Sonntag, August 10, 2014

Ferienende

Wir schreiben das Jahr 1987, Mitte September, es ist der erste Schultag in Bayern und ein Mädchen mit Pferdeschwanz und extrem hässlicher rosaroter Pilotenbrille ist frisch in die sechste Klasse gekommen. An ihrem Gymnasium bekommt man die Schulbücher für das aktuelle Schuljahr am ersten Tag ausgeteilt, ein paar Schüler müssen immer mit in die Bücherausgabe zum Tragenhelfen. Das Mädchen hatte Glück und habt beim Tragenhelfen noch ein paar ausgemusterte, weil durch Neuauflagen oder andere Ausgaben ersetzte Bücher entdeckt, die sie mitnehmen und behalten durfte.

Die Schule ist zu Ende, die zusätzlichen Bücher passen gar nicht mehr in den Ranzen (man muss alle daheim in Folie einschlagen lassen, das ist einiges zu schleppen), sie trägt sie also unter dem Arm. Der Bus fährt erst in einer halben Stunde, die Sonne scheint, aber an der Bushaltestelle mag sie nicht sitzen, da wird sie mit den Extrabüchern bestimmt blöd angeschaut, die Schule ist schon abgeschlossen, also setzt sie sich in die Sonne auf die Stufen, die den Schulberg hinunterführen und fängt an, ein uraltes Biologiebuch zu durchschmökern. Es geht um irgendwelche Fische und ist ziemlich interessant. Trotzdem ist sich das Mädchen dessen bewusst, dass es für Passanten vermutlich ein bisschen seltsam aussieht, so ein Mädchen, dass da am Strassenrand sitzt und ein Buch über Fische liest. Sie fängt also an zu überlegen, was sie wohl antworten könnte, wenn jemand sie ansprechen würde. Und nachdem sie sich sicher ist, dass irgendein Spruch über "Na, Ferien schon vorbei? Schon fleissig am Lernen?" kommen wird und sie auch schon gelernt hat, dass die (wahre) Antwort: "Ja, aber ich lese das freiwillig, weil mich das einfach interessiert." nur für hochgezogene Augenbrauen (im besten Fall) und Gehänsel und mehr (im nicht ganz so guten Fall) sorgt, überlegt sie sich eine richtig gute, schlagfertige Antwort. Dann kann sie endlich gemütlich weiter über Süsswasserfische lesen.

Es dauert gar nicht so lange, da kommt eine ältere Dame den Berg runter, eine von der Sorte, von der man schon weiss, dass sie nicht wortlos an einem Mädchen, das da sitzt und liest, vorbeigehen wird. Sie kommt also näher, bleibt stehen, spricht das Mädchen an, das von seiner Lektüre aufblickt und mit einem schiefen Grinsen antwortet: "Naja, kein Urlaub dauert ewig." Und erst, als der Blick der Frau sehr seltsam wird, dringt langsam in ihr Gehirn vor, was die Frau tatsächlich gesagt hat, nämlich: "Oh, ganz allein? Hast Du den Bus verpasst?"

Heute ist das Mädchen gross, liest immer noch alles, was ihr in die Finger kommt, aber die Angst, eine saublöde Antwort zu geben, die ist ihr geblieben: Aber sie hat dazugelernt und so bereitet sie nicht mehr nur schlagfertige Antworten für eine mögliche Situation vor, sondern für am liebsten alle....

In diesem Sinne: einen guten Start in die dritte Klasse, Little Q. und in das zweite Kindergartenjahr, Little L, wünsche ich Euch morgen. Auch wenn dieser Urlaub wirklich hätte ewig dauern können.