Montag, Oktober 27, 2014

Ich hab die Nase voll.

Disclaimer vorneweg: auch wenn Sie in letzter Zeit oder irgendwann einen Blogpost oder Tweets zum Thema Vereinbarkeit geschrieben haben: hier geht es nicht um Sie. Vielleicht habe ich Ihren Artikel gelesen, vielleicht auch nicht, vielleicht hat mich Ihr Post/Tweet mit zu diesem Post bewegt, vielleicht nicht. Ich greife Sie hier nicht an, es geht einzig und allein ganz egoistisch und selbstverliebt um meine Wahrnehmung der Thematik. Ich weiss auch, dass Ihnen das grad wurscht ist, wenn Sie sich angegriffen oder beleidigt fühlen, aber dann ist das halt so. Ich habs wenigstens gesagt, wie ich das hier meine.

So. Jetzt aber:

Am Samstag war ich mal wieder beim Friseur und nachdem ich mich in der Gala eingehend drüber informiert hatte, wer mit wem und wer nicht mehr mit wem anders, war die Hairstylistin meines Vertrauens immer noch nicht fertig und ich musste also eine Brigitte zur Hand nehmen, etwas,w as ich ja sonst tunlichst vermeide.

Da fand ich eine Kolumne zum Thema Vereinbarkeit, die bei mir das Fass zum Überlaufen brachte (Tenor: Vereinbarkeit von Job und Familie ist genauso irre wie zu erwarten, dass Sauerkraut mit Gummibärchen schmecken würde. Leider finde ich den Text nicht online, ich würde ihn gerne Zeile für Zeile zerpflücken).

Seit einiger Zeit vermeide ich es, Blogposts und Artikel dazu zu lesen, ich schaue mir keine Diskussionsrunden dazu an, ich sage auch unter Freunden und Bekannten eigentlich nichts mehr dazu (wobei: da umgebe ich mich ja grösstenteils mit Menschen, die ähnlich ticken wie ich oder meine Meinung dazu mittlerweile so gut kennen, dass sie nicht mehr diskutieren müssen), weil ich es einfach so müde bin.
Ich bin es müde, von Männern, deren Frauen daheim glücklich sind (oder zumindest scheinen), erzählt bekomme, dass es eben für Frauen auch gar nicht geht, einen verantwortungsvollen Job und Familie unter einen Hut zu bekommen.
Ich bin es müde, von ebendiesen Männern zu hören, dass die Regelung mit "3 Tage pro Fall kindkrank-frei" ja zum Ausnutzen des Systems auffordere und man ja wohl sich auch anderweitig organisieren könne und sie zB hätten noch nie wegen eines kranken Kindes gefehlt.
Ich bin es müde, von Frauen, die voll zu Hause sind, zu hören, dass es nur so geht und dass sie ja zugunsten ihrer Kinder auf Karriere (das wird dann in einem angewiderten Ton ausgesprochen, weil wer will denn sowas.) verzichten, weil nur so könnten Kinder ja glücklich aufwachsen.
Ich bin es müde, von Frauen, die einen Teilzeitjob, aber eine Vollzeitkinderbetreuung haben, zu hören, dass es ja nur so geht, weil man sich ja wenigstens noch eine Stunde aufs Sofa legen muss, bevor man die Kinder abholt.
Ich bin es müde, von ebendiesen Müttern zu hören, das es ja so ungerecht sei, dass man mit einem Teilzeitjob keine Karriere (man spricht das dann mit einer Mischung aus Sehnsucht und Abscheu aus) machen könne.
Ich bin es müde, von Arbeitgebern zu hören, dass man total familienfreundlich wäre, weil man Homeoffice möglich macht, im Sinne von: Die Arbeitnehmer können schon um fünf heimgehen und Zeit mit ihren Kindern verbringen und dann total problemlos noch ab 21:00h mit San Francisco videokonferenzieren.
Ich bin es müde, das Jammern zu hören, dass der gesamte Job sich nicht an den Trainingszeiten oder den Musikschulzeiten der Kinder orientiert.
Ich bin es müde, das Jammern zu hören, dass Kindergärten, Schulen, Sportvereine Termine zu Arbeitszeiten der Mütter fordern.
Ich bin es müde zu hören, dass Vollzeitbetreuung und Ganztagesschulen das Bullerbü-Leben, das so viele in den 70ern und 80ern anscheinend geführt haben, unmöglich macht.
Ich bin es müde zu hören, dass Jammern zu hören, dass man ja alles (Kinder, Training, Musikschule, Arbeit, Weiterbildung, Extratermine) als Frau allein unter einen Hut kriegen müsse, weil der Mann ja die Woche über nicht da oder nicht greifbar wäre, weil er ja auch total viel arbeiten müsse, und deshalb ginge das ja alles gar nicht.
Ich habe die Nase voll von Müttern, die eine grossartige Ausbildung und einen grossartigen Job hatten, aber dann nach Geburt ihrer Kinder auf einmal Experten in Kindercontent wurden und ihre Existenzgründung als Kindercafebetreiberin, Secondhandladenbetreiberin, Windelselbststrickerin, Babymassageworkshop und Trageberatung etc. als einzig Wahres und für alle seligmachenden Schritt auf dem Lebensweg propagieren, weil "Ein 9to5-Job lässt sich nicht mit Kindern vereinbaren" oder "Mein alter Job, das war ja klar, dass das nicht geht".
Ich bin die Aussagen von zu Hause bleibenden Müttern satt, dass allein das ja alles so brutal kompliziert und anstrengend wäre, ein Job ginge da gar nicht mehr.
Ich bin das Gejammer, dass alles so anstrengend sei und deshalb ja auch nicht gehen könnte, einfach so satt.
Ich bin es leid, das Gejammer zu hören, dass der Chef kein Verständnis dafür hätte, wenn man daheim bleibt wegen krankem Kind oder Laternenbasteln oder dass die Kollegen dabei nicht "Hurra" schreien.
Ich bin die Aussagen, dass mit ein bisschen Vernetzung und Wille dazu Vollzeitjob, Familie, Hobby und Reisen total problemlos unter einen Hut zu bekommen seien, man müsse nur wollen, wer das anstrengend fände, macht irgendetwas falsch.

