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Mittwoch, Januar 04, 2017

Das Kammerl des Grauens

Unser Haus hat ja keinen Keller. Ich verfluche das manchmal, manchmal bin ich froh drum und meistens ist es mir egal.
Was wir stattdessen haben, ist ein Dorf, das auf Römerruinen gebaut wurde und deswegen ist es immer sehr gefährlich, beim Bauen tief zu graben, weil man da ganz schnell einen antiken Komposthaufen oder so was findet und dann kommt der Kantonsarchäologe und das Bauvorhaben liegt erstmal auf Eis ein Dachkammerl, in dem ich einerseits meine Nähmaschinen und Stoffe aufbewahre,  und in dem wir anderereseits alles lagern, was wir sonst im Keller lagern würden: Skiausrüstung, Tauchsachen, Kletterausrüstung, Zelte, Wanderrucksäcke, Erinnerungsstücke, Gästematratzen, Spielsachen, aus denen die Kinder rausgewachsen sind, die man aber nicht wegwerfen will, Ordner mit Zeug, alte Lehrbücher, Halloweenverkleidungen, Koffer, Weihnachtsdeko, alte Schulunterlagen der Kinder, Geschenkpapier, Ersatzstühle, Partygeschirr und -gedöns.
Eigentlich hat alles seinen Platz, es gibt Regale und Kisten. Uneigentlich kann man den Moment, in dem die Ordnung den Bach ab geht, sehr genau festmachen. Es ist "Ach, ich leg das jetzt nur kurz mal dahin anstatt es einzuheften, die richtige Kiste vorzuholen oder was auch immer". Damit ist der Weg für Chaos geebnet, das nächste Blatt legt man dann "Nur kurz" oben drauf, die nächsten zu vererbenden Schuhe legt man in die Nähe der Kiste, wo sie hingehören, und irgendwann kann man das Räumchen kaum noch betreten.
Das ist dann übrigens die Phase, in der ich erst verfluche, keinen Keller zu haben, weil: da wäre das alles nicht so gestopft und man käme viel besser an alles hin, und dann sehr froh bin, weil so regt mich das Chaos viel schneller auf als in einem Keller, in dem ich dann nicht nur ein kleines Kammerl ausmisten müsste, sondern ein ganzes Geschoss.
Nun denn. Heute war es also wieder mal soweit.
Mein erster Plan war: ich räum alles raus in den grossen ausgebauten Speicher und dann sortiere ich es wieder ein. Sie kennen das Märchen vom süssen Brei, oder? Ich hatte noch keine Regalwand leergeräumt, da war der viel grössere Speicherraum schon so voll, dass ich nicht mehr treten konnte. Also musste ich umdisponieren und das Ganze wandweise angehen.
Ich habe nicht nur insgesamt 7 Stunden am Stück geschuftet und insgesamt 5 35L-Abfallsäcke, eine Ikeatasche mit Karton, eine mit Papier und 2 Müllsäcke voller Altkleider entsorgt, ich habe auch insgesamt 3 neue Ordner (Garantien ab 2016, Steuer ab 2013, Haus ab 2014) angelegt, weil die alten einfach nicht mehr zugingen, ich habe mich rigoros von Dingen getrennt (mein ganzes Seifensiedeequipment ist weg bis auf 10kg NaOH-Plätzchen, die kann man immer mal zum Abflussreinigen brauchen), ich habe sortiert und gesichtet (ich brauche mit ziemlicher Sicherheit keine Motivgeburtstagskerzen mehr kaufen, ich habe Frösche und zwei Farben, Pokale, Rennautos, Zootiere und normale, wir haben genug Cocktailschirmchen für ca 20 Barabende), ich bin sentimental geworden (in den Müllsäcken war kaum die berühmt berüchtigte Kinderkunst, die habe ich allergrösstenteils behalten, genau wie die Kindergarten- und Schulmappen), und ich habe wirklich skurrile Dinge gefunden:


Okay, das sieht für Sie vermutlich skurriler aus als für mich, das gehört zur Standardausbildung eines Chemikers/Ingenieurs in der Entwicklung/Produktion hier, da haben der Hübsche und ich immerhin schon ein Set Unterlagen entsorgt, wir haben diese Kurse natürlich alle beide gemacht.

Ich habe Notizbücher aus meinen ersten Jobs gefunden:

Lustigerweise weiss ich bei den meisten kryptischen Abkürzungen noch, um welches Projekt es ging (und ich arbeite und notiere heute noch so. Aber ich schmeisse das Zeug gleich weg, nicht erst nach 10 Jahren).

Dann habe ich zwei Gasmasken gefunden (die durften wir irgendwann mal behalten, als das Modell bei der Arbeit geändert wurde). Zusammen mit den Exlosionsschutzunterlagen und den Kaliumiodidtabletten, die wir von der Schweizer Armee bekommen haben, könnten wir die in unserem nicht vorhandenen Luftschutzkeller lagern...
Am mysteriösesten fand ich allerdings eine goldene Geschenktüte, in der ein altes, sehr hochwertiges Mikroskop (nicht so eins wie das vergleichsweise günstige, das ich mir damals von meinem Gewinn aus dem Börsenspiel in der 9. Klasse gekauft habe) war, zusammen mit einem Kasten voller Präparate und einer Holzkiste mit der Aufschrift "Diakasten Holz", in der aber keine Dias waren, sondern ein Handmikrofon (das hätte ich nie als solches erkannt, aber es ist eine Gebrauchsanweisung dabei) und ein Präparierbesteck. Dexter lässt grüssen.... Nun denn, das habe ich natürlich nicht weggeschmissen, sondern in einer ordentlichen Kiste gelagert.
Ich vermute, mein Vater hat das bei seinem letzten Besuch hiergelassen. Meine Eltern sind ja grosse Ausmister (Apfel, Stamm und so) und bei jedem Besuch werden mir Dinge aufgenötigt: "Hier, schau mal, deine Aufsätze aus der dritten Klasse", "Da, die Kochbücher deiner Urgrosstante.", "Eine Kamera, wie sie dein Fotografenopa immer hatte. Ich habe sogar noch echte Filme dafür auf Ebay besorgt, die müsstest Du aber im Gefrierfach lagern." Ich versuche da meist vorher zu filtern, kontrolliere auch den Kofferraum, bevor wir wirklich losfahren, die Kinder haben die Anweisung, keine im letzten Moment in die Hand gedrückten Taschen anzunehmen ("Da, für die Reise" und dann sind unter den Gummibärchen und den Nussecken noch die flotte Lotte und die Mohnmühle und meine Erstleserbücher aus den 80ern drunter), ich nehme an, meine Eltern sind also erfinderrischer geworden und sortieren die Dinge direkt bei uns ein... perfide!

So. Morgen wird aber mal nicht ausgeräumt, da machen wir einen Ausflug ins Museum. Nicht, dass nur ich Ferien nach meinem Geschmack bekomme :-) (vielleicht sortiere ich da auch noch ein bisschen)

Apropos morgen: es ist wieder WMDEDGT!