Montag, Oktober 27, 2014

Ich hab die Nase voll.

Disclaimer vorneweg: auch wenn Sie in letzter Zeit oder irgendwann einen Blogpost oder Tweets zum Thema Vereinbarkeit geschrieben haben: hier geht es nicht um Sie. Vielleicht habe ich Ihren Artikel gelesen, vielleicht auch nicht, vielleicht hat mich Ihr Post/Tweet mit zu diesem Post bewegt, vielleicht nicht. Ich greife Sie hier nicht an, es geht einzig und allein ganz egoistisch und selbstverliebt um meine Wahrnehmung der Thematik. Ich weiss auch, dass Ihnen das grad wurscht ist, wenn Sie sich angegriffen oder beleidigt fühlen, aber dann ist das halt so. Ich habs wenigstens gesagt, wie ich das hier meine.

So. Jetzt aber:

Am Samstag war ich mal wieder beim Friseur und nachdem ich mich in der Gala eingehend drüber informiert hatte, wer mit wem und wer nicht mehr mit wem anders, war die Hairstylistin meines Vertrauens immer noch nicht fertig und ich musste also eine Brigitte zur Hand nehmen, etwas,w as ich ja sonst tunlichst vermeide.

Da fand ich eine Kolumne zum Thema Vereinbarkeit, die bei mir das Fass zum Überlaufen brachte (Tenor: Vereinbarkeit von Job und Familie ist genauso irre wie zu erwarten, dass Sauerkraut mit Gummibärchen schmecken würde. Leider finde ich den Text nicht online, ich würde ihn gerne Zeile für Zeile zerpflücken).

Seit einiger Zeit vermeide ich es, Blogposts und Artikel dazu zu lesen, ich schaue mir keine Diskussionsrunden dazu an, ich sage auch unter Freunden und Bekannten eigentlich nichts mehr dazu (wobei: da umgebe ich mich ja grösstenteils mit Menschen, die ähnlich ticken wie ich oder meine Meinung dazu mittlerweile so gut kennen, dass sie nicht mehr diskutieren müssen), weil ich es einfach so müde bin.
Ich bin es müde, von Männern, deren Frauen daheim glücklich sind (oder zumindest scheinen), erzählt bekomme, dass es eben für Frauen auch gar nicht geht, einen verantwortungsvollen Job und Familie unter einen Hut zu bekommen.
Ich bin es müde, von ebendiesen Männern zu hören, dass die Regelung mit "3 Tage pro Fall kindkrank-frei" ja zum Ausnutzen des Systems auffordere und man ja wohl sich auch anderweitig organisieren könne und sie zB hätten noch nie wegen eines kranken Kindes gefehlt.
Ich bin es müde, von Frauen, die voll zu Hause sind, zu hören, dass es nur so geht und dass sie ja zugunsten ihrer Kinder auf Karriere (das wird dann in einem angewiderten Ton ausgesprochen, weil wer will denn sowas.) verzichten, weil nur so könnten Kinder ja glücklich aufwachsen.
Ich bin es müde, von Frauen, die einen Teilzeitjob, aber eine Vollzeitkinderbetreuung haben, zu hören, dass es ja nur so geht, weil man sich ja wenigstens noch eine Stunde aufs Sofa legen muss, bevor man die Kinder abholt.
Ich bin es müde, von ebendiesen Müttern zu hören, das es ja so ungerecht sei, dass man mit einem Teilzeitjob keine Karriere (man spricht das dann mit einer Mischung aus Sehnsucht und Abscheu aus) machen könne.
Ich bin es müde, von Arbeitgebern zu hören, dass man total familienfreundlich wäre, weil man Homeoffice möglich macht, im Sinne von: Die Arbeitnehmer können schon um fünf heimgehen und Zeit mit ihren Kindern verbringen und dann total problemlos noch ab 21:00h mit San Francisco videokonferenzieren.
Ich bin es müde, das Jammern zu hören, dass der gesamte Job sich nicht an den Trainingszeiten oder den Musikschulzeiten der Kinder orientiert.
Ich bin es müde, das Jammern zu hören, dass Kindergärten, Schulen, Sportvereine Termine zu Arbeitszeiten der Mütter fordern.
Ich bin es müde zu hören, dass Vollzeitbetreuung und Ganztagesschulen das Bullerbü-Leben, das so viele in den 70ern und 80ern anscheinend geführt haben, unmöglich macht.
Ich bin es müde zu hören, dass Jammern zu hören, dass man ja alles (Kinder, Training, Musikschule, Arbeit, Weiterbildung, Extratermine) als Frau allein unter einen Hut kriegen müsse, weil der Mann ja die Woche über nicht da oder nicht greifbar wäre, weil er ja auch total viel arbeiten müsse, und deshalb ginge das ja alles gar nicht.
Ich habe die Nase voll von Müttern, die eine grossartige Ausbildung und einen grossartigen Job hatten, aber dann nach Geburt ihrer Kinder auf einmal Experten in Kindercontent wurden und ihre Existenzgründung als Kindercafebetreiberin, Secondhandladenbetreiberin, Windelselbststrickerin, Babymassageworkshop und Trageberatung etc. als einzig Wahres und für alle seligmachenden Schritt auf dem Lebensweg propagieren, weil "Ein 9to5-Job lässt sich nicht mit Kindern vereinbaren" oder "Mein alter Job, das war ja klar, dass das nicht geht".
Ich bin die Aussagen von zu Hause bleibenden Müttern satt, dass allein das ja alles so brutal kompliziert und anstrengend wäre, ein Job ginge da gar nicht mehr.
Ich bin das Gejammer, dass alles so anstrengend sei und deshalb ja auch nicht gehen könnte, einfach so satt.
Ich bin es leid, das Gejammer zu hören, dass der Chef kein Verständnis dafür hätte, wenn man daheim bleibt wegen krankem Kind oder Laternenbasteln oder dass die Kollegen dabei nicht "Hurra" schreien.
Ich bin die Aussagen, dass mit ein bisschen Vernetzung und Wille dazu Vollzeitjob, Familie, Hobby und Reisen total problemlos unter einen Hut zu bekommen seien, man müsse nur wollen, wer das anstrengend fände, macht irgendetwas falsch.

