Sonntag, August 11, 2013

Warum ich "The Wire" für die am meisten überschätzte Serie aller Zeiten halte

Dieser Post ist seit langem überfällig, aber eben, die Ferien sind in 14h zu Ende und jetzt erst habe ich ein bisschen Zeit zum Durchschnaufen. Also.
Der Hübsche und ich sind ja bekennende Serienjunkies, schauen viel, gern, sind nicht auf bestimte Genres festgelegt (nur Zombies und Vampire, da streike ich). Und klar, da kommt man an "The Wire" nicht vorbei. Frau Tadellos hat mich mit ihrer Begeisterung richtig heiss auf diese Serie gemacht und so haben wir Weihnachten angefangen und, was soll ich sagen: wenn sie nicht so begeistert vom Finale der finalen fünften Staffel geschwärmt hätte, ich hätte nach drei Folgen hingeschmissen. Und, um nicht unnötig Spannung aufzubauen: im Nachhinein wäre das die bessere Entscheidung gewesen.
So habe ich mehr oder weniger die gesamte erste Staffel gegen den Schlaf gekämpft, als gefühlt 2400 Drogendealer, Cornerboys, Musclemen und Polizisten total undurchsichtig und unspannend gegen einander antraten. Als ich das erste Mal das Gefühl hatte "wow, jetzt passiert was" bzw.: "Ah, ich glaube, den Typ habe ich in einer der vorhergehenden Folgen schon mal gesehen", da war es auch schon zwei Folgen vor Staffelende und somit der grosse Showdown.
Und dieses Schema zog sich durch alle fünf Staffeln: unendliche Langeweile beim lustlosen und empathiefreien Vorstellen von 43 Millionen neuen Charakteren, beim ambitionierten Aufdecken eines neuen Skandals in einer anderen politischen Ecke von Baltimore, und kaum ist nach 15 Folgen Strafversetzung in andere Einheiten die unrsprüngliche "Major Crimes Unit" wieder unglücklich (ALLE! SIND! IMMER! UNZUFRIEDEN!) vereint, kaum zeigt sich ein Funken von Spannung: Staffelende, fertig, nächste Baustelle wird mühsam hochgezogen.
Ich weiss wirklich nicht, warum das für mich so überhaupt nicht funktioniert hat. Ich brauche keine Serien, in der jede Folge vor Action sprüht, ich liebe zB Madmen, und da passiert eigentlich überhaupt nichts. Auch bei den Sopranos: so richtig Handlung hat die Serie nicht.
Ich finde auf einer theoretischen Ebene den Aufbau der Serie schon interessant: in jeder Staffel wird ein Aspekt des kaputten Baltimores beleuchtet (Drogen im Allgemeinen, die Politik, der Hafen, die Schule, die Zeitungen) und alles zusammengehalten von der fröhlichen Truppe um McNulty und Proposition Joe. Aber für mich hat das den Beigeschmack von vor allem gut gemeint. Und bekanntermassen ist das "Gut gemeint" das Gegenteil von "Gut gemacht".
Ich bin ja an sich eine treue Serienseele. Wenn ich mal am Haken bin, dann schaue ich brav und ohne Murren und Knurren bis zum Ende, auch wenn die Serie stark nachlässt, ich sagen nur "Heroes" und "Lost" (also da war ja nur das Finale blöd). Ich habe "Private Practice" bis zum bitteren Happyend für alle geschaut, ich werde am 19. August brav "Grey's Anatomy" weiterschauen, auch wenn da der Zauber der ersten Staffeln schon lang weg ist.
"The Wire" hat es aber nie geschafft, mich an diesen virtuellen Haken zu kriegen. Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass es keine einzige Person (und Personen gibt es mehr als genug) in der Serie gibt, deren Schicksal mir auch nur ansatzweise naheging. Am ehesten haben mich Bubbles und Omar berührt, aber das reicht einfach nicht. Stinger fand ich noch interessant, aber der ist ja auch relativ bald relativ unspektakulär von der Bildfläche verschwunden. Es gab für mich unter all den 4300 Charakteren einfach keinen einzigen Sympathieträger und das will was heissen. Ich brauche keine weichgespülten kantenlosen Serienfiguren zum Liebhaben (wobei ich die "Gilmore Girls" liebe), ich mochte zB Tony Soprano sehr gern und im Moment schauen wir "House of Cards", wo, glaube ich, keine einzige nette Person mitspielt und trotzdem mag ich besonders Claire Underwood sehr, sehr gern. Aber all die vielen Charaktere bei "The Wire" blieben so flach, dass sich nicht einmal ein Hauch Mitgefühl für McNulty, Kima, Marlo Stansfield, die Barksdales oder Cedric Daniels aufbauen konnte. Und wenn man sich nicht um die Charaktere schert, dann sind fünf Staffeln echt lang.
Liegt es am komplexen Setup? An der Anzahl Personen? An der vielen Politik? Ich würde sagen: nein. Game of Thrones, die Serie mit dem Ziel, die meisten Personen aller Zeiten auftreten und sterben zu lassen, finde ich grossartig, aber da passiert natürlich auch was. Politik ist nun tatsächlich nicht wirklich ein Metier, das ich megaspannend finde, aber auch da: meine Lieblingsserie ist "The West Wing", das ist Politik deluxe, genauso wie "House of Cards" oder auch zum Teil "The Good Wive", da finde ich das sogar spannend. Richtig sogar.

Eine kleine Ausnahme gibt es übrigens: die fünfte Staffel ist mit Abstand die interessanteste und spannendste von allen. Allerdings ist die Handlung mit "Oh, und damit wir Geld für die wirklich wichtige Ermittlung bekommen, lassen wir uns einen Fakeserienmörder einfallen und am Schluss geht alles in die Hose, aber niemanden stört es so richtig" im Vergleich zu den vier ersten stinklangweiligen Staffeln schon übertrieben skurril und die halbscharig angerissene Zeitungsgeschichte hätte es meiner Meinung nach auch nicht gebraucht. Die ganze Staffel zu verstehen ist natürlich nur möglich, wenn man sich durch die vorhergehenden vier gequält hat und nur dafür lohnt sich das ehrlich gesagt auch nicht.

Um das ganze jetzt nicht nur negativ klingen zu lassen: immerhin verstehe ich jetzt sämtliche Anspielungen auf "The Wire" in anderen Serien, wie "Liliy coming" in HIMYM zB.  (Und nein, auch dafür lohnt sich die Zeit und Langeweile nicht.)

tl, dr: Was ich also von "The Wire" mitgenommen habe: Baltimore ist eine echte Scheissstadt, da fahr ich nie hin. Dafür hätte es keine fünf Staffeln gebraucht.