Dienstag, Januar 09, 2018

Holperstolper

Das war, mit Verlaub gesagt, ein echter Scheisstag gestern.
Wobei, das wird dem Ganzen nicht gerecht, es war schlimm, sich eingestehen zu müssen, dass es jetzt Zeit ist. Und zwar schnell. Das war sehr, sehr traurig (Mitten in der Nacht wollte Dax raus, also in den Garten. Wir haben ihr die Tür aufgemacht, wie weit sollte sie schon kommen, sie war ja so schwach und auch zu besten Zeiten sass sie am liebsten im Garten und hat Vögel, Schmetterlinge und Nachbarskatzen, die sich in IHR REVIER gewagt haben, sehr streng und gefährlich angeschaut. Nun ja, gestern stiefelte sie sehr zielstrebig los, über die Wiese, auf den Weg, links abgebogen, da zogen der Hübsche und ich hektisch Schuhe an und rannten ihr im Pyjama hinterher, und das arme Häufchen, das nur noch knapp drei Kilo wog, wanderte da einfach in die Dunkelheit davon. Das brach uns praktisch das Herz. Und nein, wir haben sie natürlich nicht laufen lassen und gut is, Elefanten machen das auch so oder waren das Inuit oder die amerikanischen Ureinwohner?, sondern zurück geholt. Aaaaah, ich bin abgeschweift), dann haben wir nachts um drei heulend die Logistik drumrum diskutiert (Kinder dabei? Begraben? Einäschern? Asche begraben?), während die Katze entweder zwischen uns kuschelte oder eben unruhig durchs Haus stromerte. Morgens mussten wir den Kindern Bescheid sagen, die Logistik ("Hallo Chef, frohes neues Jahr, ich komme heute nicht, ich muss meine Katze einschläfern lassen", "Liebe Lehrer, wenn unsere Kinder heute seltsam sind, liegt es nicht an zu viel Schokolade und Lego über Weihnachten." "Liebe Freundeeltern, unsere Kinder sind sehr traurig und wollen Euren Kindern nicht erklären müssen, warum", "Liebe Tierärztin, wir brauchen Sie. Heute. ASAP. Bitte.") organisieren, und dann mit der Katze warten. Das war schwer. Der eigentliche Tierarztbesuch dan schon auch, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Die Leute dort kennen die Katze seit über 10 Jahren und sowohl die Ärztin als auch die Helferin hatten Tränen in den Augen. Der Hübsche hat danach gesagt "Vielen Dank. Sowas ist nie schön, aber das hier war so nah dran, wie es geht." und das trifft es ganz gut.


Und jetzt? Klar sind wir traurig. Sehr. Ich habe beim Heimkommen die leere Transportkiste aufs Bett gestellt und als erstes gedacht "Oh Mist, hoffentlich lag die Dax nicht unter der Decke". Der Hübsche fragte am Abend "Hast Du der Dax schon was zu fressen gemacht?", heute, als ich die erste Trocknerladung seither rausnahm (all ihre Lieblingsdecken), erwartete ich beim Trepperuntergehen mit Wäschekorb jeden Moment ein fordernd maunzendes Fellknäuel zwischen den Beinen, das in den Korb möchte.


Aber, und das hätte ich nicht zu träumen gewagt, es ist okay. Es ist viel okayer, als ich gedacht hätte Wir haben seit Wochen oder eigentlich Monaten damit gerechnet und das hat mich anscheinend mehr belastet, als ich währenddessen gemerkt habe. Jetzt haben wir (alle fünf) das Schlimmste überstanden und ab jetzt müssen wir uns keine Sorgen mehr machen, dass sie vielleicht leidet und dass wir irgendwann diese Entscheidung treffen müssen.


Skurrile Nebengeschichte: ich kam ja dementsprechend einen Tag später wieder ins Büro als geplant. Mein Chef und meine zwei Büroplatznachbarn wussten Bescheid, ich hatte allerdings den Plan, dem Rest der Crew das nicht alles en detail auf die Nase zu binden, weil .... primär weil ich mir nicht sicher bin, dass ich die Geschichte ohne Heulen erzählen kann und das mag ich bei der Arbeit nicht. Also bin ich heute morgen ins Büro, der Oberchef und die Assistentin waren schon da, ich meinte so "Good morning, happy new year" und wanderte zu meinem Büroplatz. 10 Sekunden später stand der Oberchef neben mir und fragte, was er falsch gemacht habe, weil ich wäre ja "Not very friendly" gewesen. "Hm? I am always friendly?!" "Yes, usually you are! But today, you know, the first time we see each other, normally I would expect a cheerful story on how the Christmas tree caught fire, but you kind of almost brushed me off!" Das hat man davon, wenn man die Rolle des Klassenclowns kultiviert. Und für den Rest des Tages hatte ich dann eine launige Geschichte, warum die Weihnachtspause nur so okay-ish war parat: "Kühlschrank kaputt, Besuch krank, Weihnachtspakete verloren, Backofen kaputt, kein gescheiter Schnee, aber immerhin wars die Hecke der Nachbarn, die Silvester gebrannt hat." Und ich fand es rührend, dass mein direkter Chef kurz vor dem Groupmeeting meinte: "Du, ich hab mich umgehört, unsere Nachbarin hat kürzlich zwei junge Katzen im Strassengraben gefunden und sucht einen Platz, das ware doch was für dich, oder?" *


Sonst: Ich habe meinem Vorweihnachts-ich sehr froh auf die Schulter geklopft, als ich kurz vor Besprechung mit Experten an meinen Schreibtisch hetzte und die Unterlagen, die ich dafür brauchte, ordentlich abgeheftet und markiert in einem frischen Ordner vorfand.


Selbstbeweihräucherung: bei der Arbeit nicht geheult. Vom Experten ein dickes Lob für meine Vorbereitung, meine Detektivfähigkeiten und meine Einschätzung bekommen. Dazu noch ein paar Schulungsmaterialien in Papierform und dieses Video für die Überzeugung von Zweiflern in Indien. Langsam fühle ich mich gewappnet.














*Wärs nicht. Nicht jetzt. Irgendwann. In nicht allzu ferner Zukunft. Aber nicht jetzt.