Sonntag, Januar 12, 2014

Ich war ein Kann-Kind


Ich habe heute morgen den in meiner Filterblase viel geteilten Blogeintrag zur „Kann-Kind“-Thematik gelesen und mich erst ein wenig darüber geärgert, weil ich mich immer darüber ärgere, wenn der Schulstart als das Ende der Kindheit und die Schule als Institution, aus deren Mühlen man kaum noch entkommen kann und die einen knechten wird bis zum bitteren Ende, thematisiert wird. Ich habe mir gedacht, was wäre gewesen, wenn das Kann-Kind aus dem Artikel mit fünf statt der Schreckschraubenlehrerin die mütterliche Frau als Lehrerin bekommen hätte? Wäre es dann vielleicht in der Schule geblieben? Was wäre gewesen, wenn die Lehrerin beim regulären Start eine ähnliche Schreckschraube wie die erste gewesen wäre?
Und dann habe ich überlegt, wie das bei mir seinerzeit so war. Ich habe im Dezember Geburtstag und ich weiss jetzt nicht mehr genau, wie die Einschulungsregeln in Bayern 1982 waren, auf jeden Fall konnte ich bereits mit vier lesen, meine gesamte Peer-Group aus dem Kindergarten wurde eingeschult, meine Eltern haben mich also zum Früheinschulungstest gebracht. Es folgte das Apfelbaumdesaster, ich wurde nicht früh eingeschult und war untröstlich darüber.
Ein Jahr später konnte ich zwar immer noch keinen Apfelbaum zeichnen, das war dann aber egal, weil ich war alt genug für die erste Klasse. Meine Lehrerin war eine grossartige Frau, die gottseidank erkannte, dass ich nur ein schrecklicher pain in the ass war, aber nicht vorrangig, weil ich unausstehlich war, ich war unterfordert. Und gottseidank hat sie meinen Eltern sehr bald nahegelegt, mich zum Halbjahr eine Klasse springen zu lassen, eben genau zu meinen ehemaligen Kindergartenkollegen, die jetzt in der zweiten Klasse waren. Und genauso gottseidank haben meine Eltern diesen Rat angenommen und so landete ich im März in der Klasse, in die ich ein Jahr vorher wegen mangelnder Apfelbaumskills nicht durfte.
Die folgenden Monate bis zu den Sommerferien und dem darauffolgenden Lehrerwechsel waren die Hölle. Ich denke, auch heute ist Klasseüberspringen noch nicht die Norm und man ist danach (ok, davor auch, sonst würde man das eh nicht machen) ein bunter Hund und das muss ein Kind erst mal tragen können. Aber damals, vor 30 Jahren in einem 1500-Seelen Dorf in Bayern (dabei musste ich auch an den Dorfartikel vom Herrn Jawl denken), da kam das schon fast Gotteslästerei nahe (ach ja: wir waren auch noch die einzige evangelische Familie im Dorf). Das liess mich diese Lehrerin von Anfang an spüren. Ich wurde vor der gesamten Klasse runtergeputzt, weil ich nicht wusste, dass man beim Reinkommen einen Knicks/Diener vor ihr zu machen hatte mit einem lauten „Guten Morgen, Frau K.“, als meine Mutter am zweiten Tag in der Klasse anrief und um einen besseren Sitzplatz für mich bat (ich hatte einen mit dem Rücken zur Tafel), hiess es: „Einer muss mit der Neuen tauschen, für sie ist der Platz, den sie hat, nicht gut genug, sagt ihre Mutter.“, am dritten Tag weigerte ich mich, zur Schule zu gehen.
Ich habe diese Zeit durchgestanden, ich nehme an, sie hat mich geprägt und ich habe viel gelernt, was Sozialverhalten und sich gegen Obrigkeiten durchsetzen angeht.
Ab der dritten Klasse war mein Schulleben dann übrigens wunderbar, ich war zwar immer allein wegen meines Alters der bunte Hund, in der 10. Klasse habe ich nochmal eine Klasse übersprungen (ob ein oder zwei Jahre jünger ist dann auch schon wurscht), ich bin in der 11. Klasse als einzige noch mit Kinderausweis weil noch 15 mit auf Klassenreise nach Berlin gefahren, ich bin nicht abgestürzt, habe feuchtfröhliche Oberstufenparties völlig unbetrunken überlebt, ich hatte als Küken der Klasse einen gewissen Welpenschutz und man passte auf mich auf; ich habe mit 17 angefangen zu studieren (damals mussten übrigens meine Eltern nicht zum Bibliotheksausweisunterschreiben mitkommen), habe mit 25 fertig promoviert und es keinen Tag bereut, eben diese mindestens zwei Jahr jünger zu sein als der Rest.

Allerdings weiss ich nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich trotz falschen Apfelbaums damals vorzeitig eingeschult worden wäre und eben direkt in der Klasse mit der Horrorlehrerin gelandet wäre. Es könnte gut sein, dass mir die Freude am Lernen und Neuen, die ich mir bis heute bewahrt habe, verloren gegangen wäre oder ausgetrieben worden wäre durch eben diese "ostblockhaften" Zustände, die es auch in einem kleinen bayerischen Dorf gab. Man weiss es nicht. Andererseits: wenn meine grossartige Erstklasslehrerin zum regulären Einschulungstermin nicht ganz so grossartig gewesen wäre und mich als Störenfried und Klassenkasperl in die Underachiever-Schublade gesteckt hätte: wer weiss? Vermutlich würde ich voll des Selbstmitleids über meine ach so schreckliche Hochbegabung und die ach so schreckliche Welt, die mich nicht versteht und mir den Erfolg nicht auf dem Silbertablett serviert, suhlen und und läge dann damit wenigstens im gefühlten Trend.  Da wäre das Jahr Warten auch für die Katz gewesen.

Insofern bleibt für mich als Fazit nur wie so oft: es ist kompliziert. Und ich denke, man kann es nicht nur am Alter festmachen, ob ein Kind für die Schule reif ist, es kommt, klar, aufs Kind, aber auch auf die Schule und dort extrem auf die Lehrerpersönlichkeit an. Somit spielt eine grosse Portion Glück mit rein. Traurig, aber wahr…..