Montag, April 02, 2007

Wie im falschen Film

kamen wir uns vor, am Sonntag bei der Taufe.
Der Start war an sich nicht schlecht: um halb zehn geschniegelt und gestriegelt vor der Kirche,Trotzanfälle Little Q.s wegen "Ihhhhh, ich will kein Hemd anziehen" und "wäääääh, wieso darf ich nicht meine Winterstiefel anziehen" hinter uns, Riesenwiedersehensfreude mit Au-el, eine grosse und kleine Pompadura voll mit Bücher, Proviant, Autos etc. wähnten wir uns bereit für den Familien(!)palmsonntagsgottesdienst incl. Taufe.
Little Q. und Au-el sassen/standen also mehr oder weniger brav nebeneinander (Herrliche Befehle: "Wentin, do sitze"), kommentierten jedes Lied ("Musik, danze, fertig"), waren begeistert vom Einzug des (Stroh)Palmesels ("Dooooo, i-a, Mami, i-a, Papi, i-a") und vom Glockenläuten ("bimbim"), weniger begeistert von Lesungen, was sich jedoch durch Anschauen passender Bilderbücher (Thema Bauernhof, da kamen dann wieder passende Kommentare wie "I-a") aber im vernünftigen Rahmen hielt.
Umso überraschter war ich dann, als der Pfarrer nach Getuschel mit den Täuflingseltern fröhlich verkündete, jetzt käme ein langer Text und er "befreie jetzt die Eltern mit Kindern, zB von den beiden da (das waren Au-el und Little Q.) von der Anwesenheit". Ich war so perplex, dass wir tatsächlich wie die armen Sünder den ganzen langen Mittelgang nach hinten raus getrappelt sind.
Im Nachhinein bin ich aber stinksauer: was ist das denn für ein Familiengottesdienst, in dem Kinder mucksmäuschenstill sein müssen? Es ist ja nicht so, dass sie gekreischt, mit Sachen geworfen oder den Altarraum gestürmt hätten. Meines Erachtens wissen die meisten Eltern sehr gut, was sie den anderen und ihren Kindern zumuten können.
Naja, ist ja nicht das erste Mal, dass ich aus einer katholischen Kirche geflogen bin (habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich mit 6 oder so als (einziges evangelisches) Heidenkind nach dem St.-Martinsumzug aus unserer Dorfkirche geworfen wurde?). Ich habe dem Pfarrer beim Mittagessen zum Thema "Ökumene klappt am besten im Kleinen" diese Geschichte erzählt, aber er hat die Ironie in dem Ganzen nicht verstanden (aber der Vorschlag "Purgatorium für unseren Dorfpfarrer" war auch nicht schlecht).
Letzten Endes haben Little Q., Au-el, Au-els Onkel und ich dann anderthalb Stunden im Gemeindesaal Hockey und Klavier gespielt (der Hockeypart: gar nicht ohne auf Parkett mit Highheels), auch nicht übel.
Zur Taufe durften wir dann übrigens wieder dazustossen. Es war allerdings schon ein bisschen seltsam, lauter uralte Tauftraditionen der Hamburger Familie des Vaters (den ich eh schon immer ein bisschen seltsam fand, nachdem ich dann aber seine Familie kennengelernt habe.... aber dazu später), die der Pfarrer alle versemmelt hat ("Wie, ich hätte diesen Taufbecher jetzt verwenden müssen? Hmmm, jetzt ist sie aber schon getauft. Giessen wir halt so ein bisschen Wasser damit durch die Gegend"), die Mutter war immer genervter, der Täufling immer hungriger (und, wie mir die Mutter beim Rausgehen genervt zuzischte, incl. uraltem traditionsreichem Taufkleid verschissen bis zum Hals....). Irgendwann war auch das überstanden und es ging Richtung Mittagessen. Und damit begann der skurrile Teil.
Wir hatten den Platz gegenüber von den Grosseltern und neben dem Pfarrer. Mit den Schweizer/Indonesischen Eltern der Mutter verstehe ich mich super, wir kennen uns schon länger, sie sind einfach nett.
Die Hamburger Eltern des Vaters jedoch haben mich richtig mit den Schweizern solidarisch fühlen lassen ("Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz?") und ich habe das Gefühl, die Wesensverwandtschaft zwischen Bayern und Schweizern ist grösser als die nationalen Gemeinsamkeiten. Ich habe mich vorbehaltlos beim Hübschen entschuldigt, dass ich ihn seinerzeit zu einer Bewerbung bei dem grossen Hamburger Unteranderemauchkosmetikhersteller überredet habe. Wie gut, dass die uns nicht wollten ;-)........ Okay, vermutlich gibt es so arrogante, blasierte, eingebildete Möchtegernbildungsbürger auch in Bayern, aber mit dem für unsere süddeutschen Ohren so gestelzt klingenden Hamburger Teutsch wirken Aussagen wie "Ich bin ja schon lange dafür, dass die Messe wieder auf Latein gehalten wird" und "Wie, in Basel gibt es an den Gymnasien nur drei Jahre Latein? Ein Skandal!" noch besser. (Nicht, dass ich was gegen Lateinunterricht hätte, ich sage nur ehemaliges "Erzbischöfliches Knabenseminar", grosses Latinum, Altgriechisch-Leistungskurs).
Der Hübsche (naturwissenschaftliches Gymnasium, kein Jahr Latein, trotzdem nicht blöd) sass mittendrin und hat sich, sagen wir es optimisch, wenigstens nicht gelangweilt. Während er stoisch seine Vulkaniergene ausgelebt hat, regte sich in mir dann doch eher das Klingonentum. Nur weil ich Au-els Mutter nicht die Feier versauen wollte, habe ich mich dann doch mit Mühe zurückgehalten.
Eine gewisse Befriedigung hat es mir aber doch gegeben, meine Erziehungsgrundsätze über Bord zu werfen und freundlich lächelnd zuzusehen, wie Little Q. mit der ganzen Hand (bis zum Ellenbogen und den Ohren) Ketchup mit Pommes verspeist hat, vor den entsetzten Augen der Hamburger Oma (Hat irgendjemand schon mal live jemanden gesehen, der ein Lorgnon um den Hals trägt und es auch benutzt?).