Donnerstag, November 24, 2016

Rot sehen

Ich hatte heute, als ich von einem Standort zum anderen unterwegs war, ein sehr, sehr unangenehmes Erlebnis*.
Ich war zu Fuss unterwegs, am sehr frühen Nachmittag, entlang einer sehr befahrenen, für Fussgänger nicht besonders schönen und deshalb nicht besonders belebten Strecke, weil es eine nur geringfügig längere, eben aber viel schönere Alternative gibt. Ich hatte es aber sehr eilig heute.
Also. Ich war mental schon in der nächsten Telefonkonferenz, als ich auf einmal drei unglaublich laute Rülpser hinter mir hörte. Und ja, vermutlich hätte ich es einfach ignorieren sollen, aber so wie es weiterlief, hätte das vermutlich gar nichts gebracht.
 Ich habe mich also kurz umgedreht und hatte eigentlich eine höhöhö, sich supercool vorkommende Teenietruppe erwartet. Stattdessen schlingerte ein erwachsener Mann mit dem Fahrrad hinter mir herum. Ich konnte nicht anders, als indigniert meine Augenbrauen zu heben und weiterzugehen. Er fing an, irgendetwas zu rufen, was ich erst ignorierte, bis er aufholte und neben mir fuhr und anfing, irgendwas von „Das ist aber nicht besonders anständig von Dir“ zu faseln. Ich hatte (keine Zeit und überhaupt) echt keine Lust auf eine Diskussion, rollte also weiter meine Augen und ging vor mich hin, während er neben mir hertorkelte.
 Als er dann anfing, mir Luftküsse zuzuschmatzen und eindeutige Gesten zu vollführen, konnte ich nicht anders und meinte „Boah, echt, jetzt schleich dich, das ist doch widerlich.“ Er blieb stehen, drehte sich um, schaute mich an, schlug mit der einen Faust in die flache andere Hand und … mir war gar nicht mehr wohl. Ich merkte, dass eine Art Fluchtreflex einsetzte und ich überlegte, dass ich, wenn ich bereit wäre, umzudrehen, einen Riesenumweg unter der Brücke durch zu nehmen, zu spät zu meinem Meeting zu kommen, und dem Typ das Gefühl zu geben, es mir gezeigt (was auch immer) zu haben, dann wäre das schon möglich.
 Und als ich das merkte, dachte ich mir: „Ganz sicher nicht.“ und mir wurde innerlich ganz heiss und zittrig, aber ich beschloss, dass ich trotz ungeeigneter Kleidung (Wickelkleid, Mantel, halbwegs hochhackige Stiefel) und Ausrüstung (Arbeitstasche mit Laptop und grosse zwei Pakete für Twitterpost unter dem Arm)
 dem Besoffenen, der auf seinem Fahrrad zwischen Trambahnschienen und Autos hin und her torkelte, eventuell physisch überlegen sein könnte. Die Aussicht, dass der Typ mir auch nur einen Hauch näher kommen würde, war natürlich sehr gruselig, aber ich war einfach nur wütend. Also habe ich mir „Konstantin, die Postschildkröte“ fester unter den Arm genommen, gefühlt Blitze aus meinen Augen geschleudert, einen Zahn zugelegt (die Stiefelabsätze knallen sehr schön auf dem Asphalt, wenn man das möchte. Auch auf dem Teppichboden im Elfenbeinturm, wenn man das gar nicht möchte), dem Typ einen Stinkefinger gezeigt (das könnte nicht der smarteste Move der Welt gewesen sein), mein Handy gezückt und ein Foto von ihm gemacht. Gottseidank hat er sich dann weiter schimpfend vom Acker gemacht und die nächsten Passanten (und Autofahrer) dumm angemacht. Ich hätte wirklich nicht gern ausprobiert, ob mir andere Leute zur Hilfe gekommen wären. Und weil ich kein netter Mensch bin, hoffe ich, dass der Kerl mit seinem Rad in den Trambahnschienen hängengeblieben ist und sich richtig, richtig weh getan hat.
Ich kam (rechtzeitig) voller Adrenalin und total zittrig zu meiner Telefonkonferenz und bin mir nach wie vor unsicher, ob ich weniger (aka total ignorieren) oder mehr (aka weiss auch nicht, Polizei rufen? Passanten herrufen? ihm echt die Meinung sagen?) hätte machen sollen. Und ob ich dumm oder richtig gehandelt habe.


*Ja, ich weiss auch, dass Sie, wenn Sie in echten Grossstädten leben, darüber vielleicht nur müde lächeln. Ich bin mir des Behütetseins hier durchaus bewusst.

