Mittwoch, November 16, 2016

Reibungspunkte

Heute wurde mir ein Artikel in die Timeline gespült, den ich eigentlich nur deshalb gelesen habe, weil sich sogar die sonst so tiefenentspannte Berlinmittemom zu einem "Herrgottnochmal" (und mehr) hinreissen liess. Mittlerweile lassen mich die in schöner Regelmässigkeit aufpoppenden Artikel, warum Eltern, die etwas anscheinend oder auch nur scheinbar "besser" oder ambitionierter oder auch einfach nur anders machen, als man selber, und sich dafür nicht schämen, ganz schrecklich sind, ja nur noch müde die Augenbrauen heben (eigentlich würde ich gerne nur eine heben, aber das kann ich ja nicht und deshalb finde ich alle, die mir das reinreiben, dass sie das halt schon können, saudoof.). Und ja, es mag sein, dass der Adventskalenderartikel und auch manche andere eigentlich ironisch und überspitzt und nicht bierernst gemeint waren, aber mal ehrlich, die entbrennenden Kommentarschlachten sind es nicht.

Ich diskutiere da meistens gar nicht mit und wenn doch, ärgere ich mich, dass ich mich hinreissen liess, weil der Mehrwert oder Erkenntnisgewinn jenseits trainierter Augenrollmuskeln bei mir ist nahezu null.

Deshalb stelle ich Ihnen hier mal eine kurze Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammen mit Sachen, die ich aus Überzeugung oder aus Priorisierungsgründen so mache und über die sich in meiner Filterblase in den letzten Monaten unglaublich aufgeregt wurde. (Also: nicht explizit darüber, dass ich das mache, das habe ich ja nicht zugegeben gesagt, sondern darüber, dass das überhaupt jemand macht oder jemand glauben könnte, dass es ernsthaft jemanden gibt, der das macht.)

