Montag, Februar 10, 2014

Tag 1 nach #MEI

Da haben die Schweizer aber wieder einen Coup gelandet! Neben Sotchi, der Ukraine und sonstigen globalen Schauplätzen schafft es dieses kleine Alpenland mit der gewöhnungsbedürftigen Demokratieform, sich mit einem mitteldeutlichen "Ja" zu "Nein zur Masseneinwanderung" in die Schlagzeilen zu katapultieren. Allerorten wird nun gewetter, gemahnt, verglichen, sich selbst gegeisselt, tja, was soll man sagen?
Ein Signal für eine offene, tolerante, moderne Gesellschaft und ein Ja zu Europa, auch mit Sonderrolle, hätte anders ausgesehen. (Das war aber, nach meinem Empfinden, noch nie ein Ziel der Schweiz). Die rechtspopulistische Propaganda der SVP (nicht nur zu diesem Thema) trifft offensichtlich ganz essentielle Ängste, ich nehme an, nicht unbedingt vor dem Nachbarn ohne Schweizer Pass oder dem Kollegen mit Grenzgängerausweis, aber eben vor der grossen gesichtslosen Masse, die anscheinend nur darauf lauert, zu Dumpinglöhnen den redlichen Schweizern die Arbeitsplätze wegzunehmen.
Ich finde es bezeichnend, dass die Kantone mit der höchsten Ausländerdichte eher diejenigen sind, die die Initiative abgelehnt haben, und umgekehrt. Vermutlich wissen die Leute in Basel, dass meine deutschen, französischen, amerikanischen, englischen, irischen, spanischen etcl. Kollegen und ich erstens nicht für Dumpinglöhne arbeiten, genauso Steuern, AHV, Pensionskasse etc. bezahlen und zweitens gar nicht genug schweizer Bewerber sowohl für die hochqualifizierten als auch die nicht so begehrten Jobs wie zB im Pflegebereich existieren.

Man kann es aber auch so sagen (ich finde den Tweet nicht mehr): Komisch, dass v.a die Kantone dafür sind, wo eh kein Ausländer hin will ;-).

Was ich auch lustig finde, ist, dass ja einerseits die grosse Gruppe der Deutschen immer wieder medienwirksam als Problem hochgespielt wird, im Rahmen der Initiative auch darauf hingewiesen wurde, wie dramatisch es wäre, dass ein so hoher Anteil von Kindern in der Schule nicht Deutsch als Muttersprache hätten. Ja was denn jetzt? *

Ich sehe das Ganze jetzt, ehrlich gesagt, relativ entspannt. Vermutlich wäre in Deutschland wäre eine Volksabstimmung zu diesem Thema genauso ausgegangen. (Ich sage nur ""Wer betrügt, der fliegt". Auch klar: macht es nicht besser.) Klar, ich würde mich willkommener fühlen, wenn das Votum andersrum ausgegangen wäre. Andererseits: die Wahlbeteilung von 56% mal den 50.3% Ja-Stimmen, das gibt für mich 28.2% Ja-Stimmen auf die Gesamtbevölkerung, das entspricht ziemlich genau dem einen von drei Schweizern in unserem Team, der sich offen zu seiner Ja-Stimme bekannt hat, und eine grosse Menge, der das Ganze nicht so wichtig ist, die mich Ausländerin jetzt aber auch nicht so schlimm finden, dass sie sich deswegen am Sonntag zur Urne bewegen würden oder den Umschlag abschicken würden.
Ich denke, die SVP/Ja-Stimmer hat weniger den Ausländern damit geschadet als der Schweiz selber. Meiner Meinung nach war es relativ undurchdacht, einfach mal wild Ängste zu schüren und dann zu sagen "Ja, wir kündigen die Verträge ja gar nicht, wir wollen nur den einen jetzt anders." und so zu versuchen, den Schwarzen Peter den anderen zuzuschieben. Ich denke, das alles wird nicht so heiss gegessen werden, wie es jetzt gerade hochkocht. In den drei Jahren kann man (sollte man!) viel mit diplomatischem Geschick wieder gut machen und so wieder hinbiegen, dass alle glücklich sind.

In der Zwischenzeit (und auch danach, hey, ich habe einen Niederlassungsbewilligung und als der Hübsche und ich seinerzeit hierherkamen, gab es noch lang keine Personenfreizügigkeit. Wir waren beim ersten Kontingent dabei, das damals btw. längstens nicht ausgeschöpft wurde) werden wir hier weiter brav unsere Steuern zahlen, und in dem Team aus Schweizern, deutschen Grenzgängern, Deutschen, die in der Schweiz wohnen, Amerikanern, die in der Schweiz wohnen, Schweizern, die in Frankreich wohnen, Franzosen, Deutschen, die in Frankreich wohnen, Spaniern, die in der Schweiz wohnen, Spaniern, die in Frankreich wohnen und elsässer Dialekt sprechen, Kosovaren, die in der Schweiz wohnen, und noch weiteren unzähligen Konstellationen weiterarbeiten.


*fun fact:
1. Hier gibt es sämtliche Infounterlagen für Schule und Kindergarten in sämtlichen Sprachen, die man sich vorstellen kann. Bei der Einschulung bekommt man die Unterlagen aus Prinzip und ungefragt in der Sprache, die man als Nationalität angegeben hat. Auch wenn die Eltern der Schulkinder vllt. schon in zweiter Generation in der Schweiz leben und wenn überhaupt nur ganz rudimentär zB albanisch sprechen.
2. Sämtliche Kinder, die nicht zwei deutschschweizer Elternteile haben, werden schon im Kindergarten zum DaZ-Unterricht (= Deutsch als Zweitsprache) geschickt. Die deutschen Kinder immerhin nicht.