt, der Hübsche ans Kreisverwaltungsreferat in München, ich an das kleine Dorf in Oberbayern, das mein letzter gemeldeter Wohnsitz in Deutschland war (aus Gründen, alles sehr kompliziert).
Nach ein paar Wochen bekam der Hübsche einen umweltgrauen Umschlag vom Kreisverwaltungsreferat mit "Herzlichen Dank für den Antrag, die Unterlagen kommen dann im August."


Ich bekam: nix.


Ich habe also bei der Gemeinde angerufen (ich kriege schon Flashbacks in Grundschulzeiten, wo wir beim Bürgermeistergeburtstag Mundartgedichte aufsagen mussten,beim Gemeindewappen auf der Homepage, das ich vermutlich in den richtigen Farben und mit der richtigen Anzahl Nupsis am Mühlrad nachts um drei im Halbschlaf noch malen könnte), wurde einmal auf den nächsten Tag vertröstet und am nächsten Tag dann bekam ich die Aussage: "Ah, ja, mhmmm, das ist suuuuperviel Papier, das da liegt, ich schau da nachher mal durch und wenn ich merke, dass irgendwas nicht passt, dann melde ich mich bei Ihnen."
Joah. Das ist ja für mich Kontrolletti ja eher so eine mittelhilfreiche Aussage, weil kein Anruf zwei Sachen heissen kann: Entweder war alles in Ordnung oder sie hat das Nachschauen und alles andere einfach vergessen. Kann ja mal passieren, bei suuuuuperviel Papier.
Aber ich habe "work on your trust issues" als development goal und so habe ich gesagt: "Super, danke" und nicht nochmal angerufen.


Heute hat der Hübsche wieder einen umweltgrauen Umschlag vom Kreisverwaltungsreferat im Briefkasten: "Inhalt: Wahlunterlagen"
Ich habe: nix.
Und "trust in other people's abilities" ist ja schön und gut, aber es geht ja um meine Stimme, die in dem kleinen Kaff gehen dann am Wahlsonntag nämlich einfach in die Wahlkabine in dem Klassenzimmer der 2. Klasse, wo sie selber vor 20 Jahren noch gesessen sind und machen da dann ihr Kreuzchen und ich schaue in die Röhre.
Also habe ich nochmal die Homepage mit dem Wappen aufgemacht, die Nummer rausgesucht, angerufen und .... tadaaa, es gibt schon nicht mal mehr einen Anrufbeantworter, der einem sagt, dass niemand da ist, geschweige denn, wann wieder jemand da ware. Dafür hat die Homepage ein Kontaktformular, das ich direkt ausgefüllt habe. Mit der Bitte um Rückruf und jetzt harre ich also der Dinge. (Und ich muss sagen: ich habe kein gutes Gefühl. Und wenn ich da recht habe, dann wirft mich das developmentmässig um Jahre zurück.)

Donnerstag, August 17, 2017

No shit, Sherlock

Gestern abend auf den Heimweg las ich im Bus noch eine Arbeitsemail, die mich sehr aufgeregt hat. Nicht so sehr wegen des Inhalts (deswegen schon auch), sondern vor allem wegen des  Kommunikationsweges, der anstatt des korrekten, offiziellen Wegs lieber indirekt, über Stellvertreterfunktionen, sehr hintenrum wirkend gewählt worden war. Meine erste Reaktion war: "Na super, das last mich jetzt ja mal wieder wie den uninformierten Depp dastehen, wenn die die Bombe aus meinem Gebiet beiläufig in einer Anfrage aus einer ganz anderen Abteilung platzen lassen."
Ich habe wirklich schlecht geschlafen, weil ich mir die ganze Zeit ausgemalt habe, wie ich das heute klärend ansprechen müsste und ich kenne mich ja, wenn ich total sauer bin, dann wird das selten sachlich und souverän und dann haben sie ja recht damit, dass sie mich aussen vor gelassen haben. (und wegen der Katze. Es wird besser, aber gut ist es noch nicht.).
Heute morgen dann habe ich aber den Rest meines Produktteams getroffen und alle waren aus allen Wolken gefallen und niemand lastete mir an, das alles nicht vorausgesehen zu haben. Und während ich mich auf den Weg zu dem klärenden Gespräch machte, wurde mir (MIR! die ja sonst zwischen den Zeilen halt Zeilenabstand sieht, aber sonst nix) klar: das ist ein mehr oder minder ausgeklügeltes Politikspiel. Es geht gar nicht darum, dass jemand mich nicht im Loop haben möchte (oder am Ende gar denkt, meine Rolle ware unnötig oder ich würde meinen Job schlecht machen), es geht um ganz andere Dinge. Ich glaube sogar zu wissen, um welche, das klang zwischen den Zeilen des klärenden Gesprächs (ich war sowas von sachlich und souverän!) mehr als deutlich durch (ich hab einen Lauf!).
Und weil ich halt ich bin und sehr unpolitisch*, habe ich das jetzt sehr offen an meine betroffenen Produktteams kommuniziert und jetzt lehne ich mich zurück und geniesse die Show. Und die wird kommen.