1. Meine Kinder bekommen selberbefüllte Adventskalender.
2. Meine Kinder bekommen Mottoparties zum Geburtstag ausgerichtet.
3. Meine Kinder tragen kurze Haare und ich bestehe auf Mitspracherecht bei der Frisur.
4. Meine Kinder sind durchgeimpft.
5. Wir alle lassen uns gegen Grippe impfen.
6. Ich senke Fieber auch schon unterhalb von 40Grad.
7. Es gibt feste Zubettgehzeiten.
8. Es werden jeden Morgen und Abend die Zähne geputzt.
9. Ich schminke mich jeden Tag.
10. Ich dusche jeden Tag und wasche jeden Tag meine Haare.
11. Die Kinder auch. Auch darauf bestehe ich.
12. Die Kinder gehen zum freiwilligen Religionsunterricht.
13. Ich kontrolliere die Hausaufgaben der Kinder.
14. Es gibt Zucker bei uns.
15. Ich rasiere meine Beine jeden Tag. Das habe ich auch gemacht, als ich schwanger war.
16. Ich habe immer lackierte Zehennägel. Auch als ich schwanger war.
17. Ich hatte auch Schminksachen in meine Kliniktasche gepackt und sie auch benutzt.
18. Wir haben ein Auto.
19. Meine Kinder müssen ihren Schulranzen selber tragen.
20. Ich stelle den Lehrplan nicht in Frage. Ich habe nicht mal eine Meinung dazu.
21. Meine Kinder gehen auf die reguläre Dorfschule.
22. Ich arbeite Vollzeit.
23. Es gibt Kameraden meiner Kinder, die ich nicht mag.
24. Ich habe ein Vetorecht bei Geburtstagsgästen meiner Kinder.
25. Bei uns ist es aufgeräumt. Spätestens jeden Abend. Immer.
26. Die Kinder räumen mit auf.
27. Es gibt feste Regeln für das Benehmen bei Tisch und überhaupt.
28. Ich trage immer einen Fahrradhelm (also: beim Radfahren.)
29. Die Kinder auch. (auch beim Rollerfahren)
30. Gegessen wird bei uns am Tisch, maximal gesnackt wird auf dem Sofa.
31. Ich benutze Parfum.
32. Ich benutze Weichspüler.
33. Ich benutze einen Wäschetrockner.
34. Ich benutze manchmal sogar Trocknerdufttücher.
35. Ich benutze teure Kosmetik.
36. Wir alle tragen immer Sonnenschutz.
37. Ich bügle meine Bettwäsche nicht und auch sonst fast nix.
38. Bei uns ist Haushalt nicht Frauensache, sondern alle packen mit an.
39. Ich benutze Shampoo und Spülung mit Silikon.
40. Ich benutze duftende Bodylotion und keine Naturkosmetik.
41. Die Kinder haben bei uns im Bett geschlafen.
42. Ich habe die Kinder im Tragetuch und im Ergobabycarrier getragen.
43. Ich habe die Kinder aber auch im Kinderwagen und Buggy geschoben.
44. Ab dem zweiten Geburtstag gab es keinen Kinderwagen mehr.
45. Die Kinder bekamen Brei.
46. Wir haben keinen Reboarderautositz und kein Isofix.
47. Ich habe mich im Kindergarten an die "Was darf das Kind zu essen dabei haben"-Regeln gehalten, tue das heute noch und finde sie gut. Auch, dass sie durchgesetzt werden.
48. Vereinbarung von Familie und zwei Jobs klappt hier hervorragend.
49. Beim Essen darf man bei uns so viel Wasser trinken wie man möchte.
50. Wir verschicken keine Weihnachtskarten.
51. Es gibt keine kunstvollen Bentoboxen für die Kinder.
52. Aber Picker mit Augen oder niedlichen Tierchen schon.
53. Ich benutze nur Deo MIT Aluminium (da können alle in Riechweie froh drum sein).
54. Wir haben eine Nespresso-Maschine und benutzen sie.
55. Wir essen wenig (ich) bis mittelviel (der Rest) Fleisch, wir essen Eier und Milchprodukte. Und tonneweise Obst und Gemüse. Und Nudeln. Und Nutella nicht nur am Wochenende.
56. Ich esse aber zB überhaupt kein Nutella, weil ich es nicht mag.
57. Ich tu Rotwein in die Bolognese und Weisswein ins Käsefondue und die Kinder dürfen mitessen.
58. Wir haben (und werden nie einen haben) keinen Thermomix.
59. Ich mag Tupper nicht. Wegen der Produkte und viel mehr wegen des Verkaufskonzepts.
60. Beide Kinder wurden aus Überzeugung nicht nur mit Wegwerfwindeln gewickelt, sondern sogar  mit Pampers.
61. Ich finde Urlaub und Ferien mit Kindern grossartig.
62. Hier gibts keine Homöopathie im Haus.
63. Ich poste Bilder meiner Kinder (und von mir und dem Hübschen) MIT Kopf und von vorne.
64. Ich finde Chiasamen eklig, Porridge auch und alles mit warmen Haferflocken. Und Griessbrei und Milchreis und Apfelmus. Und Smoothies.
65. Meine Kinder hätten keine Quetschies bekommen, auch wenn es die damals schon gegeben hätte
66. Gegen Zahnungsschmerzen gabs hier Dentinox MIT Lidocain. Und keine Bernsteinkette.
67. Ich habe beide Kinder gestillt, eines 8 Monate, eines 14 (oder so).
68. Beide hatten einen Schnuller, einer 14 Monate, der andere zweieinhalb Jahre.
69. Beide kamen im Unikrankenhaus zur Welt, beide mit PDA, beide ohne Beleghebamme und das alles mit Absicht.



Und ganz ehrlich? Nur weil ich das so mache, heisst das nicht, dass ich finde, dass Sie das auch so machen sollten (bis aufs Impfen). Ich habe mir Gedanken gemacht und mache das, was ich am besten für mich/uns finde. Aber deshalb müssen Sie gar nix :-). Ich finde Sie deshalb nicht doof (wenn ich Sie doof finde, dann wegen irgendwas anderem :-)) und verbitte mir, dass Sie mich aufgrund meiner Haarshamponiergewohnheiten oder Adventskalenderaktivitäten be- oder verurteilen. Und mal ehrlich: wenn Sie sich unter Druck gesetzt fühlen, das auch so zu machen und deshalb finden Sie es furchtbar, dass ich das so mache und da auch noch drüber spreche, dann ist das ganz allein Ihr Problem. Niemand macht Ihnen mehr Druck als Sie selber.

(Ehrlich gesagt finde ich die Liste dort oben schockierend banal und in der Zusammenstellung sogar einigermassen skurril, aber das sind die Punkte, die mir eingefallen sind, zu denen es in den letzten Monaten hoch her ging.)