Mittwoch, Oktober 07, 2015

Zeigitag oder auch "Show and tell"


“Please select an artifact to bring to the meeting that tells a story about you, your background, or your culture to share with the other participants. It will be more interesting if the artifact represents something that is not obvious or well known about you. Please be prepared to do a two minute presentation to describe your artifact and explain why you selected it. If you are already on the road and do not have the possibility to bring an artifact with you, please take 5 minutes to draw the artifact on a piece of paper and bring that with you or to find a picture of the artifact. Thank you and looking forward to an interesting exchange with all of you.”

Das ist die Hausaufgabe für den Offsiteworkshop mit dem neuen Team nächste Woche. Ja. Mhm. Irgendwas ist ja immer, nech?
Ich habe diese Aufforderung also gestern abend vor dem Schlafengehen gelesen und seitdem rattert mein Hirn.
Erstmal bin ich ja schon froh, dass ich noch nicht „on the road“ bin (Von welchem Punkt auf der Welt* hat man denn 7 Tage Reisezeit zu unserem kleinen Hotel in einem Schlafstädtchen von Basel?) und zeichnen muss. Weil: zeichnen, das ist immer noch nicht so meins.

Für mich ist es ja schon schwer, was zu finden, was nicht eh schon jeder über mich weiss, weil ich, sagen wir so, mit Schweigen ja nicht umgehen kann und deshalb lieber aus den Nähkästchen plaudere als einfach mal die Klappe zu halten. Und was da bisher noch nicht zur Sprache kam, das sollte auch besser so bleiben.
Dann: mein Hintergrund/meine Kultur. Was soll das denn sein? Ich meine, ich verstehe das ja fast. Da kommt ein superinternationales Trüppchen zusammen und jeder bringt was von „daheim“ mit. Aber was soll das denn sein? Ich bin seit 13 Jahren aus Bayern weg, Dirndl habe ich früher schon nicht getragen, weissblau ist bei uns daheim nix, Weisswürschtl mag ich auch nicht besonders, ich sehe das jetzt auch nicht direkt als „meine Kultur“ an.

Background könnte man natürlich auch beruflich sehen, da könnte ich ja dann tatsächlich meine Lego-Chemikerin mitnehmen, da könnte ich dann was zu Liebe zur Chemie und Lego erzählen, noch eine kleine Geschichte zu „Frauen in männerdominierter Umgebung" einpflegen, aber das ist ja nichts, was nicht eh schon jeder weiss.

In der Zeit, in der ich dann heute Nacht nicht geschlafen habe, habe ich mir eine lustige Liste an Dingen überlegt, mit der ich meine Kollegen nachhaltig verstören könnte:

1. Ein Symbol für unsere nerdigen, serienaffinen Haushalt. Mir ist da als erstes eins der Kinderlichtschwerter eingefallen, allerdings bin ich ja eher Star-Trek- als StarWars-Fan. An Startrek-Devotionalien haben wir nur eine Spock-Action-Figur und Vulkanier sind ja die Spezies, mit denen ich mich am wenigstens identifizieren kann. Mein StarTrek-Alter Ego ist ja B’elanna Torres, aber jetzt auf die Schnelle noch eine Klingonenperücke oder ein Bathlet bestellen? Auch doof (und zeitlich eng), und hinterher heisst es, ich wäre nicht teamfähig.

2. Ich könnte natürlich auch unsere Katze mitnehmen und erklären, warum sie heisst, wie sie heisst (Dax wie der Dax-Symbiont in Deepspace Nine, weil sie solche Punkte um den Bauch rum hat und Katzen ja neun Leben haben und so), aber: die Katze mag keine fremden Menschen, Autofahren eh nicht und überhaupt.

3. Ein Grigri als Symbol für „Ich klettere gerne“ als Symbol für „ich gehe an meine Grenzen“ und „ich kann anderen Menschen mein Leben anvertrauen“ mit einer Prise „letztendlich vertraue ich dann aber doch eher auf technische Massnahmen“. Allerdings war ich schon lang nicht mehr klettern und die Symbolik ist auch eher so … mittel.

4. Irgendwas DIY-artiges, etwas selbergenähtes oder selbergemachte Seife. Aber. Seife habe ich nicht mehr so viele schöne, genäht..... hmmm. Kinderkleider eher nicht, mal sehen, vielleicht ziehe ich was an. (jajaja, ich ziehe eh was an, aber vllt was selbergenähtes). Will ich aber nur meine Hobbyseite vorstellen? Vielleicht.

