Dienstag, August 13, 2013

Ich Du Er Sie Es. Und bayerische Klosterschwestern

Als meine nächstjüngere Schwester (btw: Alles Liebe zum Geburtstag!) in der ersten oder zweiten Klasse war, hatten sie da mal eine oder zwei Nonnen zu Besuch, die an einer Abendverstaltung über irgendwas Spannendes aus ihrem Klosterschwesterleben erzählt haben. Ich weiss nicht mehr genau, worum es ging, im Zweifelsfall um die armen hungrigen Kinder in Afrika (das und die verschieden Sammlungen, um deren Hunger zu lindern, und die verschiedenen Vergehen, bei denen die Strafpredigt so sicher wie das Amen in der Kirche denSatz "Und in Afrika verhungern Kinder" enthielt und eben überhaupt Klosterschwestern und katholisches Kirchenleben -Beichten während der Schulzeit zB.- das war alles allgegenwärtig während unserer Grundschulzeit auf dem bayerischen Dorf), was mir aber im Gedächtnis blieb (es waren nämlich die ganzen Familien der Erst- oder Zweitklässler zu dem Nonnenevent am Abend eingeladen), war die Sprachregelung der Nonnen. Sie duzten ihr Publikum, was ja per se nicht schlimm ist, nicht mal ich sieze Erst- oder Zweitklässler, aber das gesamte Publikum (und es waren viele da. Weitgereiste Nonnen waren damals auf dem bayerischen Dorf ein Garant für aus den Nähten platzende Pfarrsäle) wurde nicht mir "ihr", sondern eben mit "du" angesprochen. "Die armen hungrigen Kinder in Afrika, die haben nicht einfach so einen Wasserhahn daheim wie Du" zB.
Ich fand das total komisch und war mir nicht sicher, ob die weitgereisten Nonnen vielleicht ihren Vortrag nur für ein spezielles Kind im Publikum hielten und die anderen eigentlich gar nicht da sein sollten (oder vielleicht kein fliessendes Wasser daheim hatten), aber meine Mutter, ihres Zeichens Grundschullehrerin und deswegen hatte ich damals das Gefühl, sie müsse das wissen, meinte: "Weisst Du, die Zweitklässler, die sind noch klein, die würden wahrscheinlich gar nicht verstehen, wenn die Nonne "ihr" sagen würde, deswegen sagt sie "du" und so hat jeder Zweitklässler das Gefühl, dass er angesprochen ist.".
Heute wage ich das zu bezweifeln und habe das lange für eine sehr seltsame Eigenart der weitgereisten Nonnen gehalten, was ja kein Problem für mich ist, weil weitgereiste Nonnen, mit denen habe ich kaum zu tun, aber diese Art zu sprechen, oder vielmehr und noch irritierender, diese Art zu schreiben begegnet mir in letzter Zeit immer wieder in "meiner Ecke vom Internet", bzw. v.a. in den, ich nenne sie mal, rohveganen Waldorfblogs, die ich mit interessierter, aber verständnisloser Irritation zum Teil ganz gerne lese (know your enemy ;-)). Und ich muss sagen, wenn ich da regelmässig am Ende der Posts lese "Und, wie machst Du das? Kennst Du das auch? Wie richtest Du Deine Chakren nach der Mondgöttin aus?", da fühle ich mich wieder ein bisschen wie damals, als meine kleine Schwester in der, sagen wir jetzt, zweiten Klasse war und ich die weitgereiste Klosterfrau so komisch fand. Und ich frage mich, ob diese Blogger jetzt denken, dass ihre Leser sich nicht genug angesprochen fühlen, wenn da stehen würde "Wie richtet Ihr Eure Chakren aus?" (und somit davon ausgehen, dass das geistige Niveau ihrer Leser ungefähr dem eines Zweitklässlers entspricht, wenn man da der Nonneneinschätzung trauen darf, was ich selbstverständlicherweise nicht tue) oder ob sie denken, dass ihr Blog wirklich nur eine einzige Person liest, oder ob sie ihre Leser auf diese für mich so ganz schreckliche Art ganz persönlich ansprechen wollen.
Aber vielleicht finde ja nur ich das komisch und Du nicht ;-).