Ich möchte darauf eigentlich nur drei Sachen entgegnen.

1. Eins meiner Lieblingszitate aus einem meiner Lieblingsfilme (ab 00:50)





Eben: es ist NICHT einfach, wer das denkt und glaubt, der sollte langsam mal aufwachen. Das Leben war noch nie ein Ponyhof oder ein Wunschkonzert und auch in Themen ausserhalb der Vereinbarkeit regiert nicht nur rosa Zuckerwatte und Einhornglitzer. Live aus der Plattitüdenkassen ist mit "Man kriegt nichts geschenkt" und "Wenn man nicht will, dann gehts auch nicht" und "Man muss Prioritäten setzen" eigentlich das meiste dazu gesagt.

2. Bei all diesen "es geht nicht"s frage ich mich immer: Wo um alles in der Welt sind denn bei diesen Müttern die Väter? (und da merkt man schon, falls Sie jetzt zB alleinerziehend sind und Ihnen die ganze Zeit schon auf der Zunge liegt "Aber ich MUSS das alles allein machen, mir hilft niemand!", ja, es gibt Familiensituationen, da ist es schwierig, da kann niemand was dafür, da ist es nicht so einfach, wie ich das hier postulieren, etwas dran zu ändern. Das weiss ich, aber nicht mal ich kann für alles eine Lösung haben) Warum in aller Welt kann nur die Mutter zu einem Kindergartentermin gehen? Warum kann nur die Mutter das kranke Kind zu Hause betreuen? Warum muss nur die Mutter früher oder auch einfach nur mal pünktlich gehen, um das Kind zum Training zu bringen? Und kommen Sie mir jetzt nicht mit den "wichtigen, absolute Flexibilität einfordernden Jobs" Ihrer Männer. Mein Job zB ist dem meines Mannes absolut gleichwertig, mein Pensum annähernd, und dementsprechend teilen wir uns alle Kindertermine. Wir gehen beide zu Elternabenden, Rüben schnitzen, Geburtstag feiern, Kinderstirnen zusammenkleben lassen, Kontrolltermine, Trainingsbegleitungen, Kindergeburtstagsabholservices, ich meine: das ist doch Partnerschaft, oder nicht? Und wenn Sie mir jetzt damit kommen, dass Ihr Mann die ganze Woche woanders arbeitet, tja. Auch das ist ist NIE in Stein gemeisselt. Wenn man sich dafür entscheidet, dieses Modell zu leben (und ja, dafür mag es sicher manchmal gute Gründe geben), dann ist das so, dann ist das aber eine Entscheidung, die man (im besten Fal) als Familie getroffen hat und mit der man halt dann leben muss. Dann wird es kompliziert, aber dafür kann niemand was, ausser den Leuten, die diese Entscheidung getroffen haben. Sorry.