5. Eine Karotte und ein Steak als Sinnbild für meine paar Jahre Vegitariertum und die Rückkehr zum Ovo-Lacto-Steako-Flexitariertum. (das war schon recht spät, da hatte ich schon wieder ein Hüngerchen)

6. Eins meiner Lieblingsbücher früher: "Das grosse Buch der Namenspatronen", das viel Wert auf dramatisch bebilderte Märtyrergeschichten legt. Das habe ich als Kind schaudernd begeistert gelesen und war ernsthaft ein bisschen traurig darüber, dass meine Mutter direkt nach meiner Geburt von den Nonnen vor Ort befragt, welche Katharina denn nun meine Namenspatin sein solle, die im Alphabet erste nahm, die nur schnöde (laaaaaaangweilig) geköpft ***wurde, während es ja noch viel bessere Namenspaten gegeben hätte. Mit Rösten und Häuten und so. Man hätte dann noch eine oder zwei Anekdoten über das Aufwachsen als evangelisches Kind in einem erzkatholischen bayerischen Dorf anschliessen können, aber erstens ist Religion bei der Arbeit eh immer schwierig und zweitens würden dann alle denken, ich wäre ein total gestörtes Individuum mit Folterfantasien.

7. Meinen Doppel-J-Katheter. Ich habe immerhin nicht allen Kollegen in allen Einzelheiten meine Nierenstory erzählt, sie hat mich sehr beschäftigt, unterschwellig die letzten 7 Jahre, überschwellig das letzte Jahr, aber erstens habe ich ihn ja leider nicht bekommen und zweitens ist "Wäh, alter Pipischlauch" auch nicht besser als Folterfantasien unterstellt zu bekommen.

8. Ich schreibe meine Blog-URL aufs Flipchart. Das weiss da kaum einer (nur der eine Kollege, den ich nach biketolaternenpfahl vom falschen Mailaccount geschrieben habe). Würde einen grossen Teil meiner Persönlichkeit abdecken. Hahaha. Sicher nicht.


Mein Kollege war total verwundert, dass ich mir da so viele Gedanken drüber mache, er plant, sein Artefakt am Morgen des Workshops auszuwählen und die Geschichte dazu spontan zu erzählen („Dies ist mein Coffee to go-Becher, ich habe ihn ausgewählt als Symbol meiner Weigerung, Standardkennenlernspielchen wirklich ernst zu nehmen.“). Mir hat er vorgeschlagen, doch ein Bild meiner Kinder mitzunehmen. Weil ich spontan die Augen gerollt und „Laaaaaangweilig“ geblökt habe, denkt er jetzt wohl, ich bin komisch und mag meine Kinder nicht.**

Im Moment tendiere ich zu dem Buch "Latte Igel", das ich noch in der Ausgabe aus den 70ern habe und dazu ein Foto, wie ich das mit 5 lese, mein erstes "dickes Buch", wie meine Mutter das so schön aufgeschrieben hat. (ist natürlich die Gefahr, dass man als geoutetes Viel- und Schnellleser dann die längsten Dokumente ever zum Review bekommt. Aber besser, als als perverser Folterknecht oder Ekel abgestempelt zu sein). Oder aber ich bringe unsere Familie aus Lego mit. Weil: ich mag sie ja schon alle sehr gern. Und Lego.

*und mit Punkt meine ich natürlich Firmenstandort, nicht irgendwie ein Dorf im Hinteramazonasgebiet oder im Hindukusch.

** Und natürlich bin ich komisch und natürlich finde ich meine Kinder toll und überhaupt nicht langeweilig. Aber die Vorstellung von 38 verschiedenen Familienfotos in der Vorstellungsrunde und Lobgesänge auf die dazugehörigen Familien: ist jetzt nicht wirklich spannend, oder? Und ausserdem soll es ja was sein, was nicht alle von mir wissen: "Passt auf, ich erzähle euch ein Geheimnis: ich liebe meine Familie. Hättet ihr nicht gedacht, was?"

*** Hätte es damals doch schon Wikipedia gegeben. In meinem Buch stand nix von "aufs Rad flechten und dabei 4000 Heiden töten". "Meine Katharina hats doch drauf.