Samstag, September 19, 2020

190920 6 Monate Homeoffice: Und?

 Nachdem ja hier jeder Tag mehr oder weniger gleich ist, dachte ich, schreibe ich mal ein bisschen was anderes und zwar, wie sich 6 Monate Homeoffice für mich angefühlt haben, lessons learned, quo vadis, best practices, Bullshit-Bingo Karte voll!


Vorher:

Ich arbeite seit über 5 Jahren so, dass ich einen Tag die Woche von zu Hause gearbeitet habe. Das machen bei uns viele, das ist für die allermeisten Jobs kein Problem (es gibt natürlich auch bei uns welche, bei denen das nicht geht, denken Sie an Produktion, Logistik, Analytik im Labor oder auch Freigabeaktivitäten, wo es um den Review von einem grossen Teil Papierdokumentation geht, der die Werksgrenzen nicht verlassen darf (oder auch wenn er dürfte: Lastwagenweise Ordner und Papier hin und her karren ist auch nicht da Gebe vom Ei).

Unser Unternehmen agiert global, d.h. virtuelle Meetings mit Kollegen auf der anderen Seite der Erde gehören seit ewig zum Arbeitsstandard, dementsprechend ist unsere Infrastruktur aufgesetzt.

Die IT-Landschaft ist bei uns Google-basiert, d.h. wir nutzen Gmail, Hangoutmeets, Chat, Kalender. Die allerallermeisten Kollegen haben Notebooks, iPhones / -pads sind recht weit verbreitet.

Meinen WfH-Tag erledige ich vom Esstisch, nur mit Laptop, ich habe keinen Nerv, einen extra Arbeitsplatz mit Bildschirmen, Tastatur etc. aufzusetzen, ich denke mir: 1 Tag die Woche unergonomisch vs 4 Tage die Woche perfekt eingestellt mit Riesenmonitor und Laptopmonitor in parallel, das klappt schon

Seit Corona:

Und dann, am 13. März hiess es nach wochenlangem "Wer könnte, sollte", das bei uns als "Niemand hat gesagt, wir müssen!!!!" interpretiert wurde: Work from Home für alle.

Für mich war der Übergang nicht so dramatisch, weil wie gesagt: ich hatte Übung. 

Software/Hardware etc.:

Ja, klar, die VPN-Verbindung ging manchmal in die Knie, wenn sich alle zeitgleich einloggten, aber alles in allem hat unsere IT da einen grossartigen Job gemacht und das optimiert, aufgebohrt, umgeroutet, was weiss ich denn, auf jeden Fall geht es super.

Google hat die Usability und das Zusammenspiel der verschiedenen Applikationen in den letzten Monaten noch extrem verbessert, spontane Videocalls sind viel einfacher aufzusetzen als vorher. Das normale Festnetz oder Handy nutzt bei uns kaum noch wer zum Telefonieren, alles läuft über Hangouts.

Der dümmste Fehler, den ich gemacht habe, war zu denken: "Ach, das geht ein paar Wochen, dafür hole ich mir nicht meinen grossen Bildschirm/Docking station/Tastatur und ich brauche auch keinen ergonomischen Bürostuhl". Irgendwann hatte ich Rücken und Schulter, meine E-und N-Tasten sind total durchgewetzt und ja, gerade das Bearbeiten und Teilen von grossen Spreadsheets via Hangout wäre schon einfacher, wenn es eben mehr als ein Mininotebookbildschirm wäre.

Ich habe schon mehrfach gedacht: "Naja, jetzt lohnt es sich aber auch nicht mehr, weil es ist bald rum" und das wird vermutlich der Treppenwitz des Ganzen, wenn das für immer geht und ich irgendwann wirklich blind tippen kann, weil alle Tasten abgerubbelt sind.

