Samstag, September 21, 2013

Wort zum Sonntag

und nein, nicht zur Bundestagswahl, sondern klassisch zum Thema Religion.

Little Q. ist jetzt in der zweiten Klasse und da gehört für die evangelischen Kinder jetzt auch Religion dazu. (Die katholischen Kinder hatten schon ab der ersten Klasse, aber die haben ja auch die Erbsünde und müssen offensichtlich früher anfangen.) Wobei: dazugehören ist so eine Sache. Hier in der Schweiz bzw. hier im Aargau ist es so, dass zum normalen obligatorischen Unterricht ein Fach gehört, das einerseits allgemeines zwischenmenschliches Zusammenleben behandelt, andererseits auch die verschiedenen Weltreligionen. Religionsunterricht, wie ich ihn kenne, gibt es auch, der liegt aber in der Verantwortung der Kirchen, ist freiwillig, ausserhalb der normalen Schulzeit, aber im Schulareal. Für Little Q. bedeutet das: alle zwei Wochen zwei Stunden am Freitagnachmittag. Er wäre übrigens lieber katholisch, weil die haben jeden Mittwoch um halb acht, also vor der Schule, und da wäre er ja auch immer schon wach und Freitagnachmittag, das ist ja praktisch Wochenende, wer hat denn da noch Lust auf Jesus.
(Erschwerend kommt hinzu, dass die Kinder und ich ja evangelisch-lutherisch sind und die Evangelen hier eigentlich alle reformiert, nur in Basel gibt es eine kleine Enklave von Lutheranern, aber die helfen uns für den Reliunterricht ja auch nix. Deswegen darf Little Q. ein Jahr lang bei den reformierten Kindern "schnuppern", wenn er weitermachen will, soll er (und die ganze Familie am besten) aber bittedanke zur reformierten Kirche übertreten, damit durch die Kirchensteuer auch der Religionsunterricht finanziert werden kann. Finde ich so ... naja)

Bei uns zu Hause spielt Religion aus den verschiedensten Gründen eine recht untergeordnete Rolle: erstens sind wir faul. Und so schlafen wir sonntags einfach gerne aus, frühstücken spät, schauen die "Sendung mit der Maus" und danach ist jeder Gottesdienst längstens vorbei. Ausserdem: welche Kirche? "Meine" Evangelen sind in Basel zu Hause, d.h. mit dem Auto in aller Herrgottsfrüh mitten in die Stadt rein, wo parken, bis wir wieder zurück sind, ist der halbe Tag vorbei, der Hübsche ist zwar katholisch, mit Dependance direkt im Dorf, aber ich bin aus Überzeugung nicht katholisch und habe sehr dafür gekämpft, dass die Jungs evangelisch getauft werden (freudscher Vertipper: habe gerade "geKauft" geschrieben), ich fühle mich unwohl und unwillkommen in katholischen Kirchen (an Weihnachten gehen wir trotzdem in den katholischen Gottesdienst im Dorf), tja. Dazu kommt, dass ich (ich spreche mal für mich, ich weiss nicht genau, wie es da im Hübschen aussieht) immer mehr ins allgemeine Zweifeln komme, wie und was ich denn von der Religion an sich halten soll. Mein naturwissenschaftliches Wesen und das "Wer weiss, wenn Du mal alt, krank und einsam bist, vielleicht bereust Du dann, wenn Du jetzt aus er Kirche austrittst" sind sich da unschlüssig. Andererseits finde ich, allein aus kulturhistorischer Sicht gehört eine Art Grundüberblick über das "christliche Erbe" zur Allgemeinbildung dazu, deswegen geht Little Q. jetzt zur Religion, damit er dort das lernt, was wir ihm bisher daheim nicht beigebracht haben.

Nun ja. Mittlerweile hatte Little Q. dreimal Religion. Die grosse Erkenntnis nach der ersten Stunde war: "Mami, total krass, die Reiligionsfrau ist die Zahnputzfrau" *. Soweit so gut, ansonsten wurden Namen gelernt, "was ausgeschnitten und geklebt" und dann war es auch schon rum.
Nach der zweiten Stunde kam er nach Hause und meinte: "Mami, ganz am Anfang von allem, da gabs im Fall keinen Urknall, sondern da war erstmal überall Wasser. Und dann Licht, das hat im Fall der Gott gemacht." PENG! (oder eben auch nicht), das sass. Was sage ich jetzt? Ich, die ich mit meinem Kind, zu dessen Lieblingslektüre der Weltraumatlas gehört, schon vor Jahren über die Entstehung der Erde gesprochen habe? Die ich mir selber altes und neues Testament als Zeitdokument, das im kulturhistorischen Zusammenhang gesehen werden muss und dementsprechend auf gar keinen Fall wörtlich zu nehmen ist, mit meiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung in Einklang bringe? Ich habe mal vorsichtig nachgefragt, ob er das denn auch glaubt. Die Antwort war klar: "Mami, das hat nix mit Glauben zu tun, die Zahnputz- äh Religionsfrau hat gesagt, das war so. Da muss man nix glauben, wenn was so ist."