3. Und ja, es ist kompliziert. Immer. Aber es kann funktionieren. Und es kann für jeden anders funktionieren. Es muss stimmen und zwar genau nur für die Familie, die es betrifft. Die möglichen Lösungen sind so unterschiedlich, wie es die verschiedenen Familien sind. Und wenn auf der Chefetage das Verständnis dafür fehlt, ja, meine Herren, meine Damen, Sie sind alle erwachsen, dann stehen Sie halt in Gottes Namen für Ihre Bedürfnisse und Überzeugungen ein. Auch ein Job ist nicht in Stein gemeisselt, es gibt auch andere Arbeitgeber und manchmal hilft es durchaus, nicht immer ja und amen zu sagen, sondern auch mal für sich einzustehen.

Und damit ist eigentlich schon klar, dass die ganzen angeblich allgemeingültigen "Geht nicht." oder "Es sollte aber klappen, es darf nicht so kompliziert sein, mimimimi"-Kolumnen und Artikel eigentlich schon am Thema vorbei sind. Und deswegen werde ich sie auch weiterhin meiden, ich habe einfach die Nase voll, mich darüber aufzuregen. Beim nächsten Friseurtermin bleibe ich bei Gala und Bunte. InStyle vielleicht auch noch.

Kommentare:

Mudder Seemann hat gesagt…

Auf den Punkt! Großartig! Jeder lebt sein Leben und jeder kann selbst was daran ändern, wenn es für einen persönlich nicht rund läuft. Machen statt jammern oder (wie es in meinem Kalender eingestickt ist): Wer sein Leben selbst gestalten will, muss selbst denken! Aber daran scheitert es oft ... so traurig ... aber leider meist nur für die spürbar, die das ganze Mimimi abbekommen ;)

Alles Liebe, Du Herz! Ich mag Dich und deine Grundeinstellung zu deinem Leben!

Anonym hat gesagt…

Guten Morgen,

dem gibt es nichts hinzu zu fügen....

Mir geht es genauso, und deshalb sage ich zu solchen Themen auch nix mehr...

Grüße aus dem Münsterland
M.

Atelier.Felu hat gesagt…

Danke! Der Post trifft genau meine Meinung. Es ist immer einfacher anderen die Schuld zu zuschieben.
Liebe Grüße
Arlett

Anonym hat gesagt…

DANKE!!!!

Ich schließe mich in allen Punkten an.

Liebe Grüße
Alex

Mariti hat gesagt…

Als sonst stille Leserin muss ich heute auch einmal meinen Senf dazu geben. Alles genau auf den Punkt gebracht. Ich habe 3 Kinder mit Vollzeitjob und allem Drum und Dran groß gezogen. Sie stehen heute mitten im Leben haben keinen "Schaden" davon getragen, nur weil sie seit dem 1. Lebensjahr in der Kita waren und sich wohl fühlten zwischen all den anderen Kindern und machen es heute genau so wie wir. Alle haben Vollzeitjobs. Alle Männer in unserer Familie haben sich genau so eingebracht wie die Frauen. Wir sind eine ganz normale, lebenslustige Familie. Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

jennimomsi hat gesagt…

Alles wahr! Wo ein Wille, da ein Weg. Aber manchmal darf man auch mal kurz jammern, und dann gehts wieder weiter;-)

Anonym hat gesagt…

Hallo Frau Brüllen,
Sie haben meine volle Zustimmung!!