*interessant eigentlich: in (meinem) beruflichen Umfeld bedeutet "das ist eine politische Entscheidung" eigentlich immer: "das ist nicht mit gesundem Menschenverstand zu erklären und wir müssen das jetzt halt machen, aber eigentlich ist es Quatsch."

Mittwoch, August 16, 2017

12

study_of_development pt.12



Mein lieber Q.,
heute bist du 12 Jahre alt geworden. Das ist ... wow! Der letzte Nicht-Teenager-Geburtstag. Ich habe mir gerade durchgelesen, was ich letztes Jahr zu Deinem Geburtstag geschrieben habe und ... das gilt alles heute noch genauso wie vor einem Jahr. Ich habe es mir während unseres ganzen Urlaubs gedacht: die Zeit jetzt (und nicht erst seit jetzt, sondern auch schon letztes und vorletztes Jahr) ist wirklich einfach für uns Eltern: L. und Du, ihr seid gross, selbstständig, vernünftig, interessiert und offenherzig. Es gibt keine Dramen mehr wegen falsch aufgemachter Bananen, wegen "Ich kann nicht mehr laufen" und "ich geh nicht schlafen" (das vor allem, weil ihr ja statt schlafen einfach lesen könnt und das ist ja für mich genauso praktisch), es gibt auch auch (noch) keine Dramen wegen "Ihr seid so uncool", "ihr versteht mich nicht", "die anderen dürfen aber auch alle". Die werden kommen, da bin ich mir ziemlich sicher, aber hey: so waren wir früher ja auch. Und so lange hier friedlichster Konsens herrscht, geniesse ich das hemmungslos!
Ansonsten macht man dich mit zwei, drei Sache glücklich: Lego, Bücher und gute Serien auf Netflix. Bücher und Serien multiplizierst Du dann für andere, ich bin mir sicher, weder Du noch Deine Kollegen hätten die 40km der Hike Challenge der Pfadfinder so locker geschafft, wenn Du nicht als wandelndes Hörbuch agiert hättest. Deine Büchervorlieben sind recht klar: Action, Agenten, Science Fiction, Dystopien oder Antike/Sagen (egal, ob nordische Götter, Ägypten, Griechen, Römer, das geht alles!), am liebsten Reihen, da hat man länger was davon. Was überhaupt nicht deins ist, sind Bücher, in denen sich Menschen in Tiere oder Pflanzen verwandeln. Oder die im Wald spielen :-).


Ah, eine Neuerung gibt es noch: ich habe letztes Jahr geschrieben:

Ich bin mal gespannt, ob Du irgendwann ein experimenteller Esser (oder wenigstens Gemüseesser) wirst, aber auch damit habe ich mittlerweile meinen Frieden gemacht :-).


Und was soll ich sagen? Du bist zum experimentellen (wenn auch nicht Gemüse-) Esser geworden und isst indisch, asiatisch, mexikanisch und weil wir die Regel "es wird nicht gepult" haben, dann halt auch mit Gemüse. Phew. Doch kein Skorbut!


Ach Du, mein grosser, cooler, unglaublich lieber Junge. Ich freue mich, das wir eine so wundervolle, vertrauensvolle Beziehung haben und hoffe sehr, dass wir die auch über die zukünftigen hormongebeutelten Jahre retten können! Ich wünsche Dir, dass Du Dir Deine klare Meinung, die sich nicht (allzusehr) von peer pressure beeinflussen lässt, und Deine Wurschtigkeit, die mich zwar manchmal zum Wahnsinn treibt, und Deine Witzigkeit und Deine liebe Art beibehalten kannst.


Ich bin so froh, dass ich Deine Mami bin!
Bussi
K.


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