Montag, November 13, 2017

Bloggen: ja, aber...

Ich habe ja lang (anderthalb Tage :-)) hin und her überlegt, ob ich über die Swiss Blog Family jetzt was schreiben soll oder nicht. Ich war schon so weit, das ich gesagt hätte: "Ach komm, lass gut sein.", aber dann hat Susanne von Ich lebe! Jetzt! heute einen so schönen, ehrlichen Post darüber (und mehr) veröffentlicht, dass ich mir dachte: "Komm, ein bisschen was sagst Du auch noch dazu." (Gehen Sie den doch schnell mal lesen und kommen dann zurück, okay?)

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Gelesen? Okay, dann geht's jetzt hier weiter.


Man kann natürlich jede Art von Kritik, die ich übe, mit der Frage abbügeln: "Warum gehst Du dann zu sowas eigentlich hin? Zweimal?" und ja, die ist durchaus berechtigt. Andererseits wurde ich diesmal ja eingeladen, an der Podiumsdiskussion "Bloggen: Hobby oder Beruf?" teilzunehmen. Das war übrigens auch das Gesamtmotto der Konferenz und ... ja, ich hätte mir ein wenig mehr zur Hobbyseite erwartet als ... sorry, gar nichts. Und nein, für mich sind nicht alle diejenigen, die vom Bloggen nicht leben können, per se Hobbyblogger, dazu reiten mir gerade die typischen Eltern/Mamablogger zu sehr darauf rum, dass das ja mal alles Arbeit und sein Geld wert wäre.
Nun ja. Ich habe ein paar andere Vorträge gehört als Suse, weil ich zB unbedingt wissen wollte, was denn das berühmte SEO und Storytelling nun eigentlich sind und was das bedeuten soll. Ich meine: Lästern oder aus Prinzip Verweigern ist schön und gut, aber man sollte wenigstens wissen, worüber man lästert oder was man verweigert, nicht dass man es am Ende doch macht :-).

Beim SEO weiss ich leider nach wie vor nicht, was es ist und was es einem bringen soll ausser einem Google Page 1-Eintrag zu beliebig abstrusen Themen wie "Topfentorte" oder "Lila Weihnachtskeks". Irgendwie muss man sich dazu allerdings Reichweite kaufen, weil umsonst gibt es nix und irgendwie, da ist mir aber der Zusammenhang ein wenig abhanden gekommen, hilft es auch noch, wenn man juicy Themen anbringt, weil "Sex sells". Oder Herztransplantationen. Ja. Ich glaube, ich mache kein SEO.

Beim Storytelling ist es ein bisschen anders, Lovey Wymann war so unglaublich begeistert und engagiert bei der Sache, das war wirklich herzerwärmend und ansteckend. Fast. Wenn nicht bei mir hängengeblieben ist, dass Storytelling einerseits nichts anderes ist, als wir früher in der Schule Erlebniserzählungen zu schreiben gelernt haben (Ich habe nicht nur den einzigen Chemiker geheiratet, der nicht gerne kocht, ich bin vielleicht auch die einzige Bloggerin, die es nicht schon zu Schulzeiten und noch davor geliebt hat, Geschichten zu schreiben. Ich fand es im Fall superdoof.) und sich mein Hirn nicht andererseits an dem Satz aufhängen würde: "Eine Geschichte muss nicht wahr sein, nur bei der Message darf man keine Kompromisse machen". Und das finde ich für alles ausser Fiktion (und Kolumnen in Elternzeitschriften und Gratissupermarktheftchen) einfach schäbig. Ich lese Blogs, weil mich die Menschen dahinter interessieren, nicht die Parabeln, die sie total verfremdet aus irgendwas stricken, was sie glauben, dass bestimmt irgendjemand mal passiert sein könnte, um damit zu illustrieren, dass Mütter es halt schon auch nicht immer leicht haben. Mit einem Augenzwinkern.

