Samstag, Januar 31, 2015

Und bämm.

Eigentlich fahre ich mein Leben lang mit "prepare for the worst" ziemlich gut. Ich habe (fast) immer einen Plan, ich werde eigentlich nie negativ überrascht.
Es hat aber Grenzen und damit bin ich gar nicht gut.
Gestern abend nämlich hatte ich auf einmal den ganzen rechten Arm voll mit roten Ausschlag. Im Ohr die Stimme des Werksarzts ("Wenn Sie rote Punkte bekommen, müssen Sie das Bactrim sofort absetzen und zum Arzt!"), vor mir der Beipackzettel ("Wenn Sie diese Nebenwirkungen bei sich beobachten, setzen Sie das Medikament sofort ab und suchen Sie einen Arzt auf!") und der Wiki-Eintrag und die hausinterne Zeitung, wo das Bactrim zwar hochgelobt wird, auch in Hinblick auf Einsatz gegen MRSA oder Entwicklung von keinen Resistenzen, ich habe nicht genau weitergelesen, weil ich kriege ja roten Ausschlag davon, aber eben auch auf das happige Nebenwirkungsspektrum verwiesen wird.
Wieder habe ich kurz überlegt, mir zu sagen: "Ach, so ein paar Punkte, vielleicht ist es ja nix, ich nehm das einfach weiter?!", dann aber habe ich mir mit dem Hübschen einen neutralen Beobachter geholgt, mit der Krankenkassenhotline telefoniert und bin dann mit der Anweisung "Bloss nicht weiternehmen, morgen sofort zum Notdienst, wenn Sie anschwellen oder keine Luft kriegen, dann direkt." ins Bett.
Yay.
Naja, heute (und kaum zu glauben, dass das gestern abend echt ein Stressfaktor für mich war) habe ich dann erstmal meinen Friseurtermin abgesagt, dann rausgefunden, wo die hausärztliche Notfallpraxis ist und dann ... naja, dann ging das halt los, man kennt das, man erzählt 17 Mal die gleiche Geschichte und endlich ist ein Arzt da.
Und dann... ich dachte ja, ich hätte an unsensiblen Nierenärzten schon alles mitgekriegt, aber das war schon fast ein neuer Level.
Erst hat er angezweifelt, dass die Punkte vom Bactrim kämen (weiss ich ja auch nicht, aber wenn der andere Arzt es schon extra sagt? Und wahrscheinlicher, als dass ich nach 20 Jahren Chemie auf einmal eine Unverträglichkeit gegen "chemische Sachen" im allgemeinen entwickelt habe, die bei uns ausserdem erstens nicht von mir und zweitens vollkommen geschlossen gehandhabt werden, ist es auch.).
Dann hat er angezweifelt, dass ich überhaupt einen Infekt hatte ("Soviel Blut? ist ja eher untypisch."). Dummerweise/praktischerweise war in der Urinprobe dann auch nix mehr nachzuweisen, also meinte er dann so: "Jaja, so Werksärzte, die kennen sich halt auch nicht so aus mit Nieren und so. Eher mit Arbeitsmedizin" (Mal ernsthaft: so einen Stick in einen Pipibecher halten und das Ergebnis mit einer Skala vergleichen, das könnte auch ich.)
Dann aber kam die geballte Kompetenz (man erinnere sich: bis jetzt hatte er meinen Arm angeschaut und einen Urinbecher) und Empathie zum Zug: "Naja, Sie sind ja eigentlich noch nicht in dem Alter, obwohl, welcher Jahrgang sind Sie? Weil bei sowas, da muss man dann halt schon auch mal an Blasenkrebs denken. Oder Nierenkrebs. Oder Gebärmutterhalskrebs. Das wäre eher typisch für so viel Blut, nicht eine Entzündung."
Ich habe dann erstens versucht, nicht direkt loszuheulen (ich meine, ich war müde, weil ich vor lauter Angst, im Schlaf anzuschwellen und zu ersticken schon nur so mittel geschlafen hatte, und dann ist er ja auch der zweite, der ohne jede gescheite Untersuchung erstmal Krebs in den Raum schleudert, vielleicht HABEN DIE JA RECHT?), habe auf die Entzündungswerte jenseits von gut und böse am Donnerstag verwiesen und auf den sauteuren ausführlichen Ultraschall vom Herbst, wo man ja wohl gesehen hätte, wenn da irgendwas falsch wäre, aber er hat nur gelacht "Hehe, mhmm, ich hatte da mal eine Patientin.... das glaubt man gar nicht... Gebärmutterhalskrebs.... naja. Aber jetzt kriegen Sie mal keine Panik, Antibiotikum brauchen Sie keins mehr, Sie gehen nochmal zur Kontrolle zum Werksarzt? Naja, dann zeigen Sie ihm mal, was aus der "Infektion" geworden ist.... hehehe, und dann lassen Sie das mal von einem richtigen Arzt abklären."