Zusammenarbeit:

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Meetings lief und läuft total problemlos, ich finde sogar besser als vorher in den Hybridmeetings, wo ein Teil gemeinsam im Meetingraum sass und einzelne sich eben via Hangout einwählten. Als "die Stimme/das Ohr im Pizzaphone" wird man leicht vergessen oder überhört, man bekommt die nonverbalen Interaktionen im Raum nicht mit und die verbalen auch nur dann, wenn alle sehr diszipliniert nicht durcheinander reden oder Nebengespräche führen.

Mittlerweile ist das Screensharen (und Muten, damit man nicht Darth Vader-mässig ins Headset atmet) und "Oh, sorry, I was on mute" Entmuten so normal wie vorher das Anstöpseln respektive Einloggen in die App, die den Laptopscreen auf den Meetingraumbildschirm streamt.

Was ich vermisse: die vermeintlich belanglosen Schwätzchen an Kaffeemaschine, Wassersprudler, Waschbecken im Damen-WC (ich nehme an, es ist bei den Männern ähnlich), die schnellen "Boah, hast du das gesehen, die Mail gelesen, das gehört?" oder "Wie setzt ihr bei Euch denn die und jene Corporate Directive um?" oder "Wie geht es denn Deiner Schwiegermutter, Nachbarin, Kind, Katze, Hund, Dachisolierung....?"-Gespräche. Mir fehlt die persönliche Komponenten, das Gefühl für die persönliche Situation der KollegInnen, die natürlich auch einen gewissen Einfluss auf ihre Arbeit respektive meinen Umgang mit ihnen hat (besonders fatal eigentlich, dass wir aktuell ALLE in einer emotionalen Ausnahmesituation sind, und sich aus der Situation kommende emotionale Ausnahmezustände wie zB an Covid verstorbene Verwandte halt nur sehr sporadisch verbreitet haben, während ... längere Abwesenheit, rote Augen oder ein diskretes zur Seite winken durch jemanden, der Bescheid weiss, bei realem Kontakt blöde Situationen vermeiden hätten können. Vielleicht bin ich aber auch noch nicht geübt genug in virtuellem .... Umgang mit Menschen, die ich sonst eben real kenne. (ich habe mal meine auf Twitter/Insta/Blog erlernten Benehmen aktiviert, wer weiss, ob das komisch ankam oder nicht, bis ich es herausfinden werde, ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen).

Am Anfang hatte ich totale Hemmungen, einfach Kollegen via Hangout anzuschreiben, weil sie das ja unter Druck setzt, aber das hat sich relativiert über die Zeit, aber es ist halt nicht dasselbe wie zusammen wie gemeinsam Kaffee zu trinken und dabei auf den Rangierbahnhof runterzugucken.

Mittlerweile hat sich mit meinen direkten Kollegen ein extrem entspannter Kontakt via Hangout etabliert, der fast schon das wortlose Augenrollen während Meetings ersetzt, was aber total fehlt, ist der .... inoffizielle Flurfunk im positiven wie negativen Fall.


Vereinbarkeit

Am Anfang war das ein sehr, sehr grossartiges Gefühl von Zusammenhalt in der Familie, von "wir gegen den Rest der Welt", von "Hey, mit den drei Lieblingsmenschen eingesperrt, was könnte einem besseres passieren?", wir haben jeden Tag einen Znüni- und einen Zvieri-Chef nominiert, der um halb 10 und um halb vier Obst, Gemüsesticks und Cracker, Kekse, Kaffee in die Arbeitszimmer serviert hat, wir haben es zelebriert, gemeinsam zu essen, der Drucker tat gsd seinen Job, der Unterricht wurde nahtlos (Q.) respektive kreativ und spontan (L.) auf Distanz umgestellt, es war ein grosses Abenteuer, so wie Camping. In jedem Hangoutmeeting wurden Katzen, Hunde, Kinder, Lebenspartner in Unterhosen frenetisch bejubelt.

