Sonntag, Mai 22, 2022

220522 Verschobene Wahrnehmung

 Gestern wurde mir auf Twitter vorgehalten, ich würde mich über Leute lustig machen, die Maske tragen, rumhacken, die Maskenpflicht in Deutschland lächerlich machen etc und solle das doch lassen, jeder müsse seinen eigenen Weg finden.

Auslöser war ein Tweet, in dem ich einen Kollegen aus Deutschland paraphrasierte, der auf dem Firmenfest Freitag meinte, was für eine krasse Schere das im Kopf wäre: Anfahrt im Zug aus 10km Entfernung mit FFP2-Maskenpflicht, dann sich mit 9000 Kollegen in den Armen liegen, dann am Bahnsteig wieder Maske auf und heim, während für die Schweiz Corona schon (auch Zitat) "lang Geschichte ist", allerdings würde ich mich im Allgemeinen mokieren, stänkern und eben rumhacken.

Das finde ich eine sehr spannende Wahrnehmung. Ich schreibe das auf, was ich hier beobachte, was ich im grenznahen Deutschland beobachte, was ich im "Heimaturlaub" im Münchner Umland beobachtet habe. Ich habe seinerzeit geschrieben, dass ich glaube, dass nach dem Fall der Maskenpflicht in zB Supermärkten in D das freiwillige Tragen vermutlich recht zügig aufhören wird, so war es zumindest in der Schweiz. Ich schreibe, dass durch das Fallen der Maskenpflicht in der Schweiz überall seit Monaten die Zahlen (nicht nur die Infektionszahlen, sondern auch Hospitalisierungen und Todesfälle) keinesfalls durch die Decke gehen. Lustigerweise habe ich genau das auch geschrieben, als gefühlt ganz Twitterdeutschland die Schulen für am besten immer und ewig auf Distanzunterricht umstellen wollte, während die Kinder in der Schweiz 6 Wochen (18 Wochen an den nicht obligatorischen Schulen) zu Hause geblieben sind und diese Schulschliessungen im Nachgang als unnötig betrachtet werden.


Naja.

Auf der anderen Seite lese ich (ich werde die Schulthematik nicht weiter aufwärmen), dass freiwilliges Maskentragen in Innenräumen und draussen bei Ansammlungen ja wohl gesunder Menschenverstand wäre, ausserdem ein Gebot von Höflichkeit und Stil, dass Menschen, die sich keine Sorgen mehr um eine Ansteckung machen, offensichtlich Long Covid ausblenden, psychische Krankheiten verharmlosen, nicht ernstnehmen oder überhaupt negieren, uninformiert oder doof sind. Leute, die keine Masken tragen, sind praktisch Mörder, weil sie willentlich in Kauf nehmen, dass Risikogruppen sterben, schliessen Risikopatienten vom öffentlichen Leben aus, sind im besten Fall dumme, ignorante, unsolidarische Egoisten. Man ist fassungslos, wenn nur ein Bruchteil der Menschen auf einem Elternabend freiwillig Maske trägt, man feiert sich selber als einzigen oder einen der wenigen Maskenträger in egal welchem Supermarkt oder das Viertel, in dem man wohnt oder einkauft, weil gottseidank doch noch fast alle Maske im Supermarkt tragen. Jede Frage oder Hinweis von zB Verkäufern, Angestellten etc., dass man keine Maske mehr tragen müsse, wertet man als Angriff oder zumindest Aufforderung, sie abzunehmen, man feiert sich gegenseitig für die launigsten Antworten auf diese Frage (und kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass es vielleicht nur ein Hinweis oder eine Frage ist, für die es durchaus Adressaten gibt, weil sie nach 2.5 Jahren Corona nicht jede Pressekonferenz incl einschlägiger Sekundärliteratur und den entsprechenden Verordnungen aus dem Stegreif zitieren können, weil sie den Überblick verloren haben, was in welchem (Bundes)land gilt, oder ob der entsprechende Laden vllt eine eigene Maskenpflicht einhält).

Wie die Schulthematik seinerzeit fühlt sich das sehr, sehr, sehr seltsam an, wenn man das von einerseits aussen, andererseits aber sehr nah dran (also: 500m oder so bis zur Grenze) betrachtet. 

Naja.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Tragen Sie Maske, wo Sie wollen, warum Sie wollen, so lang Sie wollen. Das ist mir tatsächlich einfach total egal. Ich habe Maske getragen, lang bevor es in der Schweiz vorgeschrieben war und sogar noch ein bisschen länger, ich habe und werde überall Maske tragen, wo es vorgeschrieben ist, ich würde auch Maske tragen, wo mich jemand persönlich darum bittet, bin aber ganz ehrlich froh darüber, fast nirgends mehr eine tragen zu müssen.

Und ein Blick über den Tellerrand schadet nie.

(Ausserdem habe ich heute in anderem Zusammenhang auf Twitter geschrieben, dass mir meine Followerzahl total egal ist, also insofern ...)