Mittwoch, Januar 10, 2018

Die Sache mit dem Joghurt

Das zauberhafte Fräulein Read on hat heute einen sehr wahren Satz über Joghurt getwittert:



Und auch wenn es kein Buch wird, hier habe ich für das Fräulein meine persönliche Joghurt im Rucksack-Geschichte:


Wie Sie ja alle wissen, habe ich mit 20 einen Teil meines Herzens in oder eigentlich an Südkalifornien, also San Diego verloren. Ich habe den verlinkten Blogpost extra noch mal durchgelesen, aber phew, den Teil, um den es heute ansatzweise geht, habe ich da lapidar mit dem Satz "Ich habe mir eine Wohnung im Surferviertel Pacific Beach organisiert" beschrieben. Nicht, dass ich hier olle Kamellen wieder aufwärme.
Also. Ich war damals (und diesen Satz wiederholen Sie bitte in Gedanken, wenn Sie in der Folge mit den Augen rollen!) jung und naiv, also gerade mal 20, das erste Mal ganz allein (also auch ohne Freunde) total selbst organisiert für länger weg von daheim und das dann gleich auf der anderen Seite der Erde. Und es war 1997.
Ich hatte mir den Praktikumsplatz organisiert, mein Chef hat mir angeboten, für den Anfang bei ihnen zu Hause zu wohnen und dann würde ich da sicher schnell was finden, Unistadt, Sommerferien, da sollte einiges leerstehen, das würde dann schon klappen, und in diesen Vierteln hier, da könnte ich ja mal suchen.
Ich schlief also eine Nacht im Zimmer des mittleren Sohnes, am nächsten Tag lieh ich mir das Rennrad vom Chef, besorgte mir einen Stadtplan von San Diego, kringelte mir die Gebiete ein, die mir als "Da wohnen viele Studenten, da findeste was!" ein, die Frau vom Chef drückte mir wie den Kindern auch eine Flasche Wasser, eine Banane, ein Erdnussbuttersandwich und einen .... Joghurt (Vanille) in die Hand, die ich leicht gerührt in meinen karierten Espritrucksack packte. Mit der Zeitung mit den Kleinanzeigen, meinem Geldbeutel mit den Ausweisen, dem Bestätigungsschreiben, dass ich für drei Monate am Salk Institute im Dienste der Wissenschaft arbeiten würde, und dem Stadtplan. So gerüstet, radelte ich los, in Richtung erster Kringel.
Die erste Überraschung (und jetzt ware die Zeit, an den Satz von vorher zu denken) war, dass San Diego überhaupt nicht so flach ist wie auf dem Stadtplan, sondern unglaublich bergig. Und heiss. (Sonnencreme hatte ich btw nicht dabei, dafür ab Tag 1 in San Diego ein Muster von dn Sandalenriemen auf dem Fussrücken). Radwege gab es dafür überall, allerdings (s. heiss und bergig und halt USA) war ich die einzige Person, die diese nutzte (vielleicht wäre es zu einer nicht ganz so glutheissen Tages- oder Jahreszeit anders gewesen). Die Wasserflasche war nach einer halben Stunde leer und mein erster Stop war ganz oben in einem 7/11 an der Mt-Everest-Road, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben (dafür aber gleich eine halbe Gallone) hellblaue Gatorade einkaufte. Den ersten Liter trank ich direkt auf ex, den Rest packte ich in den Rucksack (ich nehme an, Sie merken wo das hinführt), dann stürzte ich mich den Hügel mit dem Rennrad wieder runter, auf der anderen Seite wieder rauf und ich war im Universitätsviertel und fing an, die Appartmentkomplexe abzuklappern, die Schilder draussen stehen hatten.


Der erste war .... högscht beeindruckend. Ich betrat eine Art Rezeptionsgebäude in einer Art Parkanlage (und kam mir trotz allem SoCal-Take-it-easy mit meiner roten, verschwitzten, verbrannten Radlbirne ganz schön fehl am Platz vor), wurde von einer superfreundlichen Dame über die freien Wohnungen und die Preise (Aaaaaaaaalter!) aufgeklärt, dann in einem Golfwägelchen zu einem Musterbungalow gefahren (ich wusste da schon ziemlich genau, dass das jenseits meiner finanziellen Möglichkeiten liegen würde, aber gesehen haben wollte ich es dann doch), dann wieder zurück, und durfte dann so eine Art Application Form ausfüllen und damit alles seine Richtigkeit hat, hätten sie dann gern noch meinen Ausweis kopiert. Ich griff also in meinen Rucksack, um den Geldbeutel herauszufischen, der unter der halben Gallone lauwarmer, hellblauer Gatorade lag, und griff ungebremst (Achtung: erinnern Sie sich nochmal an den Satz von oben!) in einen lauwarmen, stückigen Brei aus Joghurt (Vanille) und Banane, der sich im ganzen Rucksack und auch IM Geldbeutel verteilt hatte. Ich bin im Nachhinein immer noch stolz auf mich, dass ich (ich war einfach so kaput und wusste eh, dass ich da nicht wohnen würde) stoisch und mit ungerührtem Gesicht den schmierigen, triefenden Geldbeutel mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Rucksack zog, ihn aufklappte, den Personalausweiss voll Joghurt (Vanille)-Bananenmatsch herausprokelte, mir ein paar der ubiquitären Kleenextücher nahm, ihn abwischte und meinte: "Here you go!". Mindestens genauso cool war die Rezeptionsfrau, die den leicht klebrigen, nach Banane (und säuerlicher Vanille) riechenden Ausweis nahm, kopierte und meinte: "Thanks a lot, we will be in touch."
We were not, aber das machte nix. Der Tag hatte dann übrigens doch noch etwas Schönes zu bieten, das einzige, das nämlich nicht mit Joghurt versaut worden war, war das Erdnussbuttersandwich, das in so einem Ziplockbeutel verpackt war. Das zusammen mit der lauwarmen Gatorade (hellblau) hat dann meine Lebensgeister wieder geweckt. (Und seitdem packe ich Joghurtbecher zum Transport in Ziploc-Beutel.)




Selbstbeweihräucherung: ich war heute richtig gut in meinem Job (THE expert for all technical aspects of the API manufacturing process for the assigned products, wie es so schön in meinem Stellenbeschrieb heisst).