Tja, und dann die Podiumsdiskussion. Es hätte eigentlich alles sehr schnell vorbei sein können, weil ich ja eigentlich dachte, wir wären uns alle einig: "Jede(r), wie er/sie mag". Okay, das ist jetzt vermutlich nicht direkt eine spannende Diskussion, und deswegen verstehe ich auch, dass ein bisschen gebohrt und provoziert wurde. Währenddessen (und, wenn ich ehrlich bin, immer noch) fand ich es dann aber echt unangenehm (unhöflich, unfreundlich), dass ich das Gefühl hatte, man würde mir nicht zugestehen, dass ich professionelle Blogs (und damit meine ich ehrlich gesagt all die, die ihr Blog als Mittel zu Zweck, sei es als Portfolio, mit Werbekunden, mit dem Ziel, Texte als Kolumnen zu verkaufen, als Magazin, mit bezahlten Kooperationen und auch als Markenbotschafter) einfach nicht mag. Und nicht lese, weil sie mir nicht gefallen, weil ich sie einfach langweilig finde. Weil sie nichts in mir zum Klingen bringen. Nichts auslösen. Ausser den Gähn- und Aufgenrollreflex. Manchmal. Wenn ich so etwas lesen wollen würde, dann würde ich auch Elternzeitschriften (oder Supermarktzeitungskolumnen oder die Apothekenrundschau) lessen. Das mache ich aber auch nicht und ich finde nicht, dass ich mich dafür rechtfertigen muss.
Wenn ich jetzt unglaublich stolz wäre auf mein Blog, das ich högscht professionell seit einem Jahr gemäss allem, was ich in SEO- und "Wie blogge ich erfolgreich"-Workshops gelernt habe, aufgezogen habe, und das eins meiner beruflichen Standbeine wäre, jo, dann fände ich es vermutlich auch doof, wenn mir eine, die das seit vielen Jahren einfach nur aus Spass macht, ohne irgendwelche Regeln zu befolgen, und die nicht mal die Extraklicks, die sie durch eine Verlosung generiert, zu schätzen weiss, sagt, dass sie "solche Blogs nicht mag".
Ich auf der anderen Seite bin mir nicht sicher, ob ich es unverschämt finde oder ... naiv, dass ich mit vorwurfsvollem Ton gefragt wurde, warum um alles in der Welt ich denn ein öffentliches Blog hätte, wenn mich Leserzahlen und Reichweite (und das, was man da rausholen könnte) so gar nicht interessieren.

Liebe Mitdiskutantinnen, und viel mehr meine lieben Leserinnen und Leser,
ich schreibe zwar vor allem darüber, was mich beschäftigt und bewegt, aber mein Blog lebt wie alle Blogs vom Austausch. Es gibt so viele Menschen, die ich nie kennengelernt hätte, Gedanken, die ich mir nie gemacht hätte, Sorgen, die ich mir nie gemacht hätte, Freudensprünge, die ich nie gemacht hätte, Augen, die ich bedeutend weniger gerollt hätte, Tränen, die ich nie geweint hätte, Tage und Abende, die so viel langweiliger ohne die Einblicke in Ihre Gedankenwelten gewesen wären, das ist etwas, das man nicht mit Geld aufwiegen kann.
Und wenn ich mir die Blogstatistik der letzten Jahre so anschaue (Blogger hat den Counter erst 2010 eingeführt oder ich habe ihn erst dann gefunden), fanden Sie das alle auch nicht langweilig genug, um nicht immer wieder hierherzukommen. Mehr als 19 846 849 mal.
Ja, Bloggerstatistiken. Kein Google Analytics tralalala, weil: mir wurscht :-).


Anyway, es war eine lehrreiche Erfahrung, ich bin mir jetzt noch sicherer, dass ich mein Blog nicht ansatzweise professionalisieren möchte, auch wenn das heisst, dass mein Krustenbratenrezept niemals auf Seite 1 bei Google landen wird und mein Einbindetutorial für Schulbücher mit nichtklebender Folie mit oder ohne geschminkte Hände nur von wirklich verzweifelten Bloglesern gefunden werden wird. Und dass der Post über die nackte Frau auf der Strasse immer noch gern gefunden wird (und vermutlich die Suchenden sehr enttäuscht.)


Und für unser aller Seelenfrieden werde ich auch auf keine Bloggerkonferenz mehr gehen, wie professionell sie auch organisiert sein mag (und in dem Zusammenhang finde sogar ich Professionalität grossartig und man kann es nicht besser machen als Severine, Katharina und Martin!)