Sonntag, August 03, 2014

Urlaub mit Kindern: Meinung mal wieder.

tl,dr: Wer Urlaub mit Kinder doof findet, ist selber schuld.

Ich habe es im Urlaub ja schon angekündigt, und heute ist es soweit: Frau Brüllen hat mal wieder Meinung.
In meiner Filterbubble habe ich das Gefühl, das vorherrschende Gefühl* zum Thema Urlaub mit Kindern bzw. Ferien im allgemeinen ist "Oh Gott, das ist die Hölle, hoffentlich fängt die Schule/der Kindergarten/die Kita bald wieder an". Es wird beklagt, dass die Kinder den ganzen Tag daheim rumhängen würden, dass sie streiten würden, dass jedes Kind was anderes will, dass man nur noch in Restaurants gehen kann, die Kinderteller haben und sich den ganzen Urlaub von Pizza con Wurstl ernähren muss, dass die Kinderbetreuung im Hotel so teuer ist, dass die Kinder nicht in die Kinderbetreuung wollen, dass man nur im Babybecken rumsteht, dass man keine Hotstone-Massagen geniessen kann, dass man nicht an der Bar oder im Schickimicki-Restaurant versumpfen kann, dass einfach alles ganz schrecklich ist und überhaupt, mit den Kinder fährt man nie wieder weg und deswegen kann man ja nur beten, dass die Zeit, bis sie erwachsen sind, schnell rumgeht, damit man wieder auf den Malediven chillen kann. Oder so. "Schön" zusammengefasst in diesem Artikel, der vor "mimimimimi" nur so strotzt.
Es ist ja nun so, dass ich "mimimi" prinzipiell ganz schrecklich finde und allen "mimimi"-Menschen wahlweise "Jetzt stell Dich nicht so an", "Da hättest Du ja mal vorher drüber nachdenken können" oder "Was dachstest Du denn, wie das werden würde?" als Antwort auf jegliches "Mimimi" geben würde. Das ist natürlich erstens unreif, zweitens hilft es in dem Moment nicht, drittens möchte das niemand hören und viertens sind das (leider, leider, weil sie sind so wahr ;-)) ungefähr die verpöntestens Antworten überhaupt auf "mimimi" **
Deswegen werde ich hier auch keine Ratschläge geben (ich schreibe ja, auch wenn mir genau diese Aussage mal als sehr negativ ausgelegt wurde, kein Heile-Welt-Ratgeber-Blog), weil, was für mich stimmt, muss für Sie ja nicht automatisch auch stimmen und Sie können Ihren Urlaub mit Kindern ja gerne so blöd finden, wie Sie wollen (oder unseren Urlaub mir unseren Kindern), es ist ja ein freies Land hier.
Also: der Hübsche und ich suchen unsere Urlaubsziele gemeinsam aus, die Kinder werden in den Entscheidungsprozess, ganz ehrlich, nicht mit einbezogen, weil ich persönlich "Ich will wieder nach Elba, in genau das Haus, in dem wir schon waren, weil da fehlt mir noch eine Gormiti-Sammelfigur aus dem Eis, dass es immer in der Pizzeria um die Ecke gab" nicht als stichhaltiges Entscheidungskriterium ansehe. Nennen Sie mich ruhig autoritär ;-). Und so haben wir zB letztes Jahr in Korsika am Strand, als mein Kreislauf wieder mal wegsackte wegen Hitze und den Kindern die Füsse wegbrannten wegen heissem Sand, binnen fünf Minuten (maximal) den Urlaubsort für das nächste Jahr ausgewählt:

"Boah, nächstes Jahr, da machen wir was Kühleres. England?"
"Nee, immer nur Regen"
"Schweden?"
"Neee, lauter Mücken"
"Dänemark waren wir aber erst. Island?"
"Cool, Island."
"Okay, ich kümmere mich drum."
(Welcher Part vom Hübschen kam und welcher von mir, dürfen Sie sich selber ausrechnen ;-))

Es ist ja so, dass ich Ferienhausurlauber aus Überzeugung bin:

