Dienstag, August 20, 2013

Drama, Baby...

Ach ja.Bisher war ja eher Little L. unser Kind fürs Drama, ich sag nur Lungenentzündung, ich sag nur Herzflattern incl. Intensivstation und Reset. Little Q. kann das aber auch, auch wenn er, so hoffe ich, gar nichts davon gemerkt hat.
Wie im Korsikarückblick irgendwo im Text erwähnt, ist uns vor mittlerweile gut vier Wochen im Urlaub aufgefallen, dass seine Lymphknoten am Hals extrem angeschwollen waren. Und mit extrem meine ich nicht nur tastbar, sondern extrem. Golfballgross extrem. Das war uns natürlich vom ersten Moment an verdächtig, weil: grosse Lymphknoten, das kenne ich schon. Sobald ich auch nur den Anflug eines Halskratzens habe, habe ich dicke Lymphknoten, aber nicht so gross, nicht ansatzweise so gross. Dazu kam, dass Little Q. nicht das geringeste Krankheitszeichen oder -gefühl zeigte. Das einzige, was er hatte, waren jede Menge Mückenstiche und auf die reagiert er extrem. Wir haben uns also damit beruhigt, ein paar Tage später hatte auch Little L. angeschwollene Lymphknoten (bei weitem nicht so stark), ich hatte leichtes Halskratzen, soweit so gut. Allerdings ging das alles vorbei, Little Q.s Lymphknoten wurden auch leicht kleiner, dann wieder grösser und es war sehr unheimlich. Und ja, ich gebe zu, durch meine Arbeit für einen der (oder den, je nachdem, wen man fragt und wie man rechnet) Marktführer für Onkologie-Medikamente, wo man sozusagen auf Schritt und Tritt mit der Thematik konfrontiert wird, da ist mir sehr schnell der Gedanke an Krebs, Leukämie, Lymphom, wie auch immer das man jetzt nennen mag, durch den Kopf geschossen. Den Urlaub über habe ich es erstmal versucht zu verdrängen, daheim angekommen, musste ich Hals über Kopf in die Arbeit stürzen, die Jungs waren bei meiner Schwester eingeladen und bis auf die mal grösser, mal kleiner erscheinenden Lymphknoten gab es ja kein echtes Problem, also sind sie gefahren und erst als sie aus anderen Gründen (Little L. hatte irgendwelche Hautbakterien im Gesicht, die Antibiotika erfordern) eher heimkommen und eh zum Kinderarzt mussten, hat der Hübsche Q. einfach mitvorgezeigt.
Der Kinderarzt fand das alles erstmal nicht dramatisch und hat uns einen Termin Anfang September zur Kontrolle gegeben. Soweit so gut,  ich hatte das Gefühl, eine zu viel Angst habende Mutter zu sein, aber das bin ich gewohnt.
Little Q.s Lymphknoten allerdings wurde wieder grösser, einer zumindest, so dass wir am letzten Donnerstag beschlossen, wir halten die Ungewissheit nicht aus, das muss jetzt nochmal untersucht werden mit allem Drum und Dran und da können wir nicht bis September warten.
Unser eigentlicher Kinderarzt war nicht da, aber sein Kollege (Gemeinschaftspraxis) und der war, gelinde gesagt, schockiert über die Grösse des Lymphknotens. Das hat meine Sorgen natürlich nicht gerade gelindert, und so habe ich meine Ängste angesprochen (auch nicht leicht. Mit einem 8jährigen, der v.a. dann immer genau zuhört, wenn er nicht soll und der sich mit viel mehr Dingen auskennt, als man glaubt und dann soll er keine Angst bekomme.....) und eben, so wie es halt ist, auf meine sozusagen berufliche Vorbelastung hingewiesen. Der Arzt (auch das hat meine Panik nicht gerade verringert) schaut mich an und meint: "Ah, sie haben also Angst, es könnte ein Lymphom sein?" Ja, hatte ich, und anstatt, wie ich mir das erhofft hätte, zu sagen: "Nein, ach Quatsch, das ist aus dem und dem Grund definitiv keines", sagt er "Ja, wir müssen das mit einem ausführlichen Blutbild abklären und dann sehen wir weiter." Little Q. hat nur "Blut" gehört und war mit seiner Nadelphobie sofort am Ende ("Für was sind Lymphknoten überhaupt wichtig, dann ist er halt dick, mir ist das wurscht, ich lass mich nicht pieksen"), ich habe noch ein Stück weiter zugehört und neben EBV und irgendeiner Krankheit, die durch junge Katzenkratzer übertragen wird, wollte er auch den LDH-Wert testen, einen Wert, "der einem zeigt, wenn was im Körper schneller wächst, als es soll". Und als ob ich diese Andeutung missverstehen könnte, legt er nach und sagt "Das ist halt ein Tumormarker."
Das ist dann erst mal eine Ansage, die man verdauen muss. Die diffuse Angst, die man sich selber noch als hysterisch und irrational einreden kann, wird ein gutes Stück realer, wenn jemand vom Fach nicht direkt abwinkt..... Und dann (und ich gehe da deswegen so detailliert drauf ein, damit man meine Panik in den folgenden Tagen besser verstehen kann) kam noch die Aussage: "Wenn der Wert da so zwischen 200 und 300 ist, dann ist das normal, dann ist alles gut. Ansonsten müssen wir dann per Ultraschall nachschauen, was da los ist."

