Donnerstag, März 06, 2008

Langsam werde auch ich schwurbelig

Wer mich kennt oder hier schon ein Weilchen liest, weiss, dass ich eigentlich kein schwurbeliger Mensch bin. Ich plane lange voraus, überlasse am liebsten nichts dem Zufall, bin am liebsten für alle Eventualitäten gerüstet, bin pünktlich, glücklich, wenn ich Listen und Pläne machen und mich dran halten kann. Das ist kein Eigenlob, das ist einfach so.
Little Q. hat meine Planeritis zunächst ein bisschen durcheinandergebracht, aber mittlerweile bin ich, wie man bei uns in der Firma so schön sagt, back on track: Es gibt einen (mehr oder weniger) festen Wochenplan, einige Alternativpläne, wenn das Wetter, die Gesundheit oder was auch immer nicht mitspielen sollte. Ich kann mittlerweile im Halbschlaf Taschen für die verschiedensten Anlässe und Kombinationen von Anlässen packen: Ganzer Tag bei der Au-el Family, evtl. davor noch zum Sporteln, Little Q. übernachtet bei Au-el, wir gehen zum Spielplatz, evtl. noch zum Glascontainer, zum Batterienwegbringen, zur Post etc., das ist alles gespeichert, alles optimiert.
Seit drei Wochen läuft aber fast gar nix mehr nach Plan, weil das Riesenprojekt eben (anscheinend) nicht planbar ist, auch wenn ich alles versuche, um das zu tun.
Gestern abend/heute vormittag wurde es dann so chaotisch, dass ich wirklich von Schwurbelitis erfasst wurde und im Nachhinein heilfroh bin, dass ich nichts Wesentliches irgendwo vergessen habe (zB das Kind beim Zoll oder so).
Hier also die Zutaten, die es braucht, um Frau Brüllen schwurbelig zu machen:
Hintergrundrauschen im Hirn: die in nächster Zeit zu erledigende/planenden Sachen wie:
  • Staubsaugen, alles voller getrockneter Nudeln und Wollmäuse
  • Bäder müssten dringend wieder geputzt werden
  • die Osterseife müsste begradigt und fotografiert werden
  • Ist Schwester 3 wieder aus dem Urlaub da? Achja, sie hat ja auf den AB gesprochen. Nochmal abhören, diesmal Stift zum Aufschreiben der neuen Telefonnummer bereithalten.
  • Schwester 4 wollte auch zu Besuch kommen. Wann?
  • Geburtstagsgeschenk für Sohn von Schwester 2: Ach nein, das hab ich ja schon erledigt.
  • Wann hat meine Trauzeugin nochmal Entbindungstermin?
  • Ostern Lammhaxen oder Lammkeule?
  • Hab ich die Fährtermine für Elba nur gecheckt oder schon gebucht?
  • Steuererklärung!
  • Was mach ich mit dem Grünkohl im Kühlschrank (danke Bioabo, jetzt gibt es heute abend Preissngemüse nach CDU-Art)?
  • Ob der Bollo noch ansteckend ist? Wir wollen doch am Samstag hinfahren.
Soweit also die Hintergrundgedanken, die automatisch im Hirn umgewälzt werden und dank jahrelanger Übung irgendwann in Form von Listen, Einkaufszetteln etc. ausgespuckt werden.
Der Plan für den gestrigen Abend sah ursprünglich so aus: der Traum wird wahr, der Hübsche und ich gehen nachmittags zum Zahnarzt, dann holen wir Little Q. aus der Krippe, daheim reparieren Little Q. und der Hübsche das Fahrrad, ich gehe Sporteln, koche Abendessen, danach machen wir ganz gemütlich die Steuererklärung.
Der Traum wurde natürlich nicht wahr, also Alternativplan:
Der Hübsche geht allein zum Zahnarzt, holt Little Q. und mich ab, sie reparieren das Rad, ich gehe nicht zum Sport, sondern koche gleich und warte auf einen nächtlichen Anruf für eine Routinegeschichte in der Firma, die ich aber vor Ort betreuen soll.
Soweit so gut. Allerdings schreckt uns der Anruf früher als erwartet aus dem gemütlichen Steuererklären (gerade bei "Haben Sie oder Ihre Ehefrau Kapitalleistungen aus Säule 1,2 oder 3a erhalten?"), es ist auch keine Routinesache, sondern en Riesenmist und ich muss entscheiden, wie es weitergeht. Tue ich auch spontan, um mich nach fünf hektischen Minuten ("Scheissescheissescheisse, was mach ich jetzt, warum steht der Kollege, der sonst immer alles besser weiss, nicht im Telefonbuch, warum geht der Chef, der gesagt hat, seine Mitarbeiter sollen ihn lieber mitten in der Nacht anrufen, anstatt alleine Mist zu machen, nicht ans Telefon?") umzuentscheiden und das Ganze vor Ort zu klären.
Der Hübsche wird also mit der Steuererklärung allein gelassen, ich brause mit noch duschfeuchten Haaren, ungeschminkt, im H&M-Sack in die Firma (ist ja eh egal), kläre, entscheide, kommuniziere die Entscheidungen, plane den nächsten Tag schon voraus, kommuniziere den Plan, fahre mit gutem Gefühl nach Hause.
