Donnerstag, Dezember 22, 2016

Symbolsituation

Heute morgen, 5:30h, in einer halben Stunde klingelt der Wecker, ich bin bereits halb wach und wie immer um diese Zeit läuft in meinem Kopf der Autopilot mit den To-Do-Listen.
"Heute: schnell ins Büro, die letzten Meeting Minutes fertigschreiben, ein Monitoring-Protokoll fertig zum Approval machen, Inbox aufräumen, mittags Geschenkeaustausch mit Schwester, ja, mein Teil steht schon im Büro. Der Hübsche ruft mich dann in der Früh an, ob L. laufen kann, oder ob sie direkt zum Arzt gehen, abends muss ich dann für Freitag die Einkaufsliste fürs Weihnachtsessen zusammenstellen, Freitag morgen dann: Kinder letzter Schultag, L. muss in den Wald, Laterne haben wir besorgt, ich muss nachschauen, ob er eine Wurscht zum Bräteln mitnehmen muss, haben wir aber im Fall noch engefroren, dann gehen wir einkaufen und das vorbestellte Fleisch und Fisch abholen, Abholzettel habe ich ... in der Handyhülle? Im Geldbeutel?"
Und dann fällt mir siedendheiss ein, gar nicht mehr auf Autopilot, dass ich gestern abend im Bus meine Arbeitshandyhülle ausgemistet habe. Dort bewahre ich wichtige kleine Zettelchen auf, wie Mehrfachstreifenkarten für den Zug, Hermes-Versandquittungen, Quittungen für Geschäftsreisen, ausgedruckte Boardingpässe, wenn aus komischen Gründen es nicht klappt, die auf dem Smartphone zu speichern.
Nachdem meine Spesenrechnung für die Italienreise schon beglichen wurde, habe ich da mal wieder ausgemistet und es könnte sein, dass ich mitsamt den ausgedruckten Boardingpässen die Abholzettel für 5 Gänsekeulen und 1 kg Kabeljauloins (ich muss noch googeln, was das ist, ich habe Kabeljau gebraucht und das klang so schön auf der Liste) weggeschmissen habe.
Auf einmal ist gar nix mehr Autopilot und ich bin hellwach. Ich habe die Stimme des Metzgers im Ohr, der meint: "Auf den Zettel müssen Sie aufpassen wie auf Ihren Augapfel, ohne die Nummer finden wir am 23. gar nix." Vor meinem inneren Auge sehe ich die Abholschlange vom letzten Jahr, die einmal durch den ganzen Laden ging und in der es auch MIT Nummern schon kurz vor Randale war. Ich überlege, ob ich bei dem Busunternehmen anrufen soll, abder dann denke ich mir, dass die bestimmt nicht zugeben würden, falls die Abfalleimer seit gestern nachmittag evetnuell nicht geleert worden seiin sollten und auch ganz bestimmt und zu Recht keine Lust hätten, die mit Kaugummis, Apfelbutzen, verrotzten Taschentüchern und anderem Ekelhaftigkeiten vollgestopften Abfalleimer nach meinen Fleisch- und Fischabholzetteln zu durchsuchen. Ich übrigens auch nicht.
Ich überlege kurz, einfach so zu tun, als ob ich nie vorbestellt hätte, 5 Gänsekeulen wird es ja wohl auch unvorbestellt geben, aber dann habe ich wieder die Abholschlange vom letzten Jahr vor meinem innenren Auge, in der ich MIT Nummer für ungefähr 30 Minuten anstand. Die ohne Nummer hatten sich in dieser Zeit noch nicht mal vom Parkplatz ins Ladeninnere bewegt.
Bei genauerem Nachdenken fällt mir ein, dass ich die Nummern eigentlich zu 90% auswendig weiss (22 und 145). Soll ich es drauf ankommen lassen und zu 10% Wahrscheinlichkeit mit irgendetwas anderem als Gänsekeulen und Kabeljauloins nach Hause gehen? Und vom Karmabus überfahren werden, weil ich da Weihnachtsessen von jemand anderem geklaut oder zumindest unrechtmässig gekauft habe?
Es hilft nix, ich muss da heute anrufen, meinen Fehler zugeben, hoffen, dass sie heute morgen noch Nerven haben. im Ordner mit den anderen Seiten der Abschnitte, die ich ja leider weggeschmissen habe, nachzuschauen, was meine Nummer ist. Um das Ganze abzukürzen, können wir ja anfangen, bei 22 und145 zu suchen. Und bei Google sieht man ja, wann die wenigsten Leute im Laden sind (vermutlich morgens um 8, da ist sonst nie was los, wenn ich dort bin), habe ich um 8 einen Termin? Ich glaube nicht. Wäre es doof, den Leuten, die wege meiner Schlamperei extra suchen mussten, ein kleines Weihnachstdankeschön mitzubringen? Vermutlich nicht. Was dann? Plätzchen? Schokolade? Aber mögen die überhaupt Süsses, wenn sie an der Fleischtheke arbeiten? Vielleicht grad deshalb?
 
Phew. Es ist 5:45h, es lohnt sich nicht mehr, nochmal schlafen zu probieren. Ich stehe auf, finde in meiner Handyhülle noch einen Leergutzettel und in meinem Geldbeutel in de Fach für "Unbedingt aufheben, auf gar keinen Fall verlieren" die beiden Abholzettel. Und in meiner Fotogallerie im Handy ein Bild der beiden Nummern nur für den Fall, datiert vom Tag, an dem ich das Zeug vorbestellt habe. Mit den Nummern 22 und 145.
 
Guten Morgen!