Dienstag, Juni 20, 2017

Steuerflüchtlinge

Sie erinnern sich an die Geschichte mit der Steueridentifikationsnummer für minderjährige Steuerflüchtlinge?


Die Geschichte bekommt einen kleinen Seitenast und zwar so:


Gestern kamen zwei Briefe von der Stadtsparkasse München an unsere Heimadresse in der Schweiz, einmal an den Hübschen, einmal an mich. Zweimal wurde folgendes festgestellt:


"Sehr geehrte Frau Brüllen, durch das Finanzkonten-Informationsaustauschgesetz sind wir dazu verpflichtet, in Ihren Daten Indizien festzustellen die auf eine steuerliche Ansässigkeit im Ausland hindeuten."


Dann wurde nach der asuländischen Steueridentifikationsnummer gefragt und uns angekündigt, dass man jetzt den ausländischen Finanzbehörden alle Infos über unsere Konten geben würde.
Der Brief schloss mit dem bei mir sehr passiv aggressiv ankommenden Postscriptum

"Ihre Kontaktdaten können Sie ganz einfach nachtragen, online oder telefonisch oder bei Ihren Betreuer."



Abgesehen davon, dass dieses Abkommen und die Umsetzung durch die deutschen Banken für mich mittlerweile (und zwar nicht wegen des Abkommens, das ist mir eigentlich wurscht) ein rotes Tuch ist, macht mich dieses Schreiben echt wütend.


Wir sind Sparkassenkunden seit ... wir laufen können ungefähr. Also ... knapp 40 Jahre. Ich habe mein Taschengeld bei der Dorfsparkasse gespart, mein Geburtstagsgeld von den Grosseltern dort eingezahlt, mein Stipendium, meinen allerersten Urlaub von dort aus bezahlt, mein erstes Gehalt (und ein paar danach) darauf eingezahlt, auch nach unserem Umzug in die Schweiz laufen alle Zahlungen nach Deutschland (Amazon! Esprit! Limango!) über dieses Konto.
Man würde sich also nicht arg weit aus dem Fenster lehnen, wenn man sagen würde: wir sind treue Kunden.
Ausserdem sind wir nicht nur ehrliche Menschen (Kunden und Steuerzahler), nein, wir sind auch gut organisiert. Deshalb haben wir, als wir vor 15 JAHREN Deutschland verlassen haben, uns bei den Einwohnermeldeämtern abgemeldet, den Banken und dem FInanzamt mitgeteilt, dass wir in Zukunft in der Schweiz Geld verdienen und versteuern würden, in Deutschland nicht mehr, allerdings unser deutsches Konto behalten würden. Natürlich haben wir unsere Nachsendeadresse, Telefonnummern und sonstige Kontaktdaten hinterlassen.
Nur so war es möglich, dass das Finanzamt München II auch nach dem Wegzug noch 3 Jahre lang versucht hat, uns zu einer Einkommensssteuererklärung zu bewegen, dass die Sparkasse uns für
die reguläre Kommunikation wie neue Karten, Kreditkarten, Kontoauszüge und so lustige Späasse wie "wir streichen euch den Dispo", "wir haben jetzt Kontoführungsgebühren, das für euch beste Modell ist, dass ihr jeden Monat voll viel zahlt.", "wir haben 1999 nicht das getan, was ihr von uns wolltet und deshalb haben wir noch ein verlorenes Sparbuch gefunden" jederzeit kontaktieren konnte.


Deshalb macht mich schon das Postskriptum aggressive. Eure Kundendatenbank könnt ihr mal schön selber aktuell halten.


Und zu guter Letzt regt mich der (vielleic!ht subjektiv so wahrgenommene) Tonfall des Schreibens unglaublich auf, der für mich nach "So. Jetzt seid ihr aufgeflogen, ihr Steuerflüchtlinge. Jetzt ist Schluss damit, dass ihr dem Finanzamt Eure schwarzen Konten verheimlicht!". Wie gesagt: die Stadtsparkasse Weiss seit 15 Jahren, dass wir voll und ganz in die Schweiz ausgewandert sind, da ist das keine so grosse Meisterleistung, diese "Indizien" festzustellen. Und ja, wir haben jedes dieser 15 Jahre all die Konten bei der Sparkasse, von denen wir wissen (ist ja nicht so, dass das notwendigerweise vollständig ist. Wer weiss, wieviele gelbe Büchlein noch hinter einen Schreibtisch gefallen sind....) und die Dreieurofuffzig an Ertrag (MINUS DIE 400000 EURO KONTOFÜHRUNGSGEBÜHREN!!!) in  unserer Steuererklärung angegeben.*