Die Nacht ist ruhig, der nächste Tag ist ja auch schon geplant:
Eckpfeiler: Wochengrosseinkauf, danach Kinderturnen. Irgendwann zwischendrin wird ein Anruf aus der Firma erwartet, der mich wieder in hektische Rechnereien stürzen wird.
Erste Hürde: das Handy ist weg. Kurz rekapituliert: kann nur gestern nacht im Büro geblieben sein. Also Planänderung: kleiner Umweg übers Büro, kann ich gleich noch mündlich alle Änderungen kommunizieren. Little Q. findet "Mami Büro mit Helm!!!!" eh super.
Also, mit Kind auf dem Arm die Analytiker beruhigt (was zwickt da so an der linken Hüfte, auf der das Kind sitzt? Achja, die Verbrennung, die ich mir gestern am Heisswasserhahn unter der Dusche geholt hab), Kollegen gesucht, nicht gefunden, egal, sie haben den Plan etc. ja per Mail.
Auf zum Grosseinkauf, immer noch in Erwartung des Anrufs, immer noch am Ausspähen von guten Plätzchen zum Rechnen.
Einkauf fertig, gezahlt, verpackt, auf gehts nach Hause. Ich denke mir noch im Vorbeifahren kurz vor der Autobahn:"Guck mal, der Feldweg, da könnte man schön rechnen...", als das Handy klingelt. Zu spät, vorbei. Ich quetsche in kurzes "Ich ruf gleich zurück" in den Hörer, brause über die Grenze und fange dann am Zollparkplatz das Rechnen an.
Zeitplan übrigens ganz blöd: mein Mitarbeiter, der die Rechenergebnisse in Vertretung kommunizieren soll, ist um 9:06 sicher in der heiligen Kaffeepause. Also muss der Hübsche ran: Mitarbeiter suchen, Rechenergebnisse mitteilen, Auftrag zum Kommunizieren geben, Einkäufe verzollen, überprüfen, dass Kind und Handy da sind, heimfahren.
Kaum habe ich die erste Kiste aus dem Auto gehievt, klingelt schon wieder das Telefon: "Hallo, Frau Brüllen, da ist Lehrling Superwitzig, ich soll Ihnen ausrichten, dass alles kaputt ist......nein, nur ein Spässle. Wir warten auf die Rechenergebnisse." Also, Kiste abgestellt, auf der Treppe von der Tiefgarage nach oben in der Umhängetasche zwischen Wickeltasche, Taschentüchern, Gratissammeltruck von Ehrmann etc. nach dem Zettel mit den Zahlen gewühlt, kommuniziert, auch dass mein Mitarbeiter auf dem Weg zum schriftlichen Kommunizieren ist. "Ach ja, dann warte ich auf den." (Neuen Gedanken in die Hintergrundumwälzpumpe eingespeist: in der Firma nicht mehr so viele Spässle machen.) Kontrollanruf beim Hübschen: ja, er hat alles ausgerichtet.
Little Q. ist mittlerweile mit der Gummibärlitüte abgehauen und verzweifelt am Öffnen. Ich sause hinterher, gebe ihm die versprochenen zwei, schleppe die Einkäufe fertig rein, öffne Little Q. den versprochenen Joghurt ("MIT SCHOKOBÄLLCHEN!"), schaue weg, als er einen Teil der Schokobällchen am Boden verstreut, öffne mir eine Bionade, nehme den Anruf des Hübschen: "jetzt ist wirklich alles erledigt" entgegen, fluche über den Grünkohl, der den ganzen Kühlschrank blockiert, checke nach dem Fertigeinräumen meine Geschäftsmails auf Reaktionen auf meinen Alternativplan (keine), während Little Q. mit dem Netzteil meines Laptops das Wohnzimmer löscht.
Der Weg zum Kinderturnen und das Kinderturnen selber verlaufen erstaunlich ereignislos. Erst als ich danach gerade dabei bin, mir die Wegbeschreibung zum Vaki-Turnen am Samstag abzuholen, klingelt das Handy wieder, Lehrling Superwitzig hat noch was aufgetan, was sich aber schnell klären lässt. Muss der Hübsche halt am Samstag alleine hinfinden.
Daheim angekommen werden das Kind, die Post, der Bioabosack (immer noch Grünkohl im Kühlschrank) und das Turnzeug verstaut, ein schnelles Mittagessen aufgewärmt, am Telefon vom Hübschen mitgeteilt bekommen, dass die Kollegen meine Mail gar nicht gelesen haben, deswegen mich am Handy erreichen wollten, ich wäre aber nicht dagewesen (ja, wir haben eine Stunde lang geturnt.), er hätte ihnen aber alles erklärt. Zu guter Letzt mit menem Mitarbeiter den heutigen Versuchsplan besprochen. Alle Telefonate des heutigen Tages wurden übrigens mit Little Q. Fragensperrfeuer "Wen Mami anruft? Wer das ist? Wo der wohnt? Was der macht? Was Mami sagt? Was der sagt?" begleitet.
All das zusammen, das war ein bisschen viel für mich.
Jetzt ist das Kind im Bett, der Grünkohl blanchiert, das Wohnzimmer gesaugt, kein Kollege erreichbar, also werde ich mir jetzt einen Kaffee machen und mich mit Buch auf dem Sofa entschwurbeln, bis Little Q. aufwacht.

