Dienstag, Juni 05, 2012

Gedankenkarussell

Vermutlich hat jeder so seine aus der Familien(krankheits)geschichte resultierenden Zukunftsängste. Bei mir sind es nicht so sehr die Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf der väterlichen Grosselternseite, auch nicht die Diabetes des Grossvaters mütterlicherseits, nicht mal die Depressionsneigung direkt väterlicherseits, nein, meine grosse Angst ist die vor Alzheimer.
Ich erinnere mich an meine Grossmutter nur mit Alzheimer, als jemand, der nicht in dieser Welt zu leben scheint, als jemand, der wie aus einer nur für sich wahrnehmbaren Nebelsuppe heraus versucht, mit unserer Welt zu interagieren, dabei aber irgendwann dann resigniert und immer mehr unsichtbar wird. Als jemand, dessen Versorgung für die Angehörigen immer mehr zum Dauerjob wird, dessen geistiger Verfall alle traurig macht, und der einfach unaufhaltsam verschwindet. Meine Mutter hat mir erzählt, dass meine Grossmutter mich als Baby durchaus noch bewusst wahrgenommen hat und so nehme ich an, dass sich die Krankheit bemerkbar gemacht hat, als sie so ca. Mitte 50 war. Gestorben ist sie, da war ich 9 und sie 62.
Im Moment lese ich gerade einen Roman über eine Harvardprofessorin, die an Early-onset-Alzheimer erkrankt, und das hat in mir wieder mal das Gedankenkarussell angeworfen, mehr noch als das Buch „Wie ich mich einmal in alles verliebte“, wo es auch um earyl-onset-Alzheimer geht, aber in einer verschwurbelten, mythischen Art und Weise. In diesem Buch hat eine Frau, die sich selber sehr stark über ihre intellektuelle Leistungsfähigkeit, besonders über ihre Merkfähigkeit, definiert (hallo? Kommt das jemand bekannt vor?) und dann merken muss, dass sie den Verfall da nicht aufhalten kann.
Ausserdem wird natürlich das eine oder andere über familiäre Vorbelastung und Vererbbarkeit geschrieben, und auch das macht mir Angst. (Wobei: meine Mutter ist jetzt schon fast aus dem Alter raus, in dem man bei Krankheitsbeginn von early-onset sprechen würde und ist geistig topfit. Und das sage ich nicht nur, weil ich will, dass es so ist, nein, offensichtlich hat sie diese Ängste auch und hat, als sie Weihnachten so krank war, sich daraufhin testen lassen, nicht genetisch, aber auf Symptome und da mit wehenden Fahnen alle Tests bestanden. Und so wie ich das verstanden habe, ist early-onset-Alzheimer zu einem recht hohen Prozentsatz ererbt, aber wenn man als Nachkomme eines Patienten es nicht bekommt, dann hat man diese Genmutation nicht und kann sie auch nicht weitervererben. Oder?)
Und klar, dann kommen Gedanken wie: würde ich wissen wollen, ob ich es bekommen würde? Auch mit der Aussicht darauf, dass man dagegen im Moment eh nichts machen kann (btw: wieder mal denke ich: ich arbeite doch am richtigen Platz. )? Würde ich anders leben, wenn ich wüsste, dass ich mich ab Mitte 50 langsam und unaufhaltsam aus meinem Leben verabschieden würde (auf eine kranke Art mag ich den englischen Ausdruck "to turn into a vegetable" ;-))? Wäre das für mich schlimm? (Dass es für die Partner, Kinder, Enkelkinder schlimm, richtig schlimm ist, das weiss ich, aber vielleicht war meine Oma ja doch glücklich?)

Wie auch immer, ich les jetzt mal das Buch fertig und dann packe ich diese Gedanken wieder brav in die Schublade, in die sie gehören, vergesse sie (dieser Witz muss erlaubt sein ,-)) und lebe weiter. Im Hier und Jetzt, weil was anderes kann ich eh nicht machen. Oder?