Donnerstag, Juni 15, 2017

Fisch, Oliven, Käse

Ich muss ja gestehen: ich habe in Gegenwart von Menschen, die sich mit Essen auskennen, total Schiss, was falsch zu machen. Wobei, das ist eigentlich faslsch ausgedrückt, es ist eher die Angst, mich vor Kellnern, Weinhändlern, Whiskeyladenverkäufern oder so zu blamieren durch Nicht- oder Fakewissen. Ich habe allerdings auch nicht die Nerven, den Ehrgeiz oder die geistigen und zeitlichen Kapazitäten, um mich jetzt total in so ein Thema reinzufuchsen, Weinseminare zu besuchen, Käsebücher zu lesen, Whiskeytastings zu besuchen (ich war einmal auf einer Schnapsverkostung und der Lerneffekt nahm mit fortgeschrittener Zeit rapide ab). Allerdings bin ich sehr neugierig und esse und trinke gern und so bin ich immer froh, wenn ich mich an jemand dran hängen kann, der sich auskennt.
Wenn uns Freunde in das "richtige" Weingut vor Ort mitnehmen, eine Vorauswahl treffen und man dann wirklich nur noch sagen muss: "Mhm, mag ich, das auch, das nicht."
Wenn das ganze dann noch irgendwo ist,wo ich die Landessprache nicht spreche, ist mir das schon so unglaublich peinlich, dass ich noch viel grössere Hemmungen habe und dann irgendwie doch mit dem Olivenöl aus dem Andenkenshop oder dem Supermarkt nach Hause gehe, weil ich mich nicht traue, in einer Ölmühle zu radebrechen.
Insofern war ich unglaublich happy, dass uns unsere italienischen "Gastgeber" erstens zweimal zum Essen in unglaublich gute Fischrestaurants ausgeführt haben (ich habe ja letztes Mal noch mit dem Fakt, dass ich mich nicht getraut habe, den saugnapfhaltigen Meeresfrüchtesalat und alles andere mit Tentakeln stehen zu lassen, obwohl es mich innerlich geschüttelt hat, gehadert. Ich habe alles aufgegessen, aber mit viel weniger Genuss, als den Gerichten angemessen gewesen ware, und so lecker sie vom Geschmack her waren, das Gefühl von Saugnäpfen in meinem Mund, das ist nicht meins. Gar nicht. Diesmal aber ging es noch eine Runde weiter, weil "Die Spezialität hier ist Crudita di mare", das ist roher Fisch, was sie halt so gefangen haben, das ist inglaublich gut. Okay, wir bestellen das für alle." Joah. also, bekanntermassen esse ich Sushi gern, keine Frage, auch mit rohem Fisch. Es ist allerdings ein Unterschied, ob der Fisch in appetitlichen Reisröllchen oder Happen verpackt ist, oder ob .... ein Haufen rohe Scampi, Crevetten, irgendwas mit Scheren, Tintenfische (wenigstens ohne den Saugnapfteil) und Muscheln einfach so da liegen. Neben meinem "Ich kann jetzt da nicht nein sagen, das ware total unhöflich" kam dann aber doch die Neugier und "Wenn ich das jetzt nicht probiere, mache ich das nie! Und danach kann ich dann "Crudita di mare" bestellen." zum Tragen und so habe ich also fleissig geschält, operiert und war überrascht, dass ich Scampi und Crevetten und so roh tatsächlich lieber mag als gekocht/gebraten (halt schon immer noch nicht wirklich gern). An meine Grenzen sties ich aber ta.tsächlich, als die Muschel ("Das sind Datterini, die gibt es nur hier, die sind echt schwa zu finden!) noch zuckte, als ich Pfeffer draufstreute und alle ganz selbstverständlich meinten "Ja klar, die lebt noch. Das gehört so.". Ich kann Ihnen nicht mal sagen, wie sie geschmeckt hat, aber gegessen habe ich sie. Sorry, Datterino.
Beim Hauptgang selber dann habe ich mir abgeschaut, wie man den Fang des Tages bestellt und welche verschiedenen Zubereitungsarten es gibt. Mjamm! Also, wenn Sie mal nach Termoli kommen, gehen Sie doch in das Ristorante Svevia (dort gab es dann verschiedene Fisch-Carpaccie, die waren echt lecker und nach dem rohen ganzen Viechern vom Vortag praktisch schon Convenience food vong Gefühl. Falls es das Dessert "Tutto Pistacchio" gibt, dann nehmen Sie das ruhig auch. (Unsere lebendigen Muscheln haben wir hier gegessen, da ist der Ausblick auf den Sonnenuntergang einfach traumhaft. Und sie können auch nichtrohes Essen :-))


