Dienstag, August 22, 2017

Schall. Rauch.

Letztens gab es ja auf Twitter die Diskussion, warum auch heute noch Frauen ihre Identität aufgeben, indem sie bei der Hochzeit den Namen ihres Mannes annehmen.
Ich finde diese Unterstellung ja sehr beknackt nicht sehr weit gedacht und lustigerweise kam das „Mädchenname ist Identität, ihr armseligen, unfeministischen  Weibchen ohne Selbstwertgefühl“-Gekrähe der Tenor gefühlt vor allem von den Frauen, die mit ihrer Herkunftsfamilie täglich telefonieren, am Wochenende mindestens drei Mahlzeiten zusammen einnehmen und immer noch traurig sind, dass sich das mit dem Mehrgenerationenhaus nicht ausgegangen ist, weil FAMILIE IST IDENTITÄT UND DAS BESTE DER WELT.

(Sie merken, wie ich das hier mit Absicht zuspitze? Und dass ich das Thema eigentlich überhaupt nicht diskutieren möchte? Super. Ich habe mich grad ein wenig hinreissen lassen. Hmpf. Nuja.*)

Also. Wie Sie ja wissen, habe ich den Namen des Hübschen angenommen, aus guten Gründen, nicht nur deswegen weil ich die Hänselei mit meinem Mädchennamen leid war, weil der Hübsche (und sein Bruder, aber der hat eine eigene Partnerin :-)) einen einzigartigen Namen hat, weil ich aus sehr persönlichen Gründen den Namen meines Vaters und seiner Familie nicht als einen meine Identität stiftenden Faktor sehe. (Dafür wurden die Kinder nicht katholisch getauft, das ist auch mal ne ganze Menge wert).

Für alle übrigens, die sich unglaubliche Sorgen machen, dass ich damit meine Googlebarkeit aufgegeben habe und all meine Leistungen VOR der Hochzeit nicht mehr auffindbar sind, relax! Ich habe da natürlich dran gedacht und erstens finden Sie meinen Mädchennamen in allen berufsbedingten Netzwerken, auch wenn Sie meinen Ehenamen googlen finden sie alle meine Veröffentlichungen, auch die unter meinem Mädchennamen, weil ich ja damals schon ein Dreamteam in jeder Hinsicht mit dem Hübschen war und wir unsere meisten Paper, Buchbeiträge und so weiter gemeinsam verfasst haben, d.h. unsere damals noch beiden Namen da draufstehen.

Mit meinem mittlerweile einzigartigen Namen finden Sie das übrigens alles viel schneller als mit meinem Mädchennamen, bei dem man erst aus den Zilliarden anderer Personen raussortieren muss. (ja gut, der zweite Platz im Vorlesewettbewerb in der fünften Klasse, diverse Konzert- und Theaterauftritte, das beste Abitur des Landkreises, die Studienstiftungsaktivitäten, Turniertanzfotos, die finden Sie da nicht. Aber die fänden Sie auch mit dem alten Namen nicht, damals gabs nämlich noch gar kein Internet.)


Aber warum schreibe ich das heute, wo das auf Twitter (zu recht) schon keinen mehr interessiert und ich auch endlich fertig damit bin, mich nicht drüber aufzuregen?


Also: ich hatte heute bei der Arbeit einen Lieferantenbesuch und beim obligatorischen Visitenkartenaustausch meint der eine: „Mhmm, your name sounds familiar... have you previously been working in Mannheim? Or Ludwigshafen?“ Und dann habe ich ihn genau angeschaut, mir die Haare etwas weniger grau vorgestellt und nochmal genau nachgeschaut, was sie uns eigentlich liefern wollen und da war es mir klar: er war damals der europäische Vertriebspartner des japanischen Lieferanten für mein allererstes Herzblutprojekt in meinem ersten Job. Hätte ich damals noch meinen Allerweltsmädchennamen gehabt, hätte er sich sicher nicht erinnert :-). (optisch wäre es auch schwierig geworden. Das Ganze ist 13 Jahre her, ich hatte damals blonde lange Wallehaare bis fast zur Hüfte und eine kleine runde Metallbrille. Und halt 13 Jahre und zwei Kinder weniger Lebenserfahrung). Vielleicht hat er sich aber auch nur an meine diplomatischen Fähigkeiten erinnert, spätestens in dem Moment, als mir dämmerte, wer er ist: „Ah, right, THIS project, where you sent us the phosphine in solution, that crystallized on the plane and was a real pain to redissolve and the Japanese did not believe us?“, weil der Tag, an dem ich aus Versehen ganz viel über interkulturelle Missverständnisse lernte, an den erinnere ich mich auch noch sehr gut.




* Ach, was solls: Klar nehmen (immer noch) mehr Frauen den Namen ihres Mannes an als umgekehrt. Vermutlich hat nicht jedes dieser Paare diese Entscheidung bewusst, auf Augenhöhe und gleichberechtigt in jeder Hinsicht getroffen. Aber hey: das Recht, den Ehenamen frei zu wählen, gilt in Deutschland seit 1976, das mag einem lang erscheinen, heisst aber auch, dass die Generation unserer Eltern meist noch gar keine Wahl hatte und so sozialisiert ist, dass Männername = Ehename und das auch automatisch an ihre Kinder (=unsere Generation) weitergegeben hat. Wer kann denn ernsthaft glauben, dass sich dieses Ungleichgewicht bis heute schon automatisch ausgleicht? Dementsprechend ist der Mädchenname unserer Generation der Name unserer Väter, jetzt auch nicht unbedingt der allerfeministischste Ansatz, genau DEN als seine Identitätsstifter zu definieren, oder?
Klar könnte man jetzt sagen, es ware feministische Ehrenpflicht, dem Abhilfe zu schaffen und auf dem Frauennamen als Ehenamen zu bestehen, aber es wäre ja schon auch schön, wenn man aus seiner eigenen privilegierten Lage mit einer wunderbaren, glücklichen Herkunftsfamilie anderen Leuten in anderer Situation zugestehen würde, dass sie auch durchaus in der Lage sind, durchdachte, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und ein Namenswechsel nichts mit einem „Besitzaufkleberwechsel“ zu tun haben muss.