Montag, April 29, 2013

Time to say goodbye?

Ich muss sagen, ich bin im Prinzip ein zutiefst unpolitischer Mensch. Das kann man mit Faulheit begründen, mit der Abneigung gegen Taktieren, Bündnisse schliessen, keine Lust auf Spielchen, kein Verständnis für Diplomatie, mit Desinteresse, mit mangelndem Pflichtbewusstsein. Ich habe zu vielen Dingen eine Meinung, so finde ich eine Frauenquote gut, das Betreuungsgeld bescheuert, die Wehrpflicht schon lang abschaffungswürdig, das Nichtrauchergesetz grossartig, den Atomausstieg dringend nötig, so Sachen. So weit, dass ich mir in unserer Zeit in der Schweiz Briefwahlunterlagen geholt hätte, kam es aber noch nicht.
Da kommen wir nämlich auch schon zum Punkt: seit über 10 Jahren leben und arbeiten der Hübsche und ich in der Schweiz. Wir haben uns vor über 10 Jahren in Deutschland abgemeldet, nach ungefähr 4 Jahren hat das auch das Finanzamt München I, Aussenstelle Deggendorf, eingesehen und aufgehört, uns Aufforderungen zur Steuererklärung zu schicken. Wir arbeiten bei einer schweizer (bzw. der schweizer Dependance einer holländischen) Firma, unsere Löhne entsprechen dementsprechend dem schweizer Niveau (= viel mehr als in Deutschland), wir zahlen unsere Steuern in der Schweiz (= viel weniger als in Deutschland), wir zahlen die schweizer Lebenshaltungskosten (= viel, viel mehr als in Deutschland; also: grösstenteils, weil wir sehr nah an der Grenze wohnen und so unsere Lebensmittel in Deutschland einkaufen) in Sachen Wohneigentum, in Sachen Vereinsbeiträge, Kinderbetreuung (wohooooow), in Sachen Auto, Versicherungen (wohoooow, die zweite), Dienstleistungen, ÖVs.
Wir nutzen das deutsche Strassen- und Schienennetz nahezu nicht, wir nutzen keinen deutschen Kindergarten, keine deutsche Schule, wir gehen nicht zu deutschen Ärzten (und wenn, dann würde unsere schweizer Krankenkasse ein Vermögen dafür bezahlen, das wiederum aus dem Vermögen, das wir an unsere Schweizer Krankenkasse bezahlen, bezahlt wird), wir haben weder deutsche Renten- noch Arbeitslosenversicherungen.
Tja. Und jetzt kommt rot-grün und sagt: wir sind jetzt total sozial gerecht und alle Spitzenverdiener müssen 49% Steuern zahlen und ausserdem müssen alle deutschen Staatsbürger in Deutschland Steuern zahlen, egal wo sie arbeiten und leben. Da der Hübsche und ich nach Ansicht von Herrn Gabriel Spitzenverdiener sind (ohne Witz: sogar mein Teilzeitgehalt würde als Spitzengehalt eines Alleinverdieners gelten, wobei ich da jetzt auch verschiedene Grenzen gefunden habe...) sollten wir also nach Wunsch von Herrn Trittin die Hälfte unseres Einkommens in Deutschland als Steuern bezahlen (gut, abzüglich der Steuern, die wir schon in der Schweiz gezahlt haben). Mit dem Rest, der uns bleiben würde, wären wir in der Schweiz vermutlich armengenössig und hätten Anspruch auf staatliche Beihilfe bei Krankenkasse, Kinderbetreuung etc..
Klar, man könnte sagen, der Hübsche und ich haben eine aus deutschen Steuergeldern finanzierte Ausbildung genossen, die es uns erst ermöglicht, in der Schweiz den grossen Reibach zu machen, aber: dafür haben unsere Eltern mehr als genug (an Steuern) bezahlt und wir sind damals nicht aus reiner Geldgier in die Schweiz gegangen, es gab damals in Deutschland einfach nicht die Jobs, die wir wollten.
Und ganz ehrlich: ich überlege zwei Dinge: erstens: ich hole vielleicht doch Briefwahlunterlagen oder aber ich lasse meine Aufenthaltsbewilligung nicht nur verlängern (ist mal wieder fällig), sondern erkundige mich mal bei uns auf der Gemeinde, was denn nötig wäre, um die Schweizer Staatsbürgerschaft anzunehmen. Mehr als der Bundesadler in meinem Pass verbindet mich ja nicht mehr unbedingt mit Deutschland.... oder doch? Vielleicht mache ich das doch von dem Ausgang der Bundestagswahl abhängig....

Nachtrag: und jetzt kommts raus: Politik und ich, das heisst gesichertes Halbwissen. Ich bin mir (fast) sicher, dass ich die Geschichte mit der USA-artigen Doppelbesteuerung in irgendwelchen Nachrichten gesehen oder zumindestens auf halbem Ohr gehört habe. Aufhänger war, sozusagen die gemeinen Steuerflüchtlinge wie die Schumachers und Vettels und Beckenbauers (und Brüllens) dieser Welt eben auch in Deutschland zur Kasse zu bitten. Jetzt finde ich das natürlich nirgends mehr und die Recherche in Wahlprogrammen etc. bestärkt mich wieder in der festen Meinung: Politik und ich, das wird nix.