230926
So, mein Tag heute war so verrückt und wild bei der Arbeit, dass ich gar keine Bandwidth (und Zeit, meine verbleibenden zwei Arbeitstage sind getimeboxed mit noch, ich glaube, zwei freien Halbstundenslots und in der Planung der Tasks ist keine Luft drin) habe, das nochmal zu erzählen. Deshalb schreibe ich heute was, was mir tatsächlich schon am Herzen lag, seit mein eines Projekt im Juli nach Readout der klinischen Daten gestorben ist. Wie ich hier nicht erzählt habe, war für mein anderes (chemisch / von der Modalität her, sonst gar nicht) verwandtes Projekt am Freitag Readout und heute wurden die positiven Resultate kommuniziert (auch mit Pressemitteilung um 8:11h (dass ich das so genau weiss, mag Ihnen vermitteln, wie eng die Kommunikation heute getaktet war), d.h. ich kann darüber auch schreiben und wenn Sie wollen, können Sie natürlich rausfinden, für welches Molekül ich für die Industrialisierung verantwortlich bin und an wen Sie denken können, wenn Sie zu den gottseidank nicht so vielen Menschen gehören, die in Zukunft dieses Medikament verschrieben bekommen und dann in ihrem Kühlschrank lagern und Sie zB die Schachtel doof finden oder den Autoinjektor oder das Leaflet doof gefaltet ist. Sorry schon mal.)
Was ich eigentlich schreiben wollte: wie krass das ist, wenn bei einem negativen Readout von einer Minute auf die andere (nahezu) sämtliche Arbeit von zig Leuten gestoppt wird, wenn die Arbeit von Hunderten Leuten über Jahre hinweg einfach entsorgt wird (schon nicht weggeschmissen und man kann immer noch was draus lernen, zumindest aus manchem, aber vieles ist halt einfach ... für die Tonne).
Und dann ist mir eingefallen: ich glaube, viele wissen gar nicht, wie so eine Neuzulassung / ein Launch eigentlich funktioniert und wieviel da vorab passiert.
Deshalb: hier eine (vereinfachte) Erklärbärsession:
Wie Sie wissen, arbeite ich ja in dem Bereich Technical Operations, also in dem Bereich der sich mit der tatsächlichen Produktion von Medikamenten (alles, von der Herstellung von Starting Materials, dem Weikstoff, der galenischen Formulierung, dem Device, falls zutreffend, und der Primär-, Sekundär-, Tertiärverpackung) befasst. Wir haben also nichts mit der Klinik zu tun, nichts mit der Forschung, wir sorgen dafür, dass egal welcher Wirkstoff in den richtigen Mengen in der richtigen Qualität zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Man denkt ja gern (und die Sendung mit der Maus oder so suggeriert das), Medikamentenentwicklung geht so: Forscher entdecken ein Molekül, von dem sie denken, dass es auf irgendeinen speziellem Weg gegen irgendeine Krankheit wirkt. Das testen sie erstmal an einem Modell, dann an Tieren, dann an gesunden Patienten, dann an kranken, in klinischen Studien, gegen Placebo, doppelblind, oder gegen den standard of care etc etc. Dann werden diese Daten ausgelesen und wenn sich zeigt, dass die (vorher definierten!) Endpunkte erreicht sind, wird das bei den Gesundheitsbehörden eingereicht, die schauen sich an, ob das wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen sind, ob die Daten wirklich so gut sind (zB wirklich richtig viel besser, als der standard of care), wenn ja, bekommt man eine Zulassung und das man kann das Medikament dann vom Arzt verschrieben bekommen und die Pharmafirmen verdienen sich eine goldene Nase.
Was aber (vielleicht) nicht so bekannt ist: man möchte so ein Medikament nach der Zulassung natürlich so schnell wie möglich auf den Markt bringen, nicht nur, weil man nur eine begrenzte Zeit Patentschutz und damit Exklusivität hat, bevor Generikahersteller auf den Markt kommen dürfen und die Preise sinken werden, sondern halt primär auch schon, um den Patienten dieses neue Medikament so schnell wie möglich zur Verfügung stellen zu können. Was hilft einer zB Brustkrebspatientin mit einer Variante, für die es bisher keine Behandlung gibt, die Aussicht darauf, das es zwar ein neues Molekül gibt, das in der Klinik grossartige Resultate gezeigt hat, Gesundheitsbehörde ist total begeistert, Zulassung erteilt, aber upsi, sorry, wir brauchen noch ein paar Jahre, um die Mengen, die wir jetzt brauchen, erstmal herzustellen. Bis das dann fertig ist, ist sie im schlimmsten Fall tot, auf jeden Fall leidet sie unnötig.