Ich bin selbst Mutter von drei Kindern, davon sind zwei schulpflichtig, mache gerade meinen Master in Psychologie an einer Präsenzuni, bin alleinerziehend, habe ein 6-monatiges Praktikum gemacht, habe einen Nebenjob und meine Kinder sind aktiv in diversen Vereinen, ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und ich habe keine Ganztagsbetreuung für meine Kinder, nur eben an 2 Tagen die Woche, wenn ich an der Uni sein muss.
Und das geht. Ja, der Papa der Kinder nimmt sie an einem Tag unter der Woche und einen Tag am WE. Er "darf" auch mal am WE den Großen zum Fußballspiel fahren oder Physio-Termine mit ihm wahrnehmen. Bei Elternabenden wechseln wir uns ab.
Das läuft sehr gut. Mit ein bissle Zeitmanagement kann man, wenn man denn auch will! ;)

LG Steph

Anonym hat gesagt…

Touché!
Anja

Anonym hat gesagt…

Wie geil!!!
Ich frag mich auch andauernd, wann die ganzen gestressten Mütter es schaffen die gesamten Outfits mit Füchsen und Eulen zu nähen und keine größeren Probleme als die Entscheidung für den besten Kinderwinterstiefel haben.
Alles Luxusprobleme!

liebe Grüße
Andrea

RoryGilmore hat gesagt…

Ich habe mich bisher noch nie hier zu Wort gemeldet, bin bisher immer eine stille Mitleserin gewesen, aber jetzt muss ich auch dreimal klatschen! Ich bin kurz nach meinem Studium Mutter geworden und für mich war immer klar, dass ich schnell wieder zurück in meinen Job will. Diejenigen, die immer sagen es geht nicht oder noch schlimmer die ein deswegen verurteilen haben mir es dabei eigentlich am Schwersten gemacht! Ich bin beeindruckt wie Sie alles meistern und versuche mir viel für unseren Alltag anzugucken. Grüße aus dem Norden!

Vorstadtpoetin hat gesagt…

Ich möchte noch ergänzen um die äußerst beliebte Aussage von arbeitenden Müttern "Mein ganzes Gehalt geht für die Kinderbetreuung drauf!"

So sehr ich Dir auch zustimme, ich habe dennoch den Eindruck, dass in vielen Unternehmen die Vereinbarkeit den Frauen/Müttern leichter gemacht wird als den Männern/Vätern, da muss sicherlich noch Einiges passieren.

Anonym hat gesagt…

Ich möchte dazu gern sagen, dass der Ausdruck "Das Leben ist kein Ponyhof" (der aussagen soll, das sei ja alles nicht einfach und leicht und Fallera) ganz sicher immer nur von Leuten kommt, die GANZ sicher NICHT als introvertiertes bzw. schüchternes Mädchen ihre Kindheit auf einem solchen Ponyhof verbrachten.

Anonym hat gesagt…

Sonst bin ich begeisterte, stille Mitleserin, heute muss Ihnen aber ein klein wenig widersprechen.

Meine berufliche Erfahrung zeigt, nur Mütter in höherqualifizierten Berufszweigen können sich ein von Ihnen empfohlenes Auftreten dem Arbeitgeber erlauben. Meinen Teilnehmerinnen die Berufe wie: Frisörin, Verkäuferin, Lagermitarbeiterin bestreiten, werden leider bei den geringsten Kritiken in Richtung Arbeitgeber die befristeten Verträge (es gibt beinahe nur noch solche) nicht verlängert. Das erzeugt Druck und Angst, man ist jederzeit ersetzbar. Eben diese Angst lähmt Menschen.

So erlebe ich leider täglich traurige Geschichten, Menschen die sich in einem Kreislauf befinden dem sie nicht entkommen können(?).

Herzliche Grüße
feelneil

drehumdiebolzeningenieur hat gesagt…

Ja, aber... ;)

Wir machen das hier ja auch mit den 2 Vollzeitstellen und 2 Kindern und es klappt im Großen und Ganzen auch ganz gut. Und trotzdem finde ich es legitim, politische Forderungen zu stellen.

