Montag, November 07, 2016

Diversity & Inclusion mal anders rum

Ich befasse mich ja im Job und im Leben aus Überzeugung immer wieder mit dem Thema Diversity. Ich erinnere mich gut dran, wie ein Oberchef sich selber feierte, weil er in einem Jahr den Anteil an Frauen in seiner Abteilung mehr als verdoppelt hatte. Von 2 auf 5%. Bei einem Konzernziel von mindestens 40%. Indem er einer Sekretärin einen Festvertrag statt eines Leiharbeitervertrags gab. Damals habe ich nur sehr aktiv die Augen gerollt und als ich dann ein Jahr später die Abteilung verliess, war es, nehme ich an, nicht nur der Verlust meiner unglaublichen Sachkompetenz und meines superstarähnlichen Potentials, das eben diesen Oberchef damals im Quadrat springen liess, sondern auch der Fakt, dass er damit in Sachen Frauenziel wieder in die ganz falsche Richtung rutschte. Und andere Dinge, aber das ist eine andere Geschichte.
In meiner aktuellen Gruppe bin ich wieder mal die einzige Frau, aber durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Funktionen, die traditionell frauenanteilsmässig stärker besetzt sind als die Chemieproduktion (nämlich zB die Galenik, Qualität, Registrierung und auch Supply Chain und Finanz) bin ich nun Mitglied in einigen Teams, wo Frauen nicht nur gefühlt, sondern auch in echt in der Überzahl sind. Das ist sehr ungewohnt, aber auch sehr toll! (Sowas hatte ich seit der Oberstufe am Gymnasium nicht mehr, ab da waren meine Peer Groups immer mindestens zu zwei Dritteln bis ganz männlich besetzt.). Lustigerweise haben wir gerade ein Projekt mit einem externen Partner begonnen, das von unserer Seite aus von einem 80% weiblichen Team geleitet wird, auf der Partnerseite von einem zu >90% männlichen Team. Ich bin gespannt auf die Dynamik und ob sich die unconscious und nicht ganz so unconscious biases gegenüber "Frauen und Technik" und "süditalienische Männer und Gleichberechtigung" spüren lassen werden.
Ich habe es übrigens aufgegeben, die Augen zu rollen (also: natürlich nicht, aber ich rolle nicht nur noch), sondern habe mich zB letzte Woche auf dem Workshop, als ich ja als Freiwillige für den "Diversity & Inclusion"-Workstream bestimmt wurde, erstens dafür stark gemacht, bittedanke beim Thema Diversity und erst recht beim Thema Inclusion weiter zu denken als nur ans "Frauenzählen". Andererseits deckt genau das erschreckend oft die Diskrepanz zwischen gefühlter Wahrheit ("Es ist doch so, heute musst Du für eine Topstelle nichts mehr können, nur noch eine Frau sein", was kein wörtliches Zitat ist, sondern die überspitzte Essenz aus seufzend geäusserten Leidensbekundungen) und der Realität, wo ein Frauenanteil von 17% als ausgeglichen und von knapp 30% (ich finde die Studie nicht mehr) als weibliche Übermacht empfunden wird, und was ich in der aktuellen Situation genau so beobachte, auf. Und so fand ich mich ungeplant und spontan als einzige Frau in einem Team eine flammende Rede pro Frauenquote als Beschleunigungsfaktor zur Beseitigung einer über Jahrzehnte zementierten Ungerechtigkeit zu halten.
Raten Sie mal, wer jetzt langfristig in diesem Workstream mitarbeiten darf, weil es ihr ja so am Herzen liegt? Nun denn.

Auf der ganz anderen Seite bekomme ich aktuell auf Kinderebene gelebte Inklusion ganz anders rum mit. Little L. geht ja seit knapp einem Jahr zum Geräteturnen. Und wie das so ist, ist er mit zwei anderen Jungs total in der Unterzahl. Der Verein freut sich aber sehr, dass sie endlich mal auch Buben dabei haben, und so wurde beim Neuentwurf des Vereinslogos darauf geachtet, dass die stilisierten Figuren weder besonders weiblich noch besonders männlich aussehen. Die neuen Trainerjacken wurden aufgrund eines Entscheids, der von allen Turnkindern gemeinsam getroffen wurde, in blau bestellt und die Turndresses für die aktiven TurnerInnen sind eh schon immer blaugrünglitzrig. Little L. fühlt sich auf jeden Fall sehr wohl in diesem Verein (nur vor der Weihnachtaufführung hat er Bammel, weil er es nicht mag, auf der Bühne zu stehen und "Boah, Mami, alle glotzen mich an").

Kommentare:

Caroline hat gesagt…

Zum Thema "Jungs und Turnen" möchte ich eine Anekdote aus meinem Bekanntenkreis besteuern: obwohl eine Mutter diesen Sport selbst sehr lange betrieb, hätte sie ihren Jungen nicht hingeschickt, weil Turnen "zu weiblich" sei (sinngemäß).(Augenrollen meinerseits)

Frau Brüllen hat gesagt…

@Caroline: well... nuja. Ich habe ja selber lang geturnt und habe auch/trotzdem meine Kinder nicht in die Richtung gestupst, weil ich als Kind erfahren habe, wie doof es ist, wenn man die Träume oder Vorlieben der Eltern stellvertretend ausleben soll (das war bei uns Leichtathletik, was ich total doof fand; turnen hingegen "galt" nie etwas und ich musste dafür kämpfen) und sie sollten selber rausfinden, was ihnen Spass macht. Voila, here we are :-)