Nun gut, wir haben uns dann relativ bald über andere, drängendere Themen unterhalten ("Wer würdest Du in Hogwarts sein? Wer glaubst Du gewinnt, wenn Harry Potter gegen Anakin Skywalker kämpfen würde?"), bis dann diesen Freitag wieder Religion war. Anscheinend habe ich doch eine kleine Saat des Zweifels in Little Q. gesät, er kam nämlich heim und erzählte stolz: "Heute habe ich die Religionsfrau gefragt, ob der Gott auch Atom erschaffen hat." Da war ich natürlich ganz Ohr und in meinem Inneren habe ich mir vorgestellt, wie ich als Zahnputz- äh Religionsfrau begeistert diesen Ball aufnehmen würde und von den Atomen als Gottes Legokiste erzählen würde, aber nein: "Und nein, hat er nicht, sagt die Religionsfrau, weil, Atom, das hat jemand erfunden." Ohohohooo, das ist natürlich für eine Naturwissenschaftlerin ein ganz grellrotes Tuch. Ich habe dann (ich fand die Legoanalogie so grossartig und nachdem ich Little Q. gestern erst mit Hilfe von Wienerle, Nudeln und Pfannkuchen die Koalitionsbildung nach der Wahl erklärt hatte, war ich eh grad im Erklärbärmodus) also erklärt, dass Atome nichts sind, was man erfinden kann, sondern wie die kleinsten Teile beim Lego etcetc. Wir kamen dann drauf, was Moleküle sind, aus welchen Atomen ein Mensch so besteht und so weiter und alles war gut, bis Little Q. meinte: "Ja, aber das Atom haben wir gar nicht gemeint in Religion, da haben wir das böse Atom gemeint, das von Fukushima und Bomben". "Das böse Atom", da biegen sich einer Physikertochter natürlich die Fussnägel hoch, aber trotzdem, wir (der Hübsche kam dazu und fand die Legogeschichte ganz toll) haben also die Analogie weitergesponnen und so erklärt, wie ein Atomreaktor und eine Atombombe funktionieren, und dass ein Atom an sich nicht böse sein kann, aber die Kernfrage (pun intended ;-)), ob jetzt Gott das Atom geschaffen hat, die haben wir aussen vor gelassen.

Ich stecke jetzt so ein bisschen in einem Dilemma. Einerseits möchte ich nicht die Supermom sein, die meint, alles besser zu wissen als die Lehrer, ausserdem weiss ich ja nicht, was die Religionsfrau wirklich gesagt hat, nur das, was Little Q. verstanden hat, aber dann..... Atom als Erfindung von Menschen?  Kein Urknall? Argh. Andererseits bin ich (auch als evangelisches Heidenkind in der bayerischen Diaspora) mit Kindergottesdienst, Konfirmandenfreizeit und Jugi-Zeltlager grossgeworden, habe mich mit meinem kindlichen Glauben an Gott sicher gefühlt und bin trotzdem zu einem rational denkenden vernünftigen Erwachsenen geworden. Darf ich meinem Kind das nehmen? Bin ich ihm nicht diese Geborgenheit schuldig? In welche Lage/Gewissenszweifel bringe ich ihn, wenn ich den Religionsunterricht jeden zweiten Freitag ab halb vier daheim zerpflücke und durch trockene/faszinierende naturswissenschaftliche Fakten ersetze?

Was tun, sprach Zeus (aber das hilft jetzt auch nix, noch mehr Götter in das Schlamassel mit reinzuziehen)....

Mal sehn, wie es weitergeht. (Geschnitten und geklebt wir übrigens jedesmal. Da gibts auch keine Diskussion drüber ;-))

*Sehr faszinierend. Die verschiedenen Fachlehrer wurden schon in der ersten Klassen monatelang anhand ihrer Kernkompetenz, nicht ihres Namens unterschieden. Es gab die Musikfrau, die Schwimmfrau, die Heilpädagogikfrau und eben die Zahnputzfrau, die alle paar Wochen zur Zahnprophylaxe in die Klasse kommt und zB rosaglitzrige Hellokitty-Zahnpastaproben mitbringt. Ach ja, letzten Herbst hatte auch die Lausfrau ein kurzes Gastspiel.