Donnerstag, August 04, 2016

Passiv achtsam

Einmal im Jahr gibt es bei meinem Arbeitgeber eine "Wellbeing-Woche". Die steht imme runter irgendeinem Motto, da gibt es Vorträge, TaiChi in der Mittagspause, Bauernmarkt, Yoga bei Sonnenaufgang, sowas.
Dieses Jahr ist das Motto .... genau, "Achtsamkeit". Das Wort, das mir von ganz allein Puls und Blutdruck beschert, und zwar nicht, weil ich ein unglaublich oberflächlicher, hin- und herhetzender Mensch bin (okay, das mag äusserlich so aussehen, aber ich habe immer einen Plan dahinter), auch nicht, weil ich immer 13 Sachen gleichzeitig mache (ich hasse es, wenn Leute nicht bei der Sache sind, aber mal ernsthaft: stehen, gehen, reden und atmen finde ich jetzt nicht direkt Multitasking.), sondern weil ich das ein so unglaublich aufgesetztes Konzept finde, für was, was mit, wie man bei uns daheim sagt, "a bisserl Hirn und Verstand" halt auch von ganz allein hinkriegen kann. Ganz ohne Mandala oder Magic Garden ausmalen oder "Wenn ich stehe, dann stehe ich." Ich muss mich selber kennen und einschätzen, das ist eine menschliche Grundfähigkeit, die man haben sollte, finde ich. Vom fitzelige Mandalas ausmalen werde ich zB aggressiv, da bin ich achtsam genug, das nicht zu tun.
Anyway, ich liess mich hinforttragen. Es wird also diese Achtsamkeitswoche geben und man kann dabei auch in einem "Ökobeichtstuhl" seine Sünden bekennen und sich Tipps holen, wie man das wieder gut machen kann. Ich denke, mit der Solaranlage haben wir genug Ablass bezahlt (ich wurde im katholischen Bayern gross, ich weiss, wie das läuft).

Als Vorbereitung für diese Woche konnte man sich jetzt eine "Fit and Well"-App installieren, die einen daran erinnert, Wasser zu trinken, eine Pause zu machen und Augengymnastik zu machen. Man kann sich die Erinnerungen auch personalisieren und so habe ich grad mal eingegeben, dass ich alle zwei Stunden an "Kaffee, aber zackig" erinnert werden möchte.

Und was macht die App? Nachdem ich brav mein Wasser getrunken habe, 20 Sekunden einen Punkt in mehr als 6 Meter Entfernung angestarrt habe und überprüft habe, ob mein Stuhl die richtige Höhe hat, blinkt auf "Kaffee, aber zackig." und drunter "Der beste Durstlöscher an einem anstrengenden Tag ist Wasser! Achten Sie darauf."

So passiv aggressiv, wie der katholische Dorfpfarrer seinerzeit.
Aber ich Achtsamkeitsheide kann da natürlich mithalten.
Morgen lasse ich mich an "Freitag ist Schnipo-Tag" erinnern, wenn das nix hilft, gebe ich "Ein Stamperl in Ehren kann niemand verwehren" ein und wenn das immer noch nicht hilft, lasse ich mich alle Stunde an "Kippenpause" erinnern. Mal sehen, was der Achtsamkeits-Bot dann sagt.