Warum hat die offene Ganztagsschule hier 35 Tage im Jahr keine Betreuung? Wenn es in Deutschland einen gesetzlichen Urlaubsanspruch von 20 Tagen (bei einer 5-Tage Woche) gibt? (Ja, ich weiß, die meisten Arbeitnehmerinnen haben 30 Tage Urlaub/Jahr, aber rein rechtlich müssten es nur 20 Tage sein).
Eine Ganztagesbetreuung, die von 8 bis 16:30 Uhr geht, ist keine Ganztagesbetreuung. Ja, wir bekommen das hin, wir organisieren uns und die Konsequenz aus den Randbedingungen ist eben nicht, dass wir sagen "Nein, 2 Vollzeitjobs, das geht nicht" sondern wir finden private Lösungen. Und trotzdem denke ich, dass es gefälligst ein Bewusstsein dafür geben muss, wo der Teufel im Detail steckt.

Meinem Rumgemecker ob dieser Zuständen wird nämlich oft mit "Ich weiß gar nicht, was du hast, für uns reichen die angebotenen Betreuungszeiten" Ja, weil deine Frau 20 h/Woche arbeitet. Schön, wenn das für euch die Lösung ist. Das aber zur Norm zu erheben, nervt mich schon sehr.

Fazit: Ja, es gehört Eigeninitiative und Wollen dazu, aber weil man es irgendwie schafft, den Status quo zu realisieren, muss man mit seinen Forderungen ja nicht an der Stelle aufhören.

Natürlich arbeite ich Vollzeit, weil ich das will, aber auf der anderen Seite stehen Unternehmen, Rentenkassen, Steuereinnahmen etc. die durchaus auch ein sehr großes Interesse daran haben, dass möglichst viele Arbeitnehmerinnen Vollzeit arbeiten. Und da kann man die schon auch mit in die Pflicht nehmen, das zu realisieren, finde ich.

Anonym hat gesagt…

Was es wirklich einfache rmahct ist wenn der ob den man hat genug Geld abwirft. 100% arbeiten wuerde mich aber total stressen, ganz ehrlich, ich pendel aber 2 Stunden dass machts schon stressiger, bzw Kindergarten hat ja zum Glueck 11 Stunden auf. Und wenn wirklich ein termin ansteht nehm ich mir durchaus auch mal einen tag Urlaub, da hat man dannein viel besseres Gewissen als wenn man "das System ausnutzt" .
Nur wenn man eben einen Job hat der einem keinen Spass amcht, dann glaube ich ist das etwas ganz ganz anderes, dann ist man sicher viel lieber daheim im Sandkasten, sofern man irgendwie einen geldgeber hat der einem das erlaubt.

Evi hat gesagt…

Liebe Frau Brüllen, ich, die ich Oma Ihrer Kinder sein könnte, war, als meine Kinder klein waren, eigentlich im Bekannten- und Kindergruppenkreis nur dazu gut, als abschreckendes Beispiel zu dienen. 2 Kinder, verheiratet mit einem Lehrer, hätte ich für jeden Satz, "die können den Rachen auch nicht voll genug kriegen" eine Mark bekommen, ich wäre rasch steinreich geworden. Und hätte trotzdem nicht aufgehört zu arbeiten. Aber ich verstehe nur zu gut, dass man sich andauernd im Ich muss mich rechtfertigen Modus befindet. Sie haben offensichtlich eine tolle Partnerschaft, reizende Kinder, die - vielleicht im Gegensatz zu denen der unzufriedenen Dauermuttis - keinen Psychologen wegen Verhaltensstörungen brauchen. Solche Leute können Sie doch, wie man hier in Bayern so schön sagt, kreuzweise.😃 Der Großteil der " Gscheithaferler" pflegt doch sowieso den Stil des Rummotzens only im Netz. Lassen Sie sich nicht beirren.