Ich möchte darauf eigentlich nur drei Sachen entgegnen.

1. Eins meiner Lieblingszitate aus einem meiner Lieblingsfilme (ab 00:50)





Eben: es ist NICHT einfach, wer das denkt und glaubt, der sollte langsam mal aufwachen. Das Leben war noch nie ein Ponyhof oder ein Wunschkonzert und auch in Themen ausserhalb der Vereinbarkeit regiert nicht nur rosa Zuckerwatte und Einhornglitzer. Live aus der Plattitüdenkassen ist mit "Man kriegt nichts geschenkt" und "Wenn man nicht will, dann gehts auch nicht" und "Man muss Prioritäten setzen" eigentlich das meiste dazu gesagt.

2. Bei all diesen "es geht nicht"s frage ich mich immer: Wo um alles in der Welt sind denn bei diesen Müttern die Väter? (und da merkt man schon, falls Sie jetzt zB alleinerziehend sind und Ihnen die ganze Zeit schon auf der Zunge liegt "Aber ich MUSS das alles allein machen, mir hilft niemand!", ja, es gibt Familiensituationen, da ist es schwierig, da kann niemand was dafür, da ist es nicht so einfach, wie ich das hier postulieren, etwas dran zu ändern. Das weiss ich, aber nicht mal ich kann für alles eine Lösung haben) Warum in aller Welt kann nur die Mutter zu einem Kindergartentermin gehen? Warum kann nur die Mutter das kranke Kind zu Hause betreuen? Warum muss nur die Mutter früher oder auch einfach nur mal pünktlich gehen, um das Kind zum Training zu bringen? Und kommen Sie mir jetzt nicht mit den "wichtigen, absolute Flexibilität einfordernden Jobs" Ihrer Männer. Mein Job zB ist dem meines Mannes absolut gleichwertig, mein Pensum annähernd, und dementsprechend teilen wir uns alle Kindertermine. Wir gehen beide zu Elternabenden, Rüben schnitzen, Geburtstag feiern, Kinderstirnen zusammenkleben lassen, Kontrolltermine, Trainingsbegleitungen, Kindergeburtstagsabholservices, ich meine: das ist doch Partnerschaft, oder nicht? Und wenn Sie mir jetzt damit kommen, dass Ihr Mann die ganze Woche woanders arbeitet, tja. Auch das ist ist NIE in Stein gemeisselt. Wenn man sich dafür entscheidet, dieses Modell zu leben (und ja, dafür mag es sicher manchmal gute Gründe geben), dann ist das so, dann ist das aber eine Entscheidung, die man (im besten Fal) als Familie getroffen hat und mit der man halt dann leben muss. Dann wird es kompliziert, aber dafür kann niemand was, ausser den Leuten, die diese Entscheidung getroffen haben. Sorry.

3. Und ja, es ist kompliziert. Immer. Aber es kann funktionieren. Und es kann für jeden anders funktionieren. Es muss stimmen und zwar genau nur für die Familie, die es betrifft. Die möglichen Lösungen sind so unterschiedlich, wie es die verschiedenen Familien sind. Und wenn auf der Chefetage das Verständnis dafür fehlt, ja, meine Herren, meine Damen, Sie sind alle erwachsen, dann stehen Sie halt in Gottes Namen für Ihre Bedürfnisse und Überzeugungen ein. Auch ein Job ist nicht in Stein gemeisselt, es gibt auch andere Arbeitgeber und manchmal hilft es durchaus, nicht immer ja und amen zu sagen, sondern auch mal für sich einzustehen.

Und damit ist eigentlich schon klar, dass die ganzen angeblich allgemeingültigen "Geht nicht." oder "Es sollte aber klappen, es darf nicht so kompliziert sein, mimimimi"-Kolumnen und Artikel eigentlich schon am Thema vorbei sind. Und deswegen werde ich sie auch weiterhin meiden, ich habe einfach die Nase voll, mich darüber aufzuregen. Beim nächsten Friseurtermin bleibe ich bei Gala und Bunte. InStyle vielleicht auch noch.