Mittwoch, Januar 14, 2015

Hähnchensalat statt Versicherung

Lassen Sie mich heute auch einen kleinen Beitrag zu der Diskussion um Versicherungen und Gedichtsanalysen gestern schreiben (bei uns hiess es übrigens weder Gedichts- noch Gedichtanalyse, sondern Gedichtinterpretation, aber das tut nix zur Sache).

Man kann den folgenden Beitrag übrigens auch ohne die Diskussion lesen und meine Meinung zu diesem Thema ist nur auf einer Metaebene erkennbar. (Wobei: hab grad den ganzen Text nochmal gelesen: so meta ist das gar nicht. egal)

Also:
Als ich frisch in die zweite Klasse kam (Sie erinnern sich: nicht die schönste Zeit meiner Schullaufbahn), musste ich dort meinen ersten Aufsatz schreiben. Wir haben selber Zitronenlimonade gemacht und sollten danach aufschreiben, wie.
Mein Aufsatz lautete: "Wie man Zitronenlimonade macht: Man presst eine Zitrone aus und mischt den Saft mit Wasser und Zucker."
Ich meine: genau so haben wir das gemacht und es hat niemand gesagt, dass wir noch schreiben sollen, wie man eine Zitrone auspresst, wie das ganze geschmeckt hat und welche Farbe der Becher hatte. Das war übrigens das letzte Mal, dass unter einem schriftlichen Werk von mir stand "Das geht ausführlicher."

Später dann, gefühlte Millionen Erlebniserzählungen später, kam in der 5. oder 6. Klasse die "Vorgangsbeschreibung" hinzu. Wir sollten also als Hausaufgabe einen Aufsatz über eine Alltagstätigkeit schreiben, "am besten irgendwas, womit ihr euch gut auskennt, was ihr schon öfter gemacht habt. Und so erklären, dass es andere nach dem Lesen auch könnten. Zum Beispiel "Ich flicke einen Fahrradreifen.""
Nun denn. Ich hatte damals noch nie einen Fahrradreifen geflickt, wir haben zwar eine Bilderanleitung bekommen, aber mein Vater hat gemeint, dass das ganze Kasperltheater mit "Schlauch unter Wasser drehen und schauen, wo es blubbert," totaler Quatsch sei und die Flickensets eh nicht halten würden und am gescheitesten sei es, den Schlauch wegzuwerfen und einen neuen reinzumachen und das wäre auf den Bildern überhaupt nicht gut erklärt, wie man jetzt den Schlauch erst runter und dann wieder draufhebelt, da bräuchte man nämlich bestimmtes Werkzeug und das Rad auf den Kopf stellen wäre auch totaler Quatsch, es gäbe das so eine Halterung, wo man das einspannen könnte und ob ich eine Ahnung hätte, wie kompliziert es wäre, einen Hinterreifen zu wechseln mit der Kette und so? Also. Das hatte den Erfolg, dass ich erstens bis heute eine Riesenpanik davor habe, einen Platten am Fahrrad zu haben und wenn, dann bringe ich da Rad in den Laden, weil das ist mir zu kompliziert, und zweitens ein anderes Thema für den Aufsatz wählte, weil: maximal zwei Seiten.
Also habe ich erst versucht, "Mensch-ärger-dich-nicht" zu erklären. Aber auch da: mit allen Sonderfällen und familieninternen Spezialregeln waren die zwei Seiten schnell zu wenig und es war auch viel zu kompliziert.

Was also tun? Ein Alltagsvorgang musste her und da erwies sich das Hauswirtschaftsheft, das meine Mutter aus ihrer eigenen Schulzeit aufgehoben hatte, als eine richtig gute Fundgrube. Ich durfte mir ein Rezept aussuchen und sollte das dann eben in eine Vorgangsbeschreibung umwandeln. Ich wählte "Mayonnaise" und damit ich auch sachkundig erklären könnte, was "Öl zuerst tröpfchenweise, dann im dünnen Strahl zugeben" heisst, habe ich unter Aufsicht an diesem Nachmittag erst 8 Portionen Mayonnaise produziert und dann beschrieben, wie es geht. Das Tolle daran war, das nächste Rezept war "Hähnchensalat Hawaii" und baute auf "Mayonnaise" auf. (Sonst braucht man ein "Brathähnchen, erkaltet, am besten vom Vortag" (auch das ein Rezept aus dem Heft), eine Dose Ananas, eine Dose Mandarinen und, ich fürchte, sonst nichts mehr). Das konnte ich dann in der Schulaufgabe verwenden, auch wenn ich das wegen der nicht uneingeschränkten Verfügbarkeit von "Brathähnchen, erkaltet, am besten vom Vortag" nicht ganz so oft üben konnte wie die Mayo.

Ich könnte jetzt noch schreiben, dass ich Versicherungen verstehen gelernt habe, als in einer Textaufgabe in dern 7. Klasse von Prämien und Policen die Rede war, und ich nachgefragt habe, was um alles in der Welt das denn sein soll, Miete und Kaution in der 8. Klasse in Wirtschaft und Steuern erstens beim Prozentrechnen in der 8. oder 9. und dann auch in Wirtschaft und Sozialkunde. Aber das würde unglaublich streberhaft klingen und meine Überleitung kaputtmachen.

Lustigerweise hatte das ganze zwei Dinge zur Folge: ich war seitdem die Mayonnaisebeauftragte der Familie (und bis heute ist mir noch NIE eine misslungen), auch wenn wir sonst eigentlich eher nicht in die Küche durften, und ausserdem bin ich für alle Zeiten für Fertigmayo versaut. Ich ertrage das Zeug aus dem Glas einfach nicht. Das unglaublich fettige Gefühl, der fade Geschmack und der ekelhafte Nachgeschmack ... pöh!

Heute abend gab es übrigens aus dem grossartigen Buch "Auf die Hand" von Stevan Paul BLT-Sandwiches zu Abend (nicht, dass man für BLT ein Buch bräuchte, aber das war das von den vielen eingemerkten Rezepten, was zu einem schnellen Abendessen nach der Arbeit, das aber in 3 verschiedenen Schichten gegessen wird, am besten passte), und hach: die Mayo-Anleitung hätte ich geschrieben haben können. Damals. (wobei ich ja finde, dass ein Hauch Zucker sich sehr gut in der Mayo macht.)
Und for the record: Little L., der eigentlich unheiklere von den beiden Littles fand es "Boah, Mami, das ist megagrusig, grad die Sosse", während Little Q., der ja eigentlich nur beim Anblick von Tomaten schon Stresspusteln bekommt, drei ganze Sandwiches verdrückt hat. Man weiss es halt nie.