Sonntag, Oktober 12, 2014

20 Jahre....

Ich muss sagen, ich tue mir nicht leicht mit einem Fazit vom Klassentreffen. Auf die humoristisch, sarkastische, fiese Art wäre es einfach, aber nicht ganz fair. Auf die sentimentale "Oh, so schön, die alle wieder zu sehen" auch, aber da wäre es noch weniger wahr. Hmmmmm.
Also: ich habe mich mit einer sehr guten Freundin vorab schon mal zum Informationen abgleichen, zum Kaffeetrinken, zum nicht alleon reingehen müssen und so getroffen. Logischerweise in unserem früheren Stammcafe zu Schulzeiten.


Ausblick ist immer noch wie immer:

Der Kaffee und der Service leider nicht, oder wir waren früher anspruchsloser, aber es war ja ausserdem Samstag und nicht unter der Woche vormittags oder in der Mittagspause, also vielleicht lag es auch daran.

Irgendwann war es dann soweit und wir machten uns auf den Weg nach oben. Meine Mutter war ganz überrascht, dass sich nicht die ganze Klasse zuerst zu einem gemeinsamen Gottesdienst traf, und ja, wenn man sich anschaut, wo es zur Schule langgeht, dann kann man sich auch darüber wundern:

Das ist auch das letzte Foto, das ich habe, weil mein Handyakku irgendwie spinnt, aber egal.

In der Schule riecht es immer noch wie früher, es hängen auch immer noch (zum Teil) die gleichen Bilder an der Wand. Der Ort meiner Alpträume (das Mädchenklo vor dem kleinen Musiksaal) existiert immer noch (also: da ist nie irgendwas Schlimmes passiert, aber wann immer ich einen Alptraum von der Schule habe, wie Hausaufgaben oder Kleider vergessen, spielt sich das immer auf dieser Toilette ab) ist immer noch an Ort und Stelle.

Im grossen Musiksaal war es dann erst etwas skurril, weil: es sah alles so viel kleiner aus, die Stühle hatten auf einmal Polster und die Leute sahen aus ..... wie mit einem schlechten Gesichtsalterungsprogramm gealtert. Die einen mit grauen Haaren, sonst aber wie immer, die anderen 20 kg leichter oder schwerer, die Haare anders (kürzer, länger oder ab), eine ehemalige Klassenkameradin ist jetzt ein Mann, der komischste Mensch aus meiner Klasse stellte sich als zwei verschiedene heraus (ich hatte die beiden komischsten in meinem Kopf zu einem gemixt), der allerkomischste (ich wusste sogar noch seinen Namen) meinte, er wäre niemals mit mir in einer Klasse gewesen, es gab grosses "Hey, wie gehts, was machst Du, wieviele Kinder, JungeMädchenbeides?"

Beim anschliessenden Essen dann fanden sich dann genau die Leute zusammen, die vor 20 Jahren auf den Klassenfahrten die Zimmer und in den Mittagspausen die Pizzen geteilt haben. Wie einer an meinem Tisch sagte: "Nicht ohne Grund habe ich mit denen da drüben die ganzen 9 Schuljahre nicht geredet".
Nach einem mittellangen Abend muss ich fast fatalistisch anfügen: Nicht ohne Grund habe ich den Grossteil der 45 Personen die letzten 20 Jahre nicht gesehen und vor der Einladung zum Treffen auch nicht an sie gedacht. Das entspricht natürlich nicht dem allgemeinen "Ohhh, wir müssen uns unbedingt bald wieder treffen, nicht erst wieder in 20 Jahren", aber so richtig spannend war das jetzt nicht. Nicht mal mit den Leuten, zu denen ich den Kontakt nicht so ganz verloren habe, hatte ich so richtig viel zu reden. Beziehungsweise: geredet wurde schon, wirklich, aber erstens ist es mir wirklich herzlich egal, ob die kleine Lisa in der Kinderkrippe gezwungen wurde, Griessbrei zu essen, oder der noch kleinere Valentin schon einen Zahn hat, das ist mir genauso egal, wie dass die Handarbeitslehrerin vom Maxi echt fies ist oder ob Lynn im Zimmer ihrer Eltern schläft oder Finn mit 3 immer noch nicht Laufrad fährt. Das finde ich bei den allerengsten Freunden nur mittelspannend, bei Leuten, die ich das letzte Mal gesehen habe, als wir voller Euphorie die Abiturzeugnisse als Start in die grosse weite Welt bekommen haben, ist das .... eine Mischung aus traurig, langweilig und ernüchternd. Mir fehlte der Aufbruchsgeist, die Begeisterung für das Leben, die ..... Jungend? Ist es wirklich so, dass die (ich nicht, ich bin ja noch nicht 40) jetzt alle mit 40+ sich damit abgefunden haben, dass sie in einem Kaff 3 km von ihrem Elternhaus weg wohnen, nach dem Pharmazie- und Biotechnologiestudium (mit Auszeichnung) stundenweise in der Apotheke der Schwiegereltern aushelfen, weil: mit Kindern geht das nicht anders? Dass man seit 15 Jahren in der selben Firma arbeitet, weil "Karriere, das ist mir zu anstrengend, und das lohnt sich jetzt auch nicht mehr?"
Klar, die Leute, die mich wirklich interessiert hätten, wie die totalen Aussenseiter, von denen ich gerne gewusst  hätte, ob sie imme rnoch so allein sind, oder die damals schon schillernden Paradiesvögel, die nicht kommen konnten, weil sie in Neuseeland leben oder in Südamerika auf Tournee sind oder Star oder ein Hurrikan ihnen das Haus kaputtgemacht hat, die kamen schon gar nicht.

Nun denn,  ein Highlight habe ich allerdings noch: vor dem Schultor stellten wir uns zum Gruppenfoto auf und hielten einen Passanten an, der uns fotografieren sollte, einmal normal und einmal mit allen winkend. Da meinte er: "Das müssen wir nochmal machen, es haben nicht alle gewinkt." Und da hörte man, dass auch 20 Jahre die humanistisch-neusprachliche (lassen Sie mich nach Ihren Kommentaren nach Duden-Googlen ergänzen: bayerische) Grundausbildung nicht zunichte machen, es schallte nämlich aus 45 Kehlen unisono: "Das heisst nicht "gewinkt", das heisst "gewunken".