Also: parallel zu all den klinischen Studien läuft die technische Entwicklung, man arbeitet an kommerziell machbaren Produktionsprozessen im grossen Massstab für alle Zwischenstufen, den Wirkstoff, die Formulierung, evtl das Device und auch der Verpackung. Um ein Medikament zuzulassen, muss ich nicht nur klinische Daten einreichen, sondern auch zeigen, dass ich in der Lage bin, das verlässlich und nach international definierten, überprüften und sehr, sehr strengen Standards zu produzieren. Das ist keine Absichtserklärung, sondern da werden harte Beweise gefordert. Man zeigt also, dass man die Produktion im Griff hat, dafür hat man.... produziert. Ordentlich viel, weil wenn ich zB zum Launch weiss, dass ich pro Batch zB 200kg Tabletten aufs Mal produzieren muss, um genug zu haben, reicht es nicht, gezeigt zu haben, dass man mal mit einer Handpresse 50 Stück gemacht hat, sondern man zeigt, dass man mehrere Batches in vollem Massstab produziert hat und in gleichbleibender Qualität. Wenn ich behaupte, dass meine Tabletten 4 Jahre haltbar sind, dann muss ich die entsprechenden Stabilitätsstudien vorlegen. Wenn ich behaupte, meinen Autoinjektor muss ich im Kühlschrank lagern, kann ihn aber insgesamt 24h bei RT aufbewahren, muss ich das beweisen. You get the point?
All das dauert. Lang. Dann muss ich ungefähr eine Ahnung haben, mit welchen Volumen ich rechne. Die Anlagen und Produktionsstätten, die ich dafür brauche, sind auch Teil einer Einreichung, ich muss.... genau, bewiesen haben, dass ich dort genau richtig produzieren kann. Sie müssen die entprechende Behördenzulassung haben und werden vor der Erteilung einer Zulassung noch mal von den Behörden inspiziert (d.h. über Tage auf links und durch die Mangel gedreht).
Für einen Launch will ich natürlich bereit sein (es gibt ambitionierte Ziele, die sich manche Pharmafirmen setzen, zB einen Lauch binnen 14h nach Approval, das ist ein bisschen crazy, es bedeutet, dass ich ALLES auf Risiko produziert, länderspezifisch verpackt und auch schon verschickt habe. Das macht man nicht oft, aber ein Launch binnen weniger Tage bis Wochen ist für die major markets schon ein realistisches Ziel.
Was das bedeutet: all das passiert, ohne zu wissen, ob das Produkt tatsächlich jemals gelauncht werden wird. Man arbeitet und macht und tut und produziert und studiert und schreibt und schreibt und schreibt (und gibt Unmengen Geld aus), um für den Bestfall gerüstet zu sein und im blödsten Fall alles einfach sang- und klanglos zu entsorgen.
(All das passiert natürlich nicht blind und es gibt jeweils Gating Points, an denen der nächste Level an Entwicklung freigeschaltet wird, aber sehr, sehr viel, gerade gegen Ende der Entwicklung, passiert auf Risiko.)
Ich habe jetzt im Abstand von zwei Monaten beide Fälle erlebt und fand die ganze Aufregung heute fast ein bisschen skurril und befremdlich: unser ganzes Team arbeitet seit JAHREN unter der Annahme, dass der Readout heute so gut war, wie er war. Deshalb ändert sich an den Arbeitspaketen, die in den nächsten Wochen und Monaten auf uns zukommen, genau gar nichts. Nur schaut auf einmal die gesamte Firma (und mehr) auf uns und wird (hoffentlich nur ganz kurz) nervös, ob wir auch wirklich alles im Griff haben.
Ich denke aber schon. Grösstenteils.
Erklärbärzeit zu Ende.