Anonym hat gesagt…

Frau Brüllen, ich bin ganz bei dir! Alles geht, wenn man will und ich glaube, die meisten wollen gar nicht. Die covern mit diesem Gejammer nur, dass sie es eigentlich ganz schön zu Hause mit dem Kind finden, aber um sich öffentlich zu rechtfertigen, warum man nicht (Vollzeit) arbeiten geht, kommen dann solche Argumente.
Mein Chef sagt immer "geht nicht", wohnt in der "will ich nicht-Straße" ...

Schlimm sind dann auch noch die Frauen, die vorschieben, dass Ganztagsbetreuung ja schlecht fürs Kind ist und die psychisch alle gaga werden ... ;-)

Aber, ich muss auch dem Einwand der einen Kommentatorin Recht geben. Schließzeiten in Kitas etc. gehen gar nicht. Die Kita meiner Kollegin hat mehrmals im Jahr 2-3 Wochen am Stück Schließzeit. In dieser Zeit wird auch keine Ersatzbetreuung angeboten. Wer bitte erfindet sowas?! (Meine Kollegin bekommt das dank Oma usw. geregelt.)
Und auch die Öffnungszeiten sind grottig ... 8-16 Uhr ...

Da lobe ich mir doch damals die DDR (ja, ich weiß, die Rahmenbedingungen waren andere, aber trotzdem, ich möchte nur aufzeigen, das es auch anders geht). 6 Wochen Mutterschutz nach der Geburt, danach konnte man das Kind in die Krippe, später Kita, geben. Diese hatte von 6 Uhr bis 19 Uhr geöffnet, es gab sogar Wochenkrippen, dort haben meist Schichtarbeiterfamilien ihre Kinder von Mo-Fr untergebracht.
Die Frauen konnten sich somit auf ihre Arbeit konzentrieren, waren sehr gut ausgebildet und typische Männerberufe (außer vielleicht auf dem Bau) gab es nicht. Ingeneurinnen, Physikerinnen, Chemikerinnen waren keine Seltenheit, auch nicht in Führungspositionen.
Und nein, uns Kindern hat es nicht geschadet!

Viele Grüße!

Tagpflückerin hat gesagt…

Eigentlich mag ichs auch nicht mehr lesen, Frau Brüllen, aber Ihren Artikel habe ich jetzt genossen!!!
lg Petra

Frau Kreis hat gesagt…

Dem kann ich kaum etwas hinzufügen. Wir arbeiten auch beide in Vollzeit und kümmern uns gleichberechtigt um unsere drei Kinder. Wir haben 1001 dumme Bemerkung gehört von teilzeit- oder gar nicht arbeitenden Müttern (und deren gut verdienenden Ehemännern) und sind trotzdem weiter unseren Weg gegangen. Dennoch - und da stimme ich drehumdiebolzeningenieur zu - bin ich unzufrieden mit den politischen Zuständen (unsere Ganztagsbetreuung geht bis 16.00 Uhr und freitags lächerlicherweise bis 14.00) Uhr; wir hampeln trotz Kinderfrau an manchen Tagen ganz fürchterlich herum, um diese Öffnungszeiten einhalten zu können. Ganztag alleinerziehend ginge hier nicht bzw. nur, wenn man 3/4 seines Gehalts für eine private Kinderbetreuung ausgäbe. Insofern: kein mimimi, sondern machen, aber auch nicht versuchen, alles privat und in Eigenleistung zu handeln, sondern die in die Pflicht nehmen, die uns politisch repräsentieren.

strickistracki hat gesagt…

genau so!

sehr treffend!

mal wieder.....

lg
steffi

frl_mieke hat gesagt…

Verehrte Frau Brüllen,
wären Sie in Hinblick auf Ihren eigenen Lebensentwurf nur annähernd so souverän, wie Sie stets vorgeben, so könnten Sie doch einfach über den Lebensentwurf anderer, und möge er dem Ihren auch noch so gegensätzlich sein, milde lächeln.
Warum also der ganze Aufriss? Woher die ganze Wut? Not cool, ehrlich.

