Montag, November 09, 2020

091120 Spielverderberin

 Heute hat wurde in meiner Twittertimeline unzählige Male das Video einer spanischen Primaballerina geteilt, die an Alzheimer erkrankt ist und bei Klang von Schwanensee mit den entsprechenden Tanzbewegungen beginnt. Der Tenor der Teilenden war "Aaaaaaaaw", "Herzchenaugen", "Hachz", "Sternchenaugen", "Viele Herzen", "gebrochenes Herz", "Smiley mit Träne in den Augen, gefolgt von vielen Herzchen". Also ungefähr dieselben Reaktionen, die es sonst auf Dodo-Videos gibt, wo ein riesiger Hund sich im Zeitraffer mit einer winzigen Katze anfreundet, ein Mann einen Gemüsegarten für Murmeltiere anlegt, Katzen und Kinder mit Fensterputzern im Wolkenkratzer interagieren, wo ein Rudel Babyenten zum ersten Mal ins Wasser springt oder Fotos, wo Eichhörnchen an einem winzigen Picknicktisch futtern, (und ja, zB auch Videos, wo gehörlose Babies mit einem Cochlea-Implantat das erste Mal die Stimme ihrer Eltern hören oder blinde Menschen mit irgendeiner Superbrille auf einmal Farben sehen.)

In mir hat sich schon in den ersten Sekunden des Videos alles zusammengekrampft und mit jedem "Aaaaaaaaaaw"-Retweet wurde ich wütender. Ich sah meine Oma vor mir, die ich nie in Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte kennengelernt habe, ich sah meinen Opa und ihre Töchter vor mir, die damit umgehen mussten, dass ihre Frau / Mutter immer mehr verschwand und immer weniger sie selber war, ich erinnerte mich daran, dass mir von Anfang an erklärt wurde, dass die Oma nicht wissen könne, wer ich bin, und dass sie so viel weinen würde, weil sie soviel vergisst und nicht weiss, wo sie ist und wer wir sind.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Oma oder mein Opa oder meine Mutter oder ihre Schwester es "aaaaaaaaw, Herzchenaugen, Smiley mit Tränchen" gefunden hätten, wenn eine Betreuerin ein Video meiner Oma bei einer Reaktion auf irgendetwas aus ihrer Jugend ins Internet hochgeladen hätten. Ich kannte meine Oma in gesunden Zeiten wie gesagt nicht, ich weiss es nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie (oder mein Opa oder auch meine Mutter und meine Tante) bewusst die Freigabe eines solchen Videos und dessen unkontrollierte Verbreitung ohne jeden Zusammenhang autorisiert hätten.

Ich frage mich, ob sich irgendeiner derjenigen, die das Video heute geteilt haben, hat sich jenweits von ""Herzchenaugen, schnief", okay, nächstes Video, hier schaumal, ein IGELBABY!" Gedanken darüber gemacht hat, was Demenz bedeutet, was das mit einem Menschen macht, was das den Angehörigen abverlangt, weil schau mal: Musik und alles tutti, und ausserdem war das Video so würde- und respektvoll. Weiss einer von Euch, ob die Ballerina das auch fand? Oder gefunden hätte, als sie so etwas noch entscheiden konnte?

(Ich weiss, ich bin in diesem Zusammenhang vermutlich ungerecht und vielleicht hat das Video bei dem einen oder anderen mehr ausgelöst als ein Igelbaby-Video, aber mal ganz ehrlich: Wie Welt zerfleischt sich ob der Frage, ob Kinderfotos ins Internet dürfen, es gibt Leute, die Leute auf dem Spielplatz angehen, wenn ihre Kinder durch Zufall eventuell auf Schnappschüssen mit anderen Kindern mit drauf sind, es werden Blogs mit Fotos von Kinderhänden, -füssen und Rückansichten bebildert, bloss um das Recht am eigenen Bild der Kinder zu bewahren, es wird sich kollektiv darüber empört, wie schlimm es ist, dass Herzogin Kate, eine intelligente, junge, gesunde Frau, die diesen Job sehenden Auges übernommen hat, am Tag nach der Geburt ihrer Babys 5 Minuten geschminkt in die Kamera lächeln muss, aber das Ballerina-Video ist über jede Kritik erhaben?)

Und nein, ich finde nicht, dass Behinderung und Krankheit nichts in der Öffentlichkeit zu suchen haben und versteckt werden müssen, natürlich nicht. Ich wünsche mir nur, dass das nicht ohne das Einverständnis der Betroffenen passiert und das ist in so einem Fall halt einfach nicht so ohne weiteres möglich. (Wer weiss, vielleicht ist das alles abgeklärt, vielleicht hat die Ballerina in ihrem Testament von vor 30 Jahren geschrieben, dass im Demenzfall jedes Video von ihr, Hauptsache mit Musik, veröffentlicht werden darf, vielleicht haben ihre Angehörigen sich das extrem gut überlegt und kennen sie so gut, dass sie wissen, dass ihr Äusserlichkeiten nicht wichtig waren und jedes Fitzel an Beleg dafür, dass Musik Menschen helfen kann, es wert ist, das zu teilen, vielleicht ist das so. Ich würde es mir wünschen und noch mehr würde ich mir wünschen, dass man sich beim Teilen von Videos wenigstens einen minifuzziklaanen Moment Gedanken macht, ob das, was man da meint zu sehen, auch das ist, was zu sehen ist und ob alle, die zu sehen sind, damit einverstanden sind, so gesehen zu werden. Das ist zB nicht mal für alle Igelbaby-Videos eindeutig.)


Nun denn. Soviel also dazu.

On a lighter note: ich bin dabei meinen Ruf als weird catlady firmenweit zu etablieren. Ich habe heute Jonny auf dem Werksgelände abgeholt, er hat irgendwas spannendes zwischen dem Insektenhotel, dem Kühllager und dem Blisterverpackungsbetrieb gefunden und hatte noch keine Lust heimzugehen. Ich bin also mit Maske und Katze auf dem Arm hocherhobenen Hauptes Richtung Drehtor gegangen, den Ausweis über der Katze baumelnd, so dass ich ihn nicht loslassen muss, um das Drehtor zu öffnen. Aus der Entfernung sah es so aus, als ob ich den Katzenhintern an den Badgeleser gedrückt hätte und so das Tor geöffnet. Alles auf den Überwachungsbändern. (Next Level: mit Katze im Schlepptau durch den Haupteingang, mit den Speedgates und an der vom Werksschutz besetzten Porte vorbei).

Sonst: langer, meetingreicher Arbeitstag, erste Gespräche mit US-Kollegen seit Biden, es muss eine sehr, sehr schlimme Zeit dort sein.