Mittwoch, März 19, 2014

Ich bin nicht Deine Frau!

Wenigstens titelmässig sozusagen das Gegenstück zu diesem Artikel hier ;-).

Wenn ich die Sprüche von wegen „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau, die ihm den Rücken frei hält“ höre, dann werde ich mittlerweile richtig aggressiv. Ich würde mir viel mehr erfolgreiche Männer mit erfolgreichen Frauen an ihrer Seite (haben Sie es gemerkt: neben, nicht hinter!) wünschen und das aus ganz eigennützigen Gründen:
Wann immer ich mich irgendwo bewerbe oder über Zukunftsperspektiven und Weiterentwicklung spreche, spreche ich mit erfolgreichen Männern, das liegt an der Branche. Ich fände es sowieso besser, wenn es mehr erfolgreiche Frauen, gerade auch in meinem Bereich gäbe, aber gut, das ist noch ein langer Weg (Unsere Abteilung ist stolz darauf, den Frauenanteil im letzten Jahr von 2% auf 5% erhöht zu haben. Die Richtung stimmt schon mal).
Und diese Männer haben dann entweder Familie oder auch nicht. Die die keine haben, denen erzähle ich auf Nachfrage, was sie wissen wollen, erkläre die für mich unverhandelbaren Parameter für Vereinbarkeit von Beruf und Familie, streiche heraus, dass die Kindern einen Vater haben, der genauso für sie zuständig ist und gut.
Bei den Männern, die selber Familie haben, habe ich das Gefühl, ihre Frau sitzt noch zusätzlich am Tisch und will und darf nicht verärgert und das in der Cheffamilie praktizierte Familienbild darf nicht in Frage gestellt werden. Was ich per se ja gar nicht tue, geht mich nix an, ich bin überzeugt davon, dass es grundverschiedene richtige Lebensmodelle gibt und solange alle direkt daran Beteiligten damit glücklich sind, ist jedes in Ordnung.
Und dann finde ich es schwierig, wenn mir einfach so erzählt wird, dass man selber ja auch Kinder hätte und die Frau deswegen daheim wäre/ nur 20% arbeitet/ immer mittags schon heimgeht / erst wieder arbeiten gehen wird, wenn die Kinder verheiratet sind, weil ANDERS KRIEGT MAN DAS JA NICHT UNTER EINEN HUT, und der Haushalt und alles. Das impliziert, finde ich, dass es nur so geht, und jeder, der etwas anderes will entweder ein unrealistischer Träumer oder eine schlechte Mutter oder sonst was schreckliches ist. Und wenn man den Job dann hat oder das Pensum erhöht oder das Projekt übernommen, dann weiss man gar nicht, was man sagen soll, wenn man nach der Vereinbarkeit gefragt wird. Sagt man "Anstrengend", heisst es "Ich habs ja gesagt, meine Frau, die ist ja immer mittags daheim, sonst klappt das nicht", sagt man "Super, habe alles perfekt im Griff, genau wie geplant", dann hat man der Chefgattin wieder in die Suppe gespuckt. Ich rede da dann einfach nicht gross drüber und auf der fachlichen, sachlichen Ebene, da gibt es eh nie Probleme, ist ja nicht so, dass meine Chefs und Kollegen prinzipiell ein Problem damit hätten, mit einer Frau zusammenzuarbeiten ;-).

Nochmal: mir ist es Jacke wie Hose, wie viel die Frauen der Chefs arbeiten oder auch nicht, das geht mich nichts an, aber so pauschale Aussagen machen mich wahnsinnig! Ich habe dann das Gefühl, was immer ich sage, diskreditiert entweder das Familienmodell der Cheffamilie oder man bekommt den Eindruck, ich fände, die Cheffrau sollte mehr aus sich machen oder ich wäre naiv und hätte alles nicht durchdacht. Vermutlich ist alles ganz anders gemeint und soll eigentlich Verständnis für Familienbedürfnisse zeigen, bei mir kommt es aber anders an (Oder ich schiesse so kapitale Böcke, wie in einem Bewerbungsgespräch, als der Interviewer meinte, er hätte ja auch Söhne, und seine Frau fange jetzt grade mit dem Arbeiten wieder an. Ich, mit den Schweizer Mutterschutzregeln vertraut, meinte "Jööööh, also praktisch ein ganz frisches Baby?!" und er sagte nur trocken "Nein, der kleinste ist jetzt fünf." Öhem.)

Vermutlich ist das so kompliziert, weil sich die meisten Leute extrem viel Gedanken um dieses Thema machen und wenn man dann einen für einen selber gangbaren Weg gefunden hat, ist es vielleicht nur menschlich, den als den allein selig machenden anzusehen.... und in meinem von Männern dominierten Arbeitsgebiet ist das Rollenverständnis anscheinend noch sehr, sehr traditionell.
Nun ja, ich wünsche also den Cheffrauen viel Erfolg im Beruf und freue mich wie ein Schnitzel über Kollegen, wie den Ingenieur, der der versammelten Männermannschaft erklärte, dass ein regelmässiger Sitzungstermin am Donnerstagmorgen für ihn erst ab 8:30h in Frage käme, weil Do/Fr die Tage wären, an denen er für den Kinderfrühdienst zu Hause verantwortlich sei.

