Samstag, August 19, 2017

Perspektivenwechsel

Ich habe gestern abend übrigens dann noch die Wahlunterlagen des Hübschen studiert (wussten Sie, dass es eine "3V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer" gibt?) und bin jetzt umso gespannter, wie der Wahlzettel aus dem kleinen bayerischen Dorf für mich dann aussehen wird.


Parallel erreichte mich die Mail einer Leserin, die mich nachdenklich machte. Sie (die Leserin, nicht die Mail :-)) arbeitet bei der Gemeindeverwaltung einer kleinen badenwürttembergischen Gemeinde und hat geschildert, wie es da so zu Wahlzeiten abläuft. Und weil ich das so spannend fand, habe ich gefragt, ob ich das veröffentlichen darf und voila, hier ist es:
 


Ich arbeite im Rathaus unserer Gemeindeverwaltung und das ist der Grund für diese Mail. Darf ich Ihnen bitte etwas von unserer Seite der Bundestagswahl erzählen?
Wir haben im Rathaus ein Wahlamt. Das gibt es nur bei Wahlen, kaum stehen Wahlen an, ist es da. Sind die Wahlen vorüber, gibs kein Wahlamt mehr. Das geht, denn die zwei Kolleginnen im Sekretariat und ein Mitarbeiter aus dem Hauptamt werden nebenher noch zum Wahlamt.
 
Später am Bundestagswahl-Sonntag kommen dann noch viele viele Wahlhelfer in unseren Wahllokalen dazu, die die eigentliche Wahl durchführen und am Wahlabend die Stimmzettel auszählen.

Das Wahlamt im Rathaus ist für alles zuständig, was zur Bundestagswahl gehört.
  • Briefwahlanträge aus dem Inland und aus dem Ausland. Veröffentlichungen der Hinweise zur Wahl (gesetzlich vorgeschrieben und das muss fristgerecht passieren).
  • Koordination der Wahlhelfersuche, Wahlhelferschulungen.
  • Bestückung und Packen der Kisten für die Wahlvorsteher, da ist dann von den Stimmzetteln über die amtlichen Wahlergebniserfassungsformulare bis hin zu den Heftern, Gummis, Bleistiften, Tesa, Wahllokalwegweisern, Flaggenmastschlüsseln und Wählerverzeichnissen alles drin, was im Wahllokal benötigt wird.
  • Dann müssen noch Aushänge für die Wahllokale und die Rathäuser und Rathausbriefkästen gemacht und verteilt werden.
  • Außerdem kommen sehr oft Updates für das offizielle Wahlerfassungesprogramm, mit dem die Ergebnisse am Wahlabend an das Landratsamt weitergegeben werden.
  • Die gemeindliche Internetseite muss immer die neuesten Infos und Links zur Wahl haben, darum kümmert sich das Wahlamt auch.
Um was noch? Um Butterbrezeln und Mineralwasser für die Wahlhelfer am Tag der Wahl. Jeder bekommt 1,5 Butterbrezeln pro Wahlschicht. Das muss ja auch jemand bestellen, das fliegt nicht von alleine in die Wahllokale. Und wehe, es sind zu wenig Brezeln da, oder zu viele Helfer mit zu wenigen Brezeln. Ja, da gibts dann Beschwerden beim Wahlamt. So was muss deshalb im Vorfeld akribisch vorbereitet werden. ;-)

Das ist noch nicht alles an zu erledigenden Arbeiten, aber ich muss hier ja mal ein Ende finden, nicht wahr?

Wissen Sie, wir vom Wahlamt sind dennoch etwas neidisch auf die Wahlämter der großen Städte. Die werden ebenfalls für die Wahlen "eröffnet", so wie bei uns kleinen Gemeinden. Warum dann der Neid? Weil diese Wahlämter nichts anderes machen als die Wahlen, aber bei uns muss die Wahl nebenher mitlaufen.
Wir haben alle unsere normalen Rathaus-Tätigkeiten und das Wahlgeschäft kommt dazu. Kleine Verwaltungen können das nicht anders stemmen.
Wir in unserem Rathaus haben zum Glück verständnisvolle Vorgesetzte, die ihre Ansprüche an uns herunterschrauben, wenn wir Wahlamt sind.
Da kann ausnahmsweise auch mal was liegen bleiben, was sonst nicht sein darf.

Wir erledigen so gut es geht, unser normales Arbeitspensum und die Wahl zusätzlich.
Es ist uns - wie bestimmt auch bei den kleinen bayrischen Gemeinden - personell einfach nicht möglich, denselben Service mit Zwischennachrichten zu bieten, wie das in den großen Wahlämtern passiert. Schön wäre das ja schon, aber wir können die Zeit dafür beim besten Willen nirgendwo abzwacken.