Ich meine, ich bin echt nicht auf den Mund gefallen, aber schlagfertige oder strenge Antworten gehen nur, wenn sie nicht heulend hervorgewürgt werden, also habe ich nix mehr gesagt, habe genickt und bin gegangen. Geheult habe ich dann im Auto und daheim dann nochmal, als ich gegoogelt habe, weil ich erst dachte "So ein Depp, wie soll das denn gehen, Gebärmutterhalskrebs und Blut im Urin, das ist doch anatomisch gar nicht möglich." Anscheinend aber doch und jetzt sitze ich hier (mit btw 6 Liter Cranberrysaft gegen Niere und so) und wäre eigentlich gern froh, dass immerhin der Infekt weg zu sein scheint, und dann wäre ich gern sauer auf diesen Arzt, der mir da Horrorszenarien ins Hirn pflanzt, obwohl ich ja eigentlich sehr genau weiss, dass ich regelmässig zur gyn. Kontrolle gehe, dass ich sowohl vor fünf Jahren ausführlichst urologisch geckeckt wurde (fragen Sie nicht, ich war zum Teil unter Opiaten, aber das waren nicht die allerschönsten Untersuchungen der Welt), als auch im Herbst 14 und keiner hat irgendwas gefunden, was da nicht hingehört, und dass ich, mit meiner urologischen Erfahrung als Patientin, eigentlich glaube, dass ich immer noch / immer wieder Nierensteine habe und die da durch irgendwelche Stauungen das Blut und die Entzündung verursacht haben. Was ja an sich schon doof genug ist, aber das ist verdammt noch mal kein Krebs.
Naja, stattdessen denke ich unterschwellig die ganze Zeit "Was ist, wenn doch und ich das nur nicht hören will und aaaaaaaaaaahhhhhh!!!!!!???"

Danke auch, wirklich.
(Und nein, Sie müssen sich keine Sorgen machen, ich google heute nichts mehr ausser neuen Strickprojekten, am Montag bin ich beim Werksarzt und einen Termin mit meiner Frauenärztin mache ich nächste Woche. Alles gut. Irgendwie).

Die restlichen 6 Bactrim-Tabletten habe ich übrigens mal aufgehoben, die sind noch gut bis 2019, weil erstens ist das tatsächlich das erste Mal, dass ich eine Tablette mit unserem Firmenstempel drauf in der Hand hatte, und zweitens kennt man das ja: irgendwann wird man bei einem Banküberfall oder einem Drive-by-Shooting einer verfeindeten Rockerbande oder etwas ähnlichem angeschossen oder muss jemandem helfen, der angeschossen wurde und dann ist es gut, wenn man eine gebogene Pinzette zum Kugelrauspokeln hat (das würde ich mit der Overlockeinfädelpinzette machen), und dann sollte man da immer Antibiotika nehmen, für den Fall, dass sich auf der Flucht was entzündet. Und da würde ich dann nochmal rote Punkte in Kauf nehmen.