Kommentare:

Nele hat gesagt…

Hut ab! Ich hoffe, ich würde genauso reagieren. Da ich glücklicherweise ebenfalls in einer behüteten mittelgroßen Stadt lebe, ist mir so etwas aber auch noch nie passiert. Ich finde aber auch, nachgeben und den Raum freigeben ist das falsche Signal. Deshalb bin ich, als ich noch im Bahnhofsviertel einer *etwas* größeren Stadt lebte, auch immer den kürzeren Weg zum Bahnhof gegangen. Auch wenn der durch die Unterführung, vorbei an Spritzenautomat und Drogenberatungsstelle und zahlreichen Obdachlosen führte. Meine Nachbarin hat sich das nicht getraut und musste immer einen Umweg von einer Viertelstunde laufen. Sehe ich gar nicht ein. Passiert ist auch nie was. Und ich finde, man muss gerade als mutigerer Mensch (ich will ja die Frauen, die Angst vor allem und jedem haben, nicht schlecht machen - sondern ihnen die Angst nehmen!) diese Räume dann "besetzen" und Präsenz zeigen. Und sich im Zweifel auch mal durchsetzen.

Ob ich das umsetzen könnte, ist eine andere Frage... ;-)

Fledermama hat gesagt…

Ob behütet oder nicht, sowas ist gruselig und widerlich...

Ich glaube, die Reaktion war schon ganz richtig so. Vor allem das mit dem Foto war ein kluger move, denke ich. Gegebenenfalls noch eine ganz klare Ansage a la "Lass mich in Ruhe oder ich rufe die Polizei", damit auch der besoffene Hornochse die "Erwartungshaltung" begreift. Aber allgemein: Gut reagiert, denke ich.

Sigrid hat gesagt…

Ich denke, es war genau die richtige Reaktion.
Bis die Polizei gekommen wäre,...
vermutlich hat ihn das Foto schon abgeschreckt.
Evtl. können Sie ihn damit ja immer noch anzeigen.
Zum Glück ist es mir in dieser krasen Form noch nie passiert.

Verena hat gesagt…

Hut ab Frau Brüllen. In meinen Augen haben sie alles richtig gemacht. Als in einer der größten Städte Deutschlands lebende Frau kann ich nur gratulieren. Nach mehr als 15 Jahren Großstadt habe ich mir das Motto angeeignet: Wenn immer der/die Klügere nachgibt, gewinnt damit automatisch auch immer der/die Dümmere. Und wollen wir, dass unsere Kinder in einer Welt der Dummen aufwachsen? Also, ich möchte das nicht. Darum wehre ich mich, meist verbal, manchmal auch indem ich die Polizei rufe und selten, wenn die Polizei mal etwas länger braucht und gerade Not an der Frau ist auch körperlich. Nachdem "Frauen belästigen" gerade ja wieder immer mehr in Mode kommt, habe ich auch kein Problem mehr damit einem Typen, der mich anzugrapschen versucht, ordentlich eine mitzugeben. In diesem Sinne...
Schöne Grüße in die Schweiz,
Verena

Anonym hat gesagt…

Ich finde deine Reaktion super, ich weiß nicht, ob mir das Foto eingefallen wäre.
Ich hätte ihn ganz laut und energisch beschimpft, so was ihm einfällt, und wer er ist, und was er will usw, das hilft meistens, außerdem werden vielleicht doch andere Passanten aufmerksam.
Davonrennen ist keine Lösung, dann findet er vielleicht ein anderes schwächeres Opfer, das sich nicht wehren kann.

berit hat gesagt…

Hallo liebe Frau Brüllen, da wäre mir auch etwas mulmig geworden und ich denke so wie sie gehandelt haben war es richtig.

Weglaufen hätte nur den Jagdreflex ausgelöst.

Anonym hat gesagt…

Was für eine unangenehme und eklige Situation. Ist mir zum Glück noch nie passiert und ich wüsste auch nicht wie ich reagieren würde. Vermutlich ignorieren und weitergehen (wegen akuter Überforderung) oder in ein Geschäft gehen, falls eins in der Nähe ist. Auf Passanten würde ich wohl leider nicht zählen, es will ja nie jemand mit irgendwas unschönem zu tun haben. Ich finde Ihre Reaktion völlig angemessen!

Viele Grüße
Anna

weiderella hat gesagt…

Liebe Frau Brüllen, auch ich finde Ihre Reaktion absolut angemessen und mutig. Ich selbst bin in Zürich zur Hauptverkehrszeit schon übelst im Tram belästigt worden, wo mir leider erst Fahrgäste zu Hilfe kamen, als ich diese gezielt ansprach. Was mir aber in solchen Situationen immer hilft: mein Freund ist MMA-Fighter, und übt mit mir in regelmässigen Abständen Kniffe, wie man sich gegen Angreifer wehrt (zB aus einem Klammergriff lösen, Körpergewicht des Angreifers gegen ihn einsetzen etc.). Ich weiss nicht, ob ich im Ernstfall wirklich so schnell reagieren würde, aber dadurch, dass ich es regelmässige übe, fühle ich mich deutlich sicherer und ruhiger in "blöden" Situationen. Vielleicht kann Ihnen Ihr Gatte ja auch ein paar Griffe zeigen, und ab und an mit Ihnen wiederholen?