Aber ich kann Ihnen versprechen, auch wenn es nach außen hin nicht so wirkt:
Wir von den kleinen Wahlämtern sind leidenschaftlich, mit viel Engagement und Ehrgeiz daran, die Unterlagen für die Briefwähler rauszuschicken.
Gerade für die Auslandsanträge entwickeln wir besonderen Ehrgeiz. Die müssen einfach so früh wie möglich verschickt werden.
Diese Jahr liegen Anträge aus Großbritannien, Frankreich, aus den USA, aus der Schweiz, aus Indien, aus Namibia, aus Bangladesch und aus Italien und Österreich da.
Wir haben keinem davon eine Zwischennachricht geschickt. :-(


Aber was wir gemacht haben: Heute Nachmittag wurden die Stimmzettel für die Bundestagswahl für unseren Wahlkreis fertig gedruckt.
Ich bin vorhin 35 km zur Druckerei gefahren und habe einen Karton Stimmzettel abgeholt. Denn ausgeliefert werden sie eigentlich erst am Montag.
Meine Kollegin sitzt jetzt im Rathaus und macht alle Briefe fürs Ausland fertig und bringt sie zur Post, damit sie heute noch verschickt werden.
Unser Rathaus hat Freitagnachmittags immer geschlossen.
Aber wie gesagt, wir sind sehr gerne Wahlamt, trotz dem zusätzlichen wochenlangen Stress.
Mir war es wichtig, heute Nachmittag zur Druckerei zu fahren und den ersten Karton mit Stimmzetteln abzuholen. Meiner Kollegin war es ebenso wichtig, nochmal ins Büro zu kommen und die Briefe versandfertig zur Post zu bringen.


Ab Montag legen wir richtig los und arbeiten alle bisher eingegangenen Briefwahlanträge ab, so schnell es uns möglich ist. Und wir sind schnell, das ist sicher.
Wir haben seit Jahren eine Vereinbarung mit unserem Wahlleiter.

Bei 1200 verschickten Briefwahlumschlägen muss er uns ein (leckeres) Eis bezahlen. Das nächste Eis gibt es dann bei 2000 Umschlägen. Das ist so eine Art Mix aus Wette und Belohnung, wobei wir ja alles abarbeiten, was ankommt.

Und natürlich werden von uns auch die vielen Briefwähler freundlich empfangen, die die Unterlagen direkt bei uns abholen und gleich wählen möchten. Auch das geht nebenher. Weil es muss ... bei uns kleinen Wahlämtern.


Nun ja, ich wollte eigentlich nur sagen, dass Sie Vertrauen haben sollten, was Ihren Briefwahlantrag angeht. Das klappt auch in Bayern, da bin ich (fast) sicher ;-)
Wenn Sie den Umschlag korrekt beschriftet haben, ist er bestimmt angekommen.
Und wenn das der Fall ist, wird er im Wahlamt bearbeitet und an Sie verschickt, sobald die Stimmzettel geliefert wurden. Auf die Stimmzettel warten wir alle immer ... bei jeder Wahl. Erst dann kann der Versand losgehen, bis dahin scharren wir immer ungeduldig mit den Hufen.
Also, ich bin davon überzeugt, dass Sie bald die Unterlagen bekommen. :-)




Jetzt habe ich fast ein schlechtes Gewissen den bayerischen Gemeindeleuten gegenüber, vor allem, weil es in dem Kaff ja nicht mal eine Eisdiele gibt. Vielen Dank für diesen Einblick, ich hoffe, in Oberbayern läuft das auch so begeistert!

Kommentare:

kaltmamsell hat gesagt…

Danke für den Einblick auch von mir!

jule hat gesagt…

oh das finde ich grossgrossgrossartig, dass sich da ein mensch hinsetzt und so ausführlich und freundlich über seinen arbeitsalltag schreibt! 1000 dank, unbekannte leserin, ich liebe das sehr sowas zu erfahren weil man (ich!!) oft so schnell im unverständnis steckt, dabei gibts wirklich sehr sehr oft einen nachvollziehbaren und verständlichen hintergrund! in dem sinne - danke für ihre mühen!

(und danke frau brüllen fürs hier hinstellen!)

Dorothee hat gesagt…

Sehr spannend. Danke für den Blick hinter die Kulissen!
Meine Wahlunterlagen sind heute angekommen. Über die Veganerpartei musste ich auch lachen.

Christine hat gesagt…

Ich habe den vorigen Artikel schon fast ängstlich gelesen - denn ich wohne und wähle am selben Ort (meist per Briefwahl), habe aber noch nichtmal den Zettel, mit den ich Briefwahl beantragen könnte im Briefkasten gehabt... Ich vertraue noch (und hier gibts immerhin ne Eisdiele)!

Antje Hammer hat gesagt…

Ich hatte die Info bekommen dass die Wahlunterlagen für Auslandsdeutsche erst ab dem 20.8. versandt werden weil sie vorher nicht gedruckt seien