  • Platz für die Kinder,
  •  man stört niemanden, wenn man laut ist, aus welchem Grund auch immer,
  • Platz für die Eltern,
  • man muss nicht leise sein,
  •  man kann sich ausbreiten,
  • man kann sich aus dem Weg gehen,
  • man kann sich normal benehmen und muss nicht immer die Meinung der anderen Hotelgäste antizipieren.
  • Ausserdem hat man echte Betten,
  • man muss nicht in Duschkabinen am anderen Ende des Campingplatzes duschen,
  • man hat trockene Kleider, auch wenn man nassgeregnet von einer Wanderung zurückkommt,
  • man hat trockene Decken, man hat trockenen Platz, auch wenn es regnet,
  • man muss sich nicht die Küche mit anderen Leuten teilen oder auf einem Minigaskocher auf dem Fussboden kochen,
  • man muss zum Abwaschen nicht über den Campingplatz laufen,
  • man hat Platz für sich und ist von anderen Menschen nicht nur durch dünne Stoffwände getrennt.

Das mag jetzt soziophob klingen, aber ich lasse das mal so stehen.) So haben wir bisher jedes Jahr Urlaub mit den Kindern genossen.
Klar, in einem Ferienhaus fallen gewisse Haushaltssachen an, aber mal ehrlich? Abends Spiegeleier braten oder Nudeln mit Sosse machen oder Flunder oder was auch immer, das ist jetzt nichts, wo man an Überarbeitung zugrunde geht. Aussdem kann man immer noch essen gehen.

Das scheint ja auch so ein Thema zu sein: Kinder können angeblich nur leben, wenn sie Kinderteller bekommen. Klar, unsere essen auch gerne mal Chickennuggets und Pommes, aber sie (und ich wette, alle anderen auch) können nicht nur ohne überleben, nein, sie werden sogar satt und geniessen es sogar, wenn es das mal nicht gibt. So hat Little Q. an einem pommesfreien Mittagsbuffet irgendwo in Ostisland Rentierfleischbällchen mit Sosse gegessen und Little L. einen riesigen Rohkost- und Früchteteller. (Beide danach Schokoladenkuchen).
Als wir in einem pommesfreien Farmgasthof in der Mitte von nirgendwo gegessen haben, hat Little Q. eine Erwachsenenportion gegrillten Fisch mit Gemüse etc. verspeist, Little L. konnte sich für nichts entscheiden und hat dementsprechend einen leeren Teller bekommen, den er sich bei uns drei Grösseren mit Brot, Fischeintopf, Lammsteak, Brokkoli und Fisch gefüllt hat.

Für uns ist es gar keine Frage, dass wir dorthin in den Urlaub fahren, wo es uns gefällt, dass wir einen Urlaub machen, der zu uns passt. Und zwar zu allen. Und das ist in keinem Fall ein Pauschalurlaub in einem all inclusive-Hotel, das ist in gar keinem Fall ein Urlaub in einem Familienhotel mit Kinderbetreuung, (unsere Kinder sind ausserhalb von Urlaub Montag bis Donnerstag ausser Haus betreut, dazu kommt Schule und Kindergarten, für mich ist Ferienzeit Familienzeit. Das kann natürlich jeder machen wie er möchte, aber wir verbringen unsere Ferien gemeinsam, nicht die einen beim bemalte Kochlöffel Basteln und die anderen bei der Massage.) Dazu muss man natürlich sagen, dass ich sowohl im Urlaub als auch überhaupt im Leben immer Angst habe, etwas zu verpassen oder die Zeit nicht richtig zu nutzen und deswegen sowieso kein Mensch für Wellness und Massage (oder ausschlafen) bin. Mal ehrlich: ich fliege doch nicht fast an den Polarkreis, um dann im Bett zu liegen, wenn ich doch Geysire, Gletscherspalten oder Heringsmuseen anschauen könnte. Schlafen kann ich schliesslich auch daheim (klar, mache ich auch nicht), oder dann halt, wenn ich alt bin. (Wer weiss, vielleicht mache ich mit 80 mal einen Wellnessurlaub. Oder eine Gletscherwanderung).

Ich finde, man sollte sich vorher zwei Sachen klar machen: Was erwarte ich von einem Urlaub? Und  wie ist das mit der Realität vereinbar?