Simone

Frau Brüllen hat gesagt…

@Frau Kreis, @drehumdiebolzeningenieur: Ich muss sagen, dass ich mich mit politischen Forderungen und Einschätzungen ein wenig schwer tue, weil ich nur die Situation in der Schweiz (die man noch dazu eh nicht verallgemeinern kann, weil es enorme Scheren zwischen den Gemeinden und Kantonen gibt) aus eigener Erfahrung kenne und die deutsche nur aus Erzählungen. Hier ist das Modell ein ganz anderes: einerseits gibt es gorsse internatinoale Konzerne, die "Vereinbarkeit" unterstützen/einfordern, dann gibt es die grosse Masse von Köpfen, wo drinsteckt "Mütter gehören nach Hause zu ihren Kindern", und den Eltern/Familien zwischendrin. Das resultiert dann in (bei uns in der Gemeinde) einer unendlich teuren Kinderkrippe, in einer Schülerbetreuung, die es ausserhalb der Ferien gar nicht und zu Schluzeiten bis 13:30h gibt und daraus resultieren dann eben private Lösungen derer, die beides wollen.
Andererseits gibt es hier, und das finde ich grossartig (@Vorstadtpoetin) auch immer mehr Männer, die ihren Anteil an Familienzeit/Kinderbetreuung/Organisationsaufwand etc. einfordern und das funktioniert auch, ohne dass der Himmel einstürzt.

@rlf_mieke: ernsthaft? Den Blogpost haben Sie aber gelesen? Noch mal auf kurz: mir ist es Jacke wie Hose, ob Sie Vollzeit arbeiten, ob Sie Ihre Kinder bei den Wölfen aufwachsen lassen, mit den Grosseltern in einem Bett schlafen oder wie auch immer Sie oder auch sonst jemand sein Leben organisiert. Wenn Sie auch nur den letzten Absatz gelesen hätten, dann hätten Sie mein Fazit gesehen: Es muss für die Familie stimmen, dann ist alles gut. Was mich stört, sind die Verallgemeinerungen "Nur mein Modell kann funktionieren, alles andere ist falsch." Und wenn ich so etwas wieder und wieder höre, dann werde ich wütend. Ja.

Fabienne Sieger hat gesagt…

Liebe Frau Brüllen
Vielen Dank! Normalerweise lese ich auch grosszügig über Vereinbarkeitsartikel hinweg, zumal mir, wenn ich widerspreche, gerne gesagt wird, dass wir leicht reden können, weil wir ja Lehrer seien. Künftig werde ich an dich verweisen, wo die alte Lehrerleier von "ohne hin zu viel Ferien und Freizeit" nicht die erste Entgegnung sein wird.
Mit freundlichem Gruss, Fabienne

Nadine hat gesagt…

Hm. Jammern geht mir auch auf die Nerven. Besonders, wenn mitschwingt, dass das eigene Modell das tollste ist und die anderen das endlich einsehen und einem alle Steine aus dem Weg räumen müssen.
Dabei finde ich Punkt 3 am wichtigsten. Es muss für die Familie passen! Und ich finde, da haben wir es momentan doch ganz gut. Derzeit gibt es kein allgemeingültiges Modell, dass alle einhalten müssen. Jeder kann das mehr oder weniger selbst entscheiden. Mit dem Nachteil, dass man es bestimmt rechtfertigen muss, wie man es macht, weil es jemand doof finden wird. Und eben mit dem Nachteil, dass jedes Modell seine Schwierigkeiten hat. Es gibt keinen so krassen Mainstream, das heißt, es gibt auch keine ausgetretenen Pfade ohne Steine im Weg. Ich jedenfalls bin froh, dass derzeit alles zwischen Hausfrau und Karrierefrau möglich ist (im Sinne von gesellschaftlich nicht komplett geächtet) und wir selbst entscheiden können, wie wir leben wollen.
Und wenn was nicht geht, dann nicht jammern, sondern anpacken.

Abgesehen davon finde ich natürlich unser Modell am besten ;-)
Weil ich aber meine Freundinnen schätze und weiß, dass sie ihr eigenes Modell am besten finden (und da ist fast alles vertreten), diskutieren wir da nicht.

Stille Leserin hat gesagt…

Passend dazu wurde heute in einer Firmenpräsentation ein Foto des Hübschen benutzt https://twitter.com/KOMSA_AG/status/526785835551973377

Smutje Rosa hat gesagt…

Chapeau! Großartig geschrieben.