Wie Camping wurde es nach einer gewissen Zeit eher unbequem, Znüni und Zvieri schliefen ein, der Weg zum Drucker unter dem Dach nervte, die drölfzigste Hausaufgabe zum Thema "Doppelkonsonantenregel" nervte L. UND mich und alle anderen, der Blättersalat nervte, die Partner und Kinder in Unterhosen (und ohne), die Katzen und ihre erlegten Mäuse, Vögel, Fledermäuse wurden zu leicht genervt weggewedelten Störfaktoren wie die Rasenmäher und Vertikutiergeräte der Nachbarn oder die wackelige Internetverbindung.

Wir haben unsere Nanny/Putzhilfe bis Ende der Sommerferien bezahlt freigestellt, weil: wir waren eh schon zu viele Leute, die ohne Pause aufeinanderhockten. Das gemeinsame samstägliche Putzen war am Anfang ein Abenteuer, irgendwann sehr nervig, aber naja.

Alles wurde viel besser (im Nachhinein, zu Beginn waren wir sehr besorgt und nervös), als im Mai die Schule wieder regulär begann, und die Kinder aus dem Haus waren. Der Hübsche und ich sind mit Absicht keine Lehrer geworden und so selbständig die beiden Jungs all ihre Aufgaben und Pensen erledigt haben, es ist schon was anderes, einfach zu arbeiten oder mit einem Viertelauge drauf zu achten, dass der kleine Beisitzer halt auch arbeitet und nicht Löcher in die Luft starrt oder mal schnell die Druckerverbindung zu checken oder die komische Doppelkonsonantenregel mit den Farben um drölfzigsten Mal zu erklären. Ab dann haben wir auch Verabredungen mit Freunden wieder physisch erlaubt, das hat die Kinder so aufblühen lassen, dass wir direkt ein schlechtes Gewissen bekommen haben, dass wir das vorher gar nicht so sehr gemerkt haben, was da fehlt.

Die Somemrferien haben wir dann auch ohne extra Betreuung gemeistert, wir hatten gemeinsam 2 Wochen "frei", die Kinder waren eine Woche mit den Pfadis weg, und zwei Wochen hatten sie frei, wir nicht (wie auch in den Frühlingsferien). Ich hätte nie gedacht, dass so was klappen könnte, aber die sonst so grossartige und dringend nötige (auch dieses Jahr, noch mehr dieses Jahr) Sommererholung fand halt einfach nicht statt. Gar nicht.

Neues Schuljahr: es läuft soweit so gut. Die Nanny/Putzhilfe kommt einmal die Woche, so dass wir am Wochenende drei Stunden gemeinsame Familytime dazu gewinnen, das ist Gold wert. Ansonsten ist es ein Gestrampel zwischen "Ich muss ARBEITEN" und "Die Kinder zocken nur, wenn ich nicht drauf schaue" und "Eigentlich machen die Kinder das super" und "Wir sollten mehr drauf schauen, was die Kinder machen, ihnen mehr helfen, mehr Regeln bieten, aber wann und wie?!" und soweit läuft es ok. (Für beide Kinder ist es jetzt das/wieder mal ein Jahr, das ihre weitere Schullaufbahn definiert, beide wissen, was sie wollen, ich hoffe so sehr, dass es halt auch klappt.)

Work-Life-Balance

Hahahahaha.

Okay, ernsthaft. Am Anfang des Ganzen war ich total begeistert, weil pro Tag ja für mich 90min Pendelzeit wegfielen, in dieser Zeit kann man so viel machen!!!!