Und ganz ehrlich? Wenn meine Erwartung an zwei Wochen Urlaub mit Kindern ist, dass ich jeden Tag ausschlafe, ungestört 8 Stunden lese, eine Pilates-Stunde mache, mich danach von kundigen Händen durchkneten lasse und dann mit meinem significant other den Abend in einem stilvollen Sternerestaurant ausklingen lasse, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ gross, dass ich sehr enttäuscht nach Hause fahre und "mimimimi, Urlaub mit Kindern ist voll scheisse, ich fahr nicht mehr weg" in meine Timeline blubbere.
Ein simpler Realitätscheck hätte ergeben, dass ich auch zu Hause nicht ausgeschlafen, gelesen, pilatisiert etc. hätte. Und dass Kinder sich durch einen simplem Ortswechsel auf einmal in pflanzenartige Wesen, die 8 Stunden lang Einhörner malen, während die Eltern sich am Pool aalen, verwandeln, sich nicht streiten, nur weil man im Urlaub ist, die auf einmal Wandern und Gegend toll finden, nur weil Urlaub ist, tja, das hätte man sich ja wirklich vorher denken können.

Wir haben es zB so gemacht: eine Rundreise um Island ist aus Kinderperspektive vor allem eins: ganz schön viel Autofahren. Für uns Erwachsene war das grossartig, weil: wow, ein Wasserfall, wow, schau mal, ganz rote Erde, schau mal, Schnee, schau mal, ein Schaf, schau mal, ein Vulkan, schau mal, ein Wikingerdenkmal, schau mal, da ist vor ein par Jahren eine Schlammlawine runtergekommen, oder auch "Wohooooo, ich fahre gerade eine Schlaglochpiste, wie cool ist das denn?"


Für die Kinder ist das vor allem "Jahaaaaaa, Gegend halt. Toll. Wie weit ist es denn noch?"
Und klar, wir kennen alle super Tipps und Spiele für Autofahrten mit Kindern, aber bei über 2500 km durch vor allem Gegend ist "Ich sehe was was  Du nicht siehst" irgendwann durchgespielt. ("... und das ist grün." "Der Busch da rechts?" "Nein." "Der da links?" "Ja" "Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist gelb." "Das Strassenschild da vorne?" "Ja"). Wir haben dann eine Zeitlang auch noch "Wer die meisten Islandponies in seiner Wunschfarbe sieht" gespielt (ich hatte weiss und habe mit Pauken und Trompeten verloren), das ist auch gut, um den Zahlenraum über 100 zu trainieren ("Okay, da ist wieder eine Herde, wie ist der Stand? Okay, Little L. hat jetzt 147 in braun, Little Q. 98 in stahlgrau, der Papi hat 120 schwarze, aber nur weil er die gefleckten mitzählt, und die Mami hat immer nur noch 37, nein, Schafe gelten nicht"), aber auch das ist irgendwann nicht mehr ganz so spannend.

Little Q. ist ein sehr praktischer Mitfahrer, er kann nämlich im Auto lesen, und mit dem Herrn der Ringe plus Hobbit, da kommt man relativ weit um Island rum. Little L. kann das natürlich noch nicht und da haben wir dann pragmatisch in Entertainment investiert und so haben wir erstens Hörspiele mitgenommen und zweitens einen portablen DVD-Player für die Jungs. Und ja, mir ist es lieber, Little L. und Little Q. lachen sich auf der Strecke von Bogarnes nach Akureyri zu "Shaun, das Schaf" kringelig, als wenn die grosse Meuterei ausbricht, weil Gegend doof ist.

Was wir natürlich auch gemacht haben, ist Wandern. Gerne auch mal bei strömendem Regen (unfreiwillig), und auch wir haben keine Wunderkinder, die sagen: "Cool, voll schöne Gegend, frische Luft, laufen wir mal ein paar Stunden, los gehts", zumindest nicht von Anfang an. Und da (nennen Sie mich autoritär) sage ich dann halt auch mal: "Wir wandern jetzt. Punkt." Und ganz ehrlich, sobald man sich damit abgefunden hat, dass es jetzt halt zu Fuss geht, ist das auch kein Thema mehr. Man kann wirklich spannende Sachen unterwegs entdecken (Little L. hat durch Reinfallen zB ein verstecktes Loch neben dem Pfad entdeckt. Wir waren auf einem Elfenfelsen, das stand sogar auf dem Schild, wir sind auf Vulkane geklettert und ganz ehrlich? Das kann niemand doof finden!), man kann klettern und man kann während dem Wandern auch richtig gut reden und sich unterhalten und schon merkt man gar nicht mehr, dass man ja wandert. So habe ich mich mit Little Q. lange über den Herrn der Ringe (wer hätte das gedacht), über das Schulsystem in der Schweiz, über seinen Umgang mit der Sprache (wie das so ist, praktisch zweisprachig aufzuwachsen) und seine Geburtstagswünsche unterhalten, mit Little L. über seine Zukunftspläne (er will jetzt doch nicht mehr Zauberer, sondern entweder Geologe oder Archäologe werden), über die Vorteile, im Kindergarten zu den Grossen zu gehören, über die verschiedenen Formen und Farben von Heuballen und andere Dinge unterhalten. Und ganz ehrlich? Das möchte ich nicht missen!