Kommentare:

tonni hat gesagt…

Oh weh. Ich wär da sicher nicht nur schwurbelig. ...
Ich drück die Daumen, dass bald wieder Ruhe einkehrt!

Silberpfeil hat gesagt…

Uiii. Jetzt ist mir auch schwurbelig. Nur vom Lesen!

rage hat gesagt…

ich hab nur den bollo-teil gelesen und kann sagen: nein, er ist nicht mehr ansteckend. er hat zwar noch pusteln, aber die sind alle trocken. dann, so sagte man in der krippe, sind sie nicht mehr ansteckend. und da war er ja gestern auch.

insofern: wir freuen uns! :-))

stadtfrau hat gesagt…

da wird mir allein vom lesen schwurbelig! bist dann auch irgendwie müde nach so einem tag?

Das kleine Brüllen hat gesagt…

@rage: sehr gut. Wir freuen uns auch schon sehr. (Weder Little Q. noch ich hatten bisher Windpocken)
@stadtfrau: das war ja nur der Vormittag ;-). Aber ernsthaft: ich hätte auch gerne Mittagsschlaf gemacht. Früh ins Bett ist heute leider nicht wegen Heroes-Finale.
@all: nur noch nächste Woche, dann geht wieder alles nach Plan...

Marion hat gesagt…

Hoffentlich hat sich Dein Tag mittlerweile ein bisschen beruhigt und er war nicht mehr gar so schwurbelig?

Liebe Grüße aus TS

Pampersfront hat gesagt…

.....mein Leben ist echt fad....furchtbar fad ;-)

Eloise hat gesagt…

Ich wünsche dir ein bisschen mehr Gelassenheit in manchen Situationen....wobei ich dein Organisationstalent total bewundere - einfach perfekt, wie du das alles schaffst!

Junimond hat gesagt…

Ich finde das ganz und gar nicht schwurbelig, sondern ziemlich einen-kühlen-kopf-behaltend und organisiert.
Ich hätte irgendwann (vor dem telefonieren auf der Tiefgaragen-Treppe) die Flügel gestreckt.
Ich wünsche baldige Erholung!

Angel hat gesagt…

Nicht schlecht. Gratuliere zum kühlen Kopf und wünsche erfolgreiches Entschwurbeln.
(Und ich dachte, ich hab viel um die Ohren. Naja, bei mir ist zumindest die Heimfont ruhiger.)

Das mit dem Hintergrundrauschen, wo irgendein untergeordneter Prozess sämtliche noch zu erledigenden Dinge sortiert und priorisiert, ist hier übrigens auch so. Auch die Sache mit den Listen und der Ausweichplanung und der Ausweichplanung für die Ausweichplanung, usw. ALLES muss ordentlich geplant werden, egal wie oft die Pläne umfallen. Dafür steh ich selten da und weiss nicht weiter, egal wie durcheinander alles ist. Ich hab so gut wie immer irgendeine Alternative im Ärmel :-)