Donnerstag, September 24, 2015

Alles neu...

Bisher war in unserem Haushalt Musik im Sonn von Musizieren ja eher ein Stiefkind. Ich habe selber zwar lang (sehr lang) und gern Klarinette (auch und besonders gern im Orchester) und Klavier gespielt, das Klavier ist mit uns ins jetzt gar nicht mehr neue Haus gezogen, aber ich spiele leider überhaupt nicht mehr.

Die Kinder haben relativ wenig Interesse an Musikinstrumenten gezeigt und mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen (Sie machen ja schon keine Mandarinkurse, singen in keinem Chor und Kunstworkshops machen sie auch nicht, mit der Früh- und Mittelförderung wird das so nix) und Erleichterung (nicht noch was zum Organisieren) habe ich das hingenommen und die Kinderfreizeitaktivitäten waren auf Schwimmen, Unihockey und Pfadfinder beschränkt.

Jetzt ist Q. aber in der vierten Klasse und da beginnt bei uns in der Schule "JEKI" aka "Jedes Kind ein Instrument" und Q. ist in der Streicherklasse gelandet. Da landet man übrigens per Zufall (a-Klasse = Percussion, b = Streicher, c = Bläser) und hat dann nur noch die Wahl zwischen eben Musikinstrumenten dieser Sparten. Die Instrumentenmiete und der Unterricht wird von der Gemeinde übernommen.

Es gibt eine erstaunlich grosse Gruppe an Eltern, die das total doof findet, und zwar aus dem Grund: "Ein Kind zu einem Instrument zwingen und das dann auch noch benoten, das finde ich furchtbar. Ich habe meinem Kind gleich gesagt, von mir aus muss es nicht üben, wenn er dann deswegen schlechte Noten kriegt, dann bin ich aber ganz schnell bei der Schulleitung.
Ja, ne? Während ich den Teil mit "Das Kind hat keine Wahl, was die Instrumentenart angeht" noch halbwegs verstehe, hakt es beim zweiten Teil schon eher und beim dritten:  Ja, ne, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn das Kind auf einmal keine Lust zum Üben hat, oder? Den Zwang, zu etwas, was einem nicht liegt, sehe ich nicht ganz so dramatisch. Ich sehe es eher als Chance, dass Kinder etwas ausprobieren können. Wenn es ihnen keine Freude macht: geschenkt, nach drei Jahren ist das vorbei. Besser als die Kinder die an Malen, Gedichtinterpretation, binomischen Formeln, Leichtathletik, Thermodynamik, Grammatik, Shakespeare, dem natürlichen Habitat des Stichlings etc keine Freude haben, das müssen sie länger machen. Ich denke aber, dass eine Chance besteht, dass Kinder, die aus welchen Gründen auch immer, seien es die Eltern, die keine Draht zur Musik haben, die als Kind zum Üben gezwungen wurden und denen von Musiklehrern mit alten Lehrmethoden der Spass an der Musik ausgetrieben wurde, und die sich nicht vorstellen können, dass sich in den letzten 30 Jahren etwas geändert hat und ihre Kinder vor etwas behüten wollen, was es so überhaupt nicht mehr gibt*, sei es aus finanziellen Gründen, sei es aus peer group pressure, sei es wegen dem bei Neumond umgefallenen Sack Reis in China, sonst nie ein Instrument in die Hand genommen hätten, so die Liebe zum oder wenigstens ein Grundverständnis für und Freude am Musizieren entdecken. Im schlimmsten Fall sind es drei Jahre lang ein ungeliebtes Schulfach. Well. Da gibt es mehr, oder?

Anyway: Streicherklasse. Q. hat sich ein Cello gewünscht und bekommen. Bis letzten Dienstag haben sie v.a. praktische Voraussetzungen gelernt, wie "wie weit darf ich die Stachelschraube aufdrehen?", "Ich darf mich nicht aufs Cello setzen" "Bogen Entspannen heisst nicht, dass die Haare locker rumflattern", "Ich schmiere meinem Banknachbarn kein Kollophonium in die Haare", aber eben: Am Dienstag wurden die Instrumente ausgegeben. Little Q. ist so unendlich stolz und verliebt in sein Cello. Jeden Abend vor dem Schlafengehen wird immer nochmal das Cello vorgenommen, "Mami, nein, auf gar keinen Fall an den Wirbeln drehen, das hat der xy gemacht, dann ist erst der Steg rausgefallen, dann hat der Herr z. das repariert, dann hat er in die andere Richtung gedreht und dann ist eine Saite gerissen", im Pyjama sitzt er dann andächtig auf dem Dachboden und streicht auf den leeren Saiten. "Wenn man es gut macht, klingt es wie lautes Summen. Wenn es wie Husten klingt, ist es falsch."

Und ja, mir ist klar, dass eine Anfangseuphorie selten drei Jahre (oder länger) hält, aber es ist ein guter Anfang!
Unser Hauptproblem ist es aktuell eher, dass Little Q. in Zukunft dienstags Schulranzen, Sportzeug und eben das Cello in die Schule bringen muss und ich nicht genau weiss, wie das physisch gehen soll. Ich habe schon meine kleine Schwester, SME für Celli bei uns in der Familie, gefragt, wie sie das gemacht hat, damals als sie mindestens genauso bepackt in die Schule gefahren ist, aber vielleicht haben Sie ja eine Antwort für mich, bis sie sich meldet?



*Ich habe hier nie meine Meinung zu der unsäglichen Bundesjugendspielpetition und dem ganzen noch unsäglicheren Buhei drumrum kundgetan, aber wenn vermutlich können Sie sich die jetzt denken.