Tja. Das Blutabnehmen überspringen wir mal, es hat irgendwie geklappt. Am Samstag, wo die Resultate dann vielleicht schon da sein hätten können, waren sie natürlich nicht da, aber sicher am Montag.
Am Montag vormittag hat mich niemand angerufen, mittags dann habe ich in der Praxis angerufen und die Sprechstundenhilfe am anderen Ende hat fröhlich gemeint: "Ja, da sind zwei Werte da, der Doktor ruft sie an, wenn der dritte auch da ist, in zwei, drei Tagen." Darauf konnte und wollte ich natürlich nicht warten, weil im Kopf vom Hübschen und mir, da spielte das Kopfkino natürlich schon verrückt. Das ist kaum zu glauben schrecklich, welche kurzen Gedankenblitze einem da durch den Kopf schiessen, die man (also ich) sich nicht weiterzudenken erlaubt, die aber da sind, immer. Also habe ich insistiert, dass sie schaut, welche Werte da sind und als sie gesagt hat "EBV, der ist negativ und der LDH, (den sie leider für einen Entzündungsmarkerwert gehalten hat, sonst, gehe ich mal von aus, hätte sie mir den Wert nicht einfach so gesagt, sondern das wirklich den Arzt machen lassen), der ist bei 529, 460 wäre die Obergrenze von normal, aber das kann Ihnen der Arzt sicher genauer erklären, der ruft sie dann heute noch an. Oder morgen. Vielleicht."
Da sass ich nun. Mit einem "200-300 ist normal" in den Ohren, mit "460 ist die Obergrenze" und eben den 529, was ja im schlimmsten Fall ungefähr das doppelte von normal wäre. Googeln hilft in diesem Fall natürlich ungemein und man findet dann raus, dass erhöhte Werte einerseits auf Fehler beim Blutabnehmen oder beim Probentransport, andererseits auf höllische Sachen eben wie Krebs jeder Spielart, Nierenversagen, weiss der Geier was oder auch einfach nur körperliche Anstrengung hinweisen können.
Für mich waren zwei Sachen besonders schlimm: einerseits, dass ich natürlich, obwohl ich mir detaillierte Gedanken daran nicht erlaubte, Angst vor dem Schlimmsten hatte, andererseits aber, dass ich fest davon ausging, dass der Arzt im besten Falle sagen würde: "Das heisst jetzt mal noch gar nix, wir wiederholen erstmal den Test und machen einen Ultraschall und schauen mal weiter" und wir so noch weiter in der Luft hängen würden.
Der Hübsche konnte das Ganze noch schlechter verdrängen als ich (gelobt sei der höllische Stress bei der Arbeit, da kann man gar nicht so viel an anderes denken) und hat der Sprechstundenhilfe bei einem weiteren Anruf wenigstens das Versprechen abringen können, dass der Arzt und definitiv am selben Tag noch anrufen würde..... Die Zeit, bis es endlich so weit war, die kam mir ewig vor (Danke für den virtuellen Beistand via Twitter, Mail, WhatsApp etc.....), und der Anruf, so um ..... sieben oder so, war dann etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte: der Arzt hatte keine Ahnung, in welche Panik mich der Wert gestürzt hatte, weil "529, das ist zwar leicht erhöht, klar, aber ein Lymphom, das wäre eine ganz andere Grössenordnung, das mache ich mir überhaupt keine Gedanken, das können wir nun wirklich ausschliessen.Unter 1000 besteht kein Grund, überhaupt irgendwas weiter zu machen." Nun denn. (Von den ursprünglichen 200-300 wollte er auf einmal gar nix mehr wissen...).
Ich war und bin so unendliche erleichtert und froh und dankbar, dass dieser Kelch an uns vorübergegangen ist und empfinde tiefstes Mitgefühl mit all denen, bei denen es nicht so letztendlich harmlos ausgegangen ist wie bei uns.
Die riesige Angst, die ich während dieser Zeit der Unsicherheit verspürt habe, war nur ein Bruchteil dessen, was einen vermutlich erfasst, wenn man nicht eine so definitive Entwarnung bekommt wie wir jetzt, und das kann ich mir gar nicht ausmalen....(Und ja, es war anders als bei den Little L.-Dramen, da hatte ich auch unmittelbar Angst um Little L.s Leben, aber das kam beide Male so aus heiterem Himmel und so akut, dass gar keine Zeit zum Grübeln war. Es hiess damals: Notfallstation, zackzack, jetzt,. Es gab genau eine Möglichkeit, weiterzumachen, man musste und konnte gar nicht nachdenken, für Horrorszenarien im Kopf war gar kein Platz, man war ja mehr oder weniger direkt schon drin.....)