Kommentare:

caramellita hat gesagt…

*unterschreib*
Genau so liebe Frau Brüllen!
Ich habe auch einen Chef, der mindestens zweimal die Woche dafür zuständig ist, dass die Kinder in den Kindergarten kommen, weil seine Frau schon früh an Besprechungen teilnimmt. Und der neulich an eben einem solchen Tag wegen komischem Ausschlag erst mal zum Kinderarzt gefahren ist.
Solche Chefs braucht das Land!
Schöne Grüße,
Caramellita

Elawen hat gesagt…

danke :)
Ich komme ja aus den neuen Bundesländern und hier ist es einfach so, dass Familie und Beruf quasi schon traditionell übereinander gehen. Natürlich muss man einiges organisieren und planen und natürlich ist es manchmal stressig, aber es geht. Da wird halt die Wohnung net jeden Tag auf Hochglanz geputzt. Und was ich viel wichtiger finde: Frau wird hier nicht scheel angeguckt, wenn sie nach der Babypause wieder arbeiten gehen will.

Und das Statement von deinem Kollegen find ich klasse. Was haben die anderen Kollegen dazu gesagt?

KaLu hat gesagt…

Liebe Frau Brüllen,
ich will Sie umarmen und knutschen!
Sie sprechen mir aus der Seele!
Danke
LG

Madame Duddendahl hat gesagt…

Schwieriges Thema und egal wie man es macht, scheint es für manch andere falsch zu sein.
Will man beruflich nicht nur tippen und Kaffee kochen und hat studiert oder gar einen Doktortitel (omg!!!), ist man total karrieregeil und vernachlässigt die Kinder. Macht man keinen Raketenbauerjob und das auch noch in Teilzeit, wird man von den Kollegen/Chefs sanft belächelt ("ach, es ist 13 Uhr, die Mutti (aaahhh!!!) geht wieder heim" oder "oh, Sie haben es sooo gut, sie können jetzt heimgehen".... jaaa, aber am 15., wenn die Kohle kommt, habe ich es nicht so gut, wie der werte Kollege ;-)....

Ich finde es toll, wenn Frauen / Mütter richtig Karriere machen, auch wenn es nicht mein eigener Weg ist (weil zu faul für Studium und mehr oder weniger zufrieden mit mit meiner Büro-Amöbenstelle.)

Jeder nach seiner Fasson !!

Beste Grüße an die Rabenmutter ;-)

Madame Duddendahl

Melanie hat gesagt…

Kann mich nur anschließen, vielen Dank für diesen Text!

Mein Mann hatte mal eine Chefin (in seiner Branche auch eher unüblich) mit 2 Kindern und da waren Besprechungstermine, etc. eben auch mal um die Ballettaufführung der Tochter herum geplant o.ä., ich finde also auch es sollte mehr Chefinnen geben!

Extrem nervig bei mir in einem Bewerbungsgespräch letztes Jahr (in einer frauendominierten Branche) ging es die Hälfte des Gespräches darum, dass man in den Schulferien arbeiten müsse und im Team sonst keiner Kinder hätte und wie ich mir das vorstelle, etc. Meine mehrmalige Betonung, dass ich ja einen Mann habe, wir das geklärt haben und er parat steht (und die Kinder ja auch noch in Kita und Hort gehen), wurde überhört, bekommen habe ich die Stelle nämlich nicht und auch auf Nachfrage kein direktes Feedback bekommen, woran es denn nun gelegen hätte.

Nochmal danke und viele Grüße
Melanie

anna hat gesagt…

Wo kann ich unterschreiben?

Sabine hat gesagt…

Ich auch in der Schweiz, auch männerdominierte Branche, habe mir nach Geburt meines Sohnes wegen Umzug eine neue Stelle suchen müssen und bin im Paradies gelandet: meine beiden Chefs haben in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder Teilzeit gearbeitet. Jetzt macht mein Chefchef einen Nachmittag Homeoffice, kommt zwei Tage später wegen Kinder in Schule und geht einen Mittag nach Hause, weil er für seine Kids Zmittag kocht. Es geht! (Naja, eine CHEFIN gibt es noch nicht, aber in der Branche geht das noch 10Jahre)

Eva hat gesagt…

Ja, das ist ein sehr komplexes und eben auch sehr sensibles Thema. Abgesehen davon, dass Menschen da sehr individuelle Auffassungen, Interessen, Motivation haben, kann man nunmal nicht alle ueber einen Kamm scheren: Job ist ja nicht gleich Job. Fuer den einen ist Vollzeit 35STunden, fuer den andern 60, fuer den naechsten 80. Tags, nachts, wochenends, flexibel oder eben auch gar nicht...das kann Vater oder Mutter betreffen und dementsprechend kann es mehr oder weniger vereinbar/machbar sein. Ich beneide jedenfalls immer diejenigen, die mit ihrerer eigenen Situation gluecklich und richtig zufrieden sind...

einfachich hat gesagt…

Dass man dann auch noch rücksichtsvoll sein muss und aufpassen muss was man sagt..... Mühsam... Du bist erfolgreich. Und du bekommest beides unter einen Hut. Familie und Arbeit. Das sind schon mal zwei Gründe für so manche, weshalb man entweder Rabenmutter und/oder eine Haushaltsniete sein muss. Ich finde das auch ganz toll, dass Frauen in führenden Positionen tätig sind und Männer ihren Teil der Erziehung und ihren Teil des Haushalts ernst nehmen. Find ich sehr gut :-)