Und klar, natürlich kann man mit Kindern nicht alles machen. Auch wenn ich jetzt Massagen und Wellness eh nicht vermisse, auch wir mussten "Abstriche" machen. Ich zB (und das werde ich noch ein paarmal wiederholen) kam nicht ins Heringsmuseum, weil alle gemeutert haben; als wir zu einer Gletscherzunge gewandert sind, mussten wir dann nach eein paar Schritten auf Eis umkehren, weil es einfach zu gefährlich und glatt war und wir erstens nicht die richtige Ausrüstung dabei hatten und zweitens die Kinder dafür (wie auch eine Schneemobil- und eine Superjeeptour) dafür einfach noch zu klein sind. Aber eben: das machen wir entweder, wenn die Kinder gross genug sind oder aus dem Haus und wir rüstige Rentner ;-).


Ansonsten kann man mit Kindern ziemlich viel machen: als wir vor zwei Jahren in San Diego waren, haben wir die Kinder mitgenommen, wenn wir abends mit unseren Freunden was trinken gegangen sind. Das geht! Gut! Da fällt einem der Himmel nicht auf den Kopf ;-).

Die Erholung und das Lesen kam dann auch nicht zu kurz, weil irgendwann auch unsere Kinder ins Bett gehen und ich ja dank Mitternachtssonne das Gefühl hatte, der Tag würde nie enden und so dann jeden Abend mit dem Hübschen im Hotpot gesessen habe und bei einem kühlen Viking-Bier den Tag Revue passieren liess und auf dem (in einen Ziploc-Bag verpackten) Kindle immerhin 5 Bücher gelesen habe in den zwei Wochen.

Und ja, auch in unseren Urlauben kracht es mal. Es wird gestritten und geschimpft, es wird gebockt und gemotzt, aber mal ganz ehrlich? Das würde daheim doch auch passieren! Dementsprechend ist nicht in den Urlaub fahren doch keine Alternative, oder? Da streite ich doch lieber drum, ob das Wasser in Jökulsarlon jetzt wirklich zu kalt zum Baden ist (und in der Folge, dass man, wenn man vollbekleidet bis zu den Knien drinstand, erstmal trockene Kleider anziehen muss, bevor man weiter Eisberge abschlecken kann), oder dass man auf dem Oberdeck des Whalewatchingbootes nicht rückwärts auf der Reling sitzen darf, als darum, dass die anderen Kinder aber auch alle schon vor dem Frühstück fernsehen dürfen oder jeden Tag drei Eis bekommen.


Ach ja: und auch unsere Kinder sind nicht mit 5 und 8 Jahren auf die Welt gekommen, auch sie waren mal minifuzziklaan und haben Mittagsschlaf gebraucht, aber nicht gemacht, und nachts schon gar nicht und auch da haben wir Urlaub gemacht. Halt das, was machbar war und das ist, wenn man will, eine ganze Menge.

In diesem Sinne: Jeder Urlaub ist so schön, wie man ihn sich macht. Besonders mit Kindern kann das ganz grossartig sein, man muss es nur wollen und merken (wollen).


* Es gibt natürlich Ausnahmen, allen voran die wunderbare Frau Gminggmangg, die Sie aktuell auf ihrer etwas längeren Tour begleiten dürfen, Frau Schussel, Frau rage (die ja beide leider nicht (mehr?) bloggen), das muss ja auch mal gesagt werden.

** Die korrekte Antwort auf "mimimi" ist übrigens entweder "gutschigutschi", das geht immer, oder "Boah, hier auch, echt schrecklich, ich versteh dich voll!"