Vor dem Heimflug sind wir dann noch bei einer Ölmühle vorbeigfahren (ich hatte da ja so etwas romantisches mit eben Olivenbäumen, einer Steinmühle, die von flauschigen Eseln gezogen wird und so vorgestellt, aber in Wirklichkeit war es dann ein sehr zweckmässiges landwirtschaftsunternehmen), wo uns (auf englisch übrigens) die drei Olivenölsorten von dort vorgestellt und zum Probieren gereicht wurden. Ausserdem gibt es auch noch eingelegtes Gemüse etc und ich habe zwei verschiedene Ölsorten mitgenommen, mit genauer Anleitung, was für welche Gelegenheiten. Falls Sie da mal vorbeikommen: Oleifico Di Vito. Vong Preis her: nicht teurer als halbwegs gutes Öl im Supermarkt her, eher günstiger. (1L zwischen 10 und 15 Euro)


Zu gutter Letzt war ich dann heute noch auf Mission Käseholen für die Gartyparty im nahen Ausland, nämlich im Elsass. Dort gibt es die (zumindest unter unseren Freunden, Bekannten und Kollegen) legendäre Käserei? Fromagerie? Käseladen? "Fromagerie Antony", aus der ich bisher nur eben bei Einladungen zu Festen, Geburtstagsfeiern, einfach so toll was zu essen machen, bei anderen probieren durfte. Und zack, spontan dachte ich mir dann: Das bringen wir zum Gartyparty-Buffet mit. Und dann wurde ich nervös, weil: Uh, Frankreich, ich kann doch kaum Französisch! Uh, Käse, ich mag fast alles, aber wie sag ich das, ohne wie ein Depp zu wirken, der mit ... Gouda und Emmentaler zufrieden wäre? Und krieg ich dann irgendeinen fancy Scheiss für dröflzig Millionen angedreht, weil ich mich nicht auskenne? Aber eben: ich bin mir ja nicht zu schade zu fragen beziehungsweise in dem Fall: den Hübschen fragen zu lassen, nämlich den Kollegen, bei dessen Fest wir das letzte Mal eine Käseplatte von dort kredenzt bekamen. Der Hübsche musste also fragen: "Wie heist das genau? Kann man da Deutsch redden? Wie bestellt man so eine Käseplatte? Muss man alles probieren oder können die einem eine Auswahl machen? Wieviel braucht man überhaupt? Wieviel hattet ihr? Was kostet das?" und bekam auf all das eine Antwort, incl dem Tipp, doch am besten vorher anzurufen, alles vorzubestellen und dann nur noch abzuholen, vor allem wenn man keine Zeit für stundenlanges Probieren einplanen kann. Und dann hat er dort auch noch angerufen und total profimässig eine Mischung für 25-30 Leute bestellt, Maitre Antony hat ihm versprochen eine Auswahl (mit beschriftenen Fähnchen <3) zusammenzustellen, er bekam Lager- und Transporthinweise und ich musste nur noch abholen.
Das habe ich heute also gemacht und es wäre fast ein bisschen schief gegangen, die Adresse ist nämlich: 5 Rue de la Montagne, 68480 Vieux-Ferrette, Frankreich. Und genauso habe ich das in das Navigationssystem des Tesla eingetöckelt, er hat zackzack ein bisschen gerechnet, gefunden, losgefahren, und .... dabei ein bisschen arg wurschtig gesucht. Lieber Elon Musk, Vieux-Ferrette ist nicht dasselbe wie Ferrette. Dass es dort auch eine Rue de la Montagne gibt, scheint auf den ersten Blick verdächtig, auf den zweiten Blick ist das aber dann nur ein gelbes Wohnhaus, in dem man immerhin Honig kaufen kann, aber das war ja nun nicht mein Ziel. Immerhin ist Vieux-Ferrette nicht besonders weit von Ferrette ohne Vieux, nämlich nur 700m über einen Waldweg (ich habe den Hübschen vom Waldweg aus angerufen, dass er bitte nochmal seinen Käseprofikollegen fragen soll, ob das wirklich durch den Wald geht oder ob Maitre Antony so ein krasser Geheimtipp ist, dass er "Miel a vendre" vor der Tür stehen hat, und dann doch Käse verkauft, aber der Kollege war im Urlaub und so bin ich halt dann doch mutig durch den Wald gefahren. Und tadaaaaa, die Rue de la Montagne aus dem einen Ferrette wird dann die Rue de la Montagne im Vieux-Ferrette und vor der Nummer 5 stand dann der Bentley von Maitre Antony, den der Hübsche inzwischen schon auf Google Maps entdeckt hatte, ausserdem gab es ein Schild und die Welt war wieder in Ordnung. Auf meine Frage, ob das mit dem Waldweg echt der beste Weg war, wurde mir mit wissendem Blick sofort attestiert: "Sie sind mit dem GPS gefahren? Ja, das kann das nicht.". Aber der Käse war fertig gepackt, preislich im vereinbarten Rahmen, die Fähnchen haben Kuh, Ziege und Schaf drauf und handschriftliche Namen (und er stinkt nach Tod und Verwesung).




Ich habe ihn in meine mitgebrachte Kühlbox gepackt und mich dann auf den (laaaaangen, wegen Unfall mit ca 8km Stau kurz vor daheim) Heimweg gemacht. Jetzt lagert er im Kühlschrank und morgen warden wir ... nun ja. In einem Stinkeauto nach Nierstein fahren :-).


So. drei neue Essdinge gelernt diese Woche, das muss jetzt mal reichen.