Aber ja, ich bin natürlich ein vorbildlicher Kunde und prinzipiell ein netter Mensch, deswegen habe ich heute unter der angegebenen Nummer angerufen, die zwei Nummern diktiert und in sehr höflichen, aber deutlichen Sätzen meine Verstimmung ob des Tonfalls kundgetan. Die Dame am Telefon war sehr veständnisvoll, fand den Text auch doof und findet es sehr schön, dass wir in der Schweiz wohnen, da geht sie nämclich sehr gern wandern und Läderach-Schokolade mag sie auch. In München ist es auch sehr schönes Wetter, aber schon halt echt heiss.


Und das ist auch der Grund, warum ich nicht einfach eine Mail mit kommentarlos diesen beiden Nummern geschickt habe, wie mein (immer noch jetlaggeplagter Johannisbeergelee-Kollege vorgeschlagen hat): bei diesen Temperaturen habe ich praktisch null Blutdruck, da muss ich nehmen, was geht an Aufregern!






*Jajajaja, ich weiss, das ist ein Formschreiben, das ALLE bekommen haben und kein persönlicher Angriff, aberselbst das im Hinterkopf dann finde ich den Tonfall unglaublich unverschämt. Halt nicht mehr nur mir gegenüber, sondern allen Auslandskunden der Sparkasse.



Kommentare:

Antje Hammer hat gesagt…

Meine Sparkasse hat nach 7 Jahren (und 1 Umzug innerhalb Basels), während der sie mir regelmässig Unterlagen an die immer brav gemeldeten Schweizer Wohnadressen geschickt hatte plötzlich festgestellt, dass ich IN DER SCHWEIZ LEBE (Skandal!). Da sie über den gesamten Zeitraum fehlerhafterweise Kapitalertragssteuer an die dt. Finanzbehörden abgeführt hatten, ist man 1. der Meinung ich könne diese doch dort zurückfordern (ich sehe da je,mand anderen Inder Verantwortung...) und 2. will sie meine DEUTSCHE (!) mSteueridentifikationsnummer (die eingeführt wurde als ich nicht mehr in D gelebt habe).
Ohne Worte.

Luluxand hat gesagt…

Kann sein, daß Sie Ihren Zorn ob des Tonfalls gar nicht gegen die Sparkasse selbst richten müßten. Möglicherweise wurde dieses Schreiben ja von den Juristen des bayrischen oder des deutschen Sparkassenverbandes verfasst.

Frau Brüllen hat gesagt…

ganz ehrlich ist mir das total wurscht, wer das geschrieben hat. der tonfall ist grosser mist.

filzquadrat hat gesagt…

Welche Nummer? Die Schweiz vergibt meines Wissens nicht die geforderte TIN. Oder vielleicht ist das ja am östlichen Ende des Kantons anders als am westlichen... Ansonsten gings mir mit diesen Schreiben sehr ähnlich, ich denke mir auch immer, wow, wie sind die nur draufgekommen, dass wir in der Schweiz leben?! Vielleicht haben sieja in der Kundendatenbank geschaut?! Liebe Grüsse!

Frau Brüllen hat gesagt…

doch doch, die schweizer nehmen die ahv-nummer als tin

PaulineM hat gesagt…

Wir haben Ende der neunziger Jahre mit der Sparkasse so einen Tanz gehabt, damals waren wir in die USA gezogen. Nach deutlich unfreundlichen Schreiben und immer mehr Gebühren sind wir dann in der gleichen Straße zur Volksbank umgezogen. Ich bin bei einem Deutschlandbesuch persönlich vorbeigegangen und habe es ihnen mitgeteilt. Die erste Reaktion - da müssen Sie aber 'ne Menge Formulare ausfüllen. Als ich der Dame sagte, dass das alles von der Volksbank direkt geregelt wird, meinte sie nur: "Hat es Ihnen denn bei uns nicht gefallen?" (*Nicht wirklich*)

Unknown hat gesagt…

Same here ... scheint echt immer der gleiche Mist zu sein. Wenn es dem Blutdruck hilft, ist es zu mindestens zu etwas gut ;o). Nicht ärgern, nur wundern. Liebe Grüße aus der Ostschweiz.