Es hat sich herausgestellt, dass ich diese Zeit und mehr, viel mehr halt einfach in Arbeitszeit investiere. Ich fange morgens um viertel vor sieben an und die Abendzeiten sind nicht mehr durch "Ich muss den Zug um 16:50 erwischen, weil die Nanny um 17:30 geht" limitiert, sondern durch "Ach was, ich bin eh da", also gar nicht. Das (und die durch die Pandemie extrem explodierte Arbeitslast, weil, naja, eins meiner Produkte ist ein antivirales Medikament, und die zu Hause nicht existente "Ablenkung" durch Kaffeeklatsch oder Ganggespräche) hat dazu geführt, dass ich erst unglaublich viel mehr erledigt bekam als auch schon, alle anderen übrigens auch. Keiner ist im Sommer richtig weggefahren, die normalerweise im Sommer stattfindende Ruhephase hat einfach nicht stattgefunden. Meine Überstunden sind explodiert, mein Chef hat von HR einen slap on the wrist bekommen, ich die Auflage, die Zeiten runterzubringen, auf der anderen Seite gehen die Anforderungen halt nicht weg. Die Stimmung nicht nur bei mir, ich lese das auch aus Emailkonversationen, an denen ich nur am Rande beteiligt bin, heraus, ist relativ edgy, Kleinigkeiten reichen aus, um andere explodieren zu lassen.

Seit Schuljahresstart ist der Hübsche 80% zurück im Büro, ich habe zu Hause total Ruhe für mich, nur mittags Gesellschaft für L. (wie sehr wünsche ich mir Essen, das nicht ich eingekauft und gekocht habe. Wie sehr wünsche ich mir, da Laptop zu sperren, ein paar Stockwerke nach unten zu fahren oder zu laufen und an der Theke nur entscheiden zu müssen, ob ich Salat UND Gemüse oder zwei Gemüse oder zwei Salat oder ein Stück Obst zum Hauptgericht möchte), aber ich bin halt auch allein. Sehr, sehr allein. 

All das ist suboptimal und ich weiss nicht, wie man das besser machen kann, das hätte verhindern können. Mein Arbeitgeber hat sich mit Angeboten zu Coaching, Training, Wellbeingkursen, -Apps, -Inputs, extrem kulanten Regeln zur Homeschooolingzeit etc überschlagen. Ich habe kein einziges davon wahrgenommen, weil ... wann? Der ganze Tag und mehr war voll mit Arbeit, Arbeit, Arbeit, Kindern, Familie, Schule, Sorge, ganz ehrlich, da habe ich keinen Nerv für Achtsamkeitsvideos, wenn alles andere vorbei ist, muss ich schlafen, um nicht umzukipppen.

Ich habe keine Lösung, kein Ideen, wie man das besser machen könnte, ich habe einfach überhaupt keine freie Kapazität in meine Hirn, um überhaupt über irgendwas nachzudenken, was nicht mit Tagesgeschäft, Familie, Schule, Pandemie zu tun hat.

Alles in allem:

Geht so, nech?

Wenn ich mir was wünschen dürfte (respektive, genau das habe ich in der "Was wünscht ihr Euch für das New Normal?"-Umfrage vom Job angegeben), wäre es ein ca 50:50 Mix aus WfH und Präsenz, von mir aus in beiden Richtungen flexibel bis 20:80 oder 80:20, aber halt gerne frei gewählt. Ich wünsche mir wieder klare Trennung von Arbeitszeit und keine Arbeitszeit, ich möchte einen signifikanten Teil dieser Entscheidungen (Wie antworte ich nach 10 Stunden Arbeit auf "Hi, are you still there?"?) nicht mehr treffen müssen, ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, in jedem Aspekt meines Lebens (Mutter, Partnerin, Arbeitnehmerin, "Powerfrau", "Karrierefrau", Freundin, Schwester, Tochter, ICH) einfach zu wenig zu sein. Ich weiss, dass ganz viel von diesem Gefühl in meinem eigenen Kopf stattfindet, die Umstände machen es aber halt einfach nicht besser.


So. Das war mein Wort zum Samstag, ich werde jetzt die Spülmaschine ausräumen, den Hefezopf für morgen backen, duschen und zum Duft meiner heute total eskapistisch und unnötig, aber so schön gekauften Parfum-Genie von Rituals einschlafen.