Tja. So war das also hier bei uns dieses Wochenende und auch davor schon.....

Little Q. hat übrigens von der Panik nichts mitbekommen, er hat einmal ganz unaufgeregt gefragt, ob es schon was neues von dem Bluttest gäbe und als ich dem Hübschen nach dem Entwarnungstelefonat heulend um den Hals gefallen bin, hat Little Q. gefragt, ob ich schlechte Neuigkeiten, von einer andere Baustelle, die hier nichts zu suchen hat, bekommen hätte.....

Ach ja: wie es weiter geht? Wir warten das Testresultat der Katzenkratzkrankheit ab, diesmal wirklich entspannt, wenn das auch negativ ist, dann wars das einfach. Dann waren es vermutlich wirklich die Mückenstiche oder Gottweisswas. Und wenn die Lymphknoten wieder grösser werden (im Moment sind sie wieder recht klein), dann gehen wir nochmal hin und lassen einen Ultraschall machen. Ganz ohne Panik jetzt.


Ach ja. Und auch auf die Gefahr hin, jetzt unsensibel und/oder paranoid zu wirken: bitte, bitte, bitte, verkneifen Sie sich jeden Kommentar über die Nichte von der Schwiegertochter der Nachbarn oder auch näheren Verwandten, die das oder was ähnliches oder was total anderes auch hatten und dann war es doch nix schlimmes oder vielleicht auch doch, auch wenn der Arzt erst gesagt hat, dass nicht, und die dann entweder gewunderheilt wurden oder auch nicht. Bitte! (Und glauben Sie mir, jeden, der das Verkneifen nicht schafft, für den finde ich einen Weg und blocke ihn für immer und ewig als Kommentar und Leser für dieses Blog.)