Ich hatte das Problem schon vor 25 Jahren. Und seltsamerweise waren es auch noch immer die voll arbeitenden Mütter. die für Kinderevents den Kuchen backen und sich aktiv einbringen konnten.

Irgendwie sind wir arbeitenden Mütter zackiger, oder besser organisiert :-)

Alles Gute, und immer genügend Energie ...

Ulli (Smutje Rosa)

Anonym hat gesagt…

(Beinahe) off topic: wenn die Friseurin die Brigitte woman bringt, wird's richtig eng. Entweder frau ist aus dem Vereinbarungsthema raus gewachsen (bzw. die kids) oder frau muss sich fragen, seh ich echt schon so alt aus. Also: Bunte, Gala, in style!!

Heikeland hat gesagt…

Ich empfehle in diesem Zusammenhang dennoch einmal das hier: http://www.tape.tv/wir-sind-helden/videos/mussen-nur-wollen
Man muss nur wollen gefällt mir nicht so. Das Lied eröffnet darauf eine Perspektive.
Ansonsten, liebe Frau Brüllen, gefällt mir mal wieder vor allem die Stilistik.

Schöne Grüße
Heike

Anonym hat gesagt…

Als stille immermal wieder Mitleserin hier ein: Ja, richtig, meine Meinung! Sie haben sehr treffend alle Aussagen in und aus allen Richtungen sehr schön wieder gegeben und trotzdem: Was ist mit den Familien, wo es eben nicht stimmt? Wo es, wenn überhaupt, mal eine Verabredung gab, in der man dann hinterher feststellt, dass es die falsche war oder die auf Grund von geänderten Randbedingungen nicht mehr haltbar ist oder weil evtl. ein Partner nicht mehr mitzieht? Darf man dann auch nicht jammern?
Sorry, bin auch gerade frustriert,
freundliche Grüße
Isibisi

Silvi B. hat gesagt…

Top.

Kathi hat gesagt…

Zu dem Thema gerne meine Lieblingsanekdote nach dem die Betreuung der Großen angefangen hat. Sie war damals 14 Monate alt und wurde wechselseitig von mir, meinen Eltern, meinen Schwiegereltern und meinem Mann abgeholt und im Anschluss betreut.
Eine Bekannte sagte zu mir: Ach, und dann hast du die Kleine nur einen Nachmittag in der Woche? Und sonst ist sie fremdbetreuut. Huuu, das ist aber schon wenig. Naja, für euch muss es ja passen.

Ich habs abends wutschnaubend meinem Mann erzählt, da sagt er zu mir: Lustig, die S. (selbe Bekannte) hat neulich zu mir gesagt: Ach, und dann hast du die Kleine einen ganzen Nachmittag in der Woche. Das ist ja toll, dass du bei ihr so präsent sein kannst und sie so schön groß werden siehst.

Keine Pointe...

Anonym hat gesagt…

Danke, liebe Frau Brüllen, Sie sprechen mir aus der Seele!
Kerstin, Leitende Angestellte, immer schon VZ, mit 3 Kindern

steffi deni hat gesagt…

Klasse! Jeder so wie er mag! Super geschrieben - wie immer halt!

fujolan hat gesagt…

Nachsatz (ja, der Text ist zwei Jahre alt): An vielen Stellen ja ja ja.
Gerade mit dem "Ihr trefft Entscheidungen und mit denen und deren Folgen habt ihr zu leben"

Zuglecih teile ich den Ansatz wie die Bolzen-Ingenieurin:
Es gibt
Rahmenbedingungen, die Familie und Vereinbarkiet möglich machen oder behindern. Die sind genauso wichtig wie
Individuelle Entscheidungen
und verzahnen sich ineinander. Wenn wir es nur auf individuelle Entscheidungen reduzieren, dann ist es auch die individuelle Verantwortung - und das finde ich für viele Mütter oder Familien unfair - seien es die Frisörinnen oder andere.

Nein, das war nicht Thema deines Textes, und der Text ist und war wohltuend. Finde aber, das gehört dazu