Dienstag, März 15, 2016

Team "Form" vs Team "Inhalt"

Der Hübsche und ich haben ja bekanntermassen zusammen studiert und Diplomarbeit gemacht und promoviert. Wir haben auf dem gleichen Gebiet zu unterschiedlichen Aspekten gearbeitet, man kann sich das so vorstellen wie .... wir waren im Arbeitskreis "Italienischer Weichkäse" und der Hübsche hat sich mit dem Thema "Mozzarella: neue Anwendungsgebiete kreativ ausgelegt"  befasst und ich mit "Mozzarella aus Ziegenmilch: Vision oder Wahnsinn?"*.
Wir haben zur selben Zeit unsere Doktorarbeit zusammengeschrieben und so ähnlich wir auch sind, beim Beginn dieses Projekts** zeigte sich ein fundamentaler Unterschied in der Herangehensweise. Wir setzten uns an unsere Rechner, legten unsere Laborjournale und Ordner voller NMR-Spektren und Analysendaten**** bereit und ....
... ich fing an zu schreiben, einfach so.
1. Einleitung
Die Geschichte des italienischen Weichkäses ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Manch einer meint sogar, sie wäre längst zu Ende erzählt und seit Mozzarella und Tomate mit ein paar traurigen holländischen Treibhausbasilikumblättern garniert in den 80ern den fragwürdigen Sprung von einer Köstlichkeit aus italienischen Trattorien hin zum Standardprogramm des Imbisses, der neben Schnitzelpommes, Asia und Curry auch Italienisch anbietet geschafft haben, wäre auf diesem Gebiet auch nichts Spannendes mehr zu entdecken. ...blablablabla

Also. So ungefähr. Der Hübsche war perplex, weil: "Wir haben doch noch gar kein Template! Das wird ja hinterher megamühsam, alles zu formatieren, das kann man doch gleich richtig formatieren und dann ist das hinterher einfach nur noch zum Drucken, zack fertig."
Wir führten eine mittelkurze Diskussion darüber, was jetzt besser sei, am Ende mit einem tollen Template, aber ohne Inhalt dazustehen oder aber mit tollem Inhalt, der aber rein optisch jetzt aussieht, wie auf der Schreibmaschine runtergerattert. Gottseidank zeigte sich dann doch wieder, dass wir zwar gerne diskutieren, noch lieber aber Sachen erledigt bekommen, und so teilten wir uns auf: der Hübsche bastelte für uns beide je ein schönes Template und ich schrieb eine Einleitung, die wir beide verwenden können, weil der Stand der Technik in Sachen Weichkäse ja für unsere beiden Themen relevant und identisch war. Am Schluss hatten wir beide natürlich eine tolle Doktorarbeit in Händen (meine war tatsächlich um 7 Seiten länger, wie unser gemeinsamer Doktorvater beim ersten Begutachten scharfsinnig als erstes bemerkte, aber was soll's.).

Daraus kann man jetzt zwei Sachen lernen: erstens: wir beide sind ein tolles Team. Das ist auch immer noch so und das ist wirklich sehr toll. Zweitens: ich würde dem Inhalt immer Vorrang über der Form geben, dem "Was" immer Vorrang über dem "Wie". Lieber machen, als ewig drüber diskutieren, wie man das jetzt macht. Am Ende haben nämlich alle schon so viel Meinung zum "wie", dass man zum "was" schon gar nicht mehr kommt. Das macht mich fast wahnsinnig und damit habe ich im Moment echt ganz schön zu kämpfen. Aber nicht mit dem Hübschen, das ist das Gute!


*Im Lauf der Arbeit habe ich gemerkt: eher Wahnsinn und schnell noch einen Exkurs zu Schafsmilch und, aus rein wissenschaftlichem Interesse, weil Nutzen hat das gar keinen, einen Abstecher zum Mäusemelken gemacht.

** Übrigens auch schon während der Arbeit. Während der Hübsche eine sehr abwaschoptimierte Herangehensweise hatte und jedes einzelne kulinarische Experiment wohl abgewägt hat ob seiner Erfolgsaussichten, war mein Approach der "Was soll schon schiefgehen, das probieren wir doch grad mal aus!". Sagen wir so: wir haben zwar nicht tatsächlich mit Käse gearbeitet, abspülen mussten wir aber trotzdem und ich dementsprechend viel mehr***, ich hatte aber natürlich auch viel mehr Experimente vorzuweisen, nicht alle erfolgreich natürlich, aber als Wissenschaftler wissen wir ja, dass ein missglücktes Experiment mindestens so viel aussagt wie ein geglücktes, nicht? Und ins Krankenhaus musste ich nur einmal, gebrannt hat es bei uns beiden und die Ammoniakexplosion haben wir auch gemeinsam verursacht, glaube ich.

*** liegt mir ja im Blut, so als Frau, gelle? Höhö. (Ich habe es im Labor sogar geschafft, dass mir ein mit KOH gesättigtes Isoporpanolbad zum Einweichen von Glasgeräten SCHIMMELT!)

****Sie ahnen, wessen Stapel höher war? Und wessen Laborjournale blütenweiss und ohne Flecken und Löcher?

Kommentare:

Julia K hat gesagt…

Wie kann ein Isopropanolbad schimmeln?!
Nein, ich bin froh, dass ich für meine Diss in Physik nur "ein bisschen" Chemie machen musste. Und ich wüsste auch nicht, ob ich mit meinem Liebsten so eng zusammenarbeiten hätte können, wobei das rein hypothetisch ist, da er ja in der Raumfahrt ist. Sie beide scheinen jedenfalls wirklich in gutes Team zu sein. Mich selbst würde ich, so von der Arbeitsweise her, eher bei Ihrem Hübschen einordnen.

kaltmamsell hat gesagt…

Ich finde diese Schilderung ausgesprochen großartig, weil sie komplett deinem sonstigen Hang zu Planung, Listen und Struktur zu widersprechen scheint. Menschen sind komplex, hurra!

Frau Brüllen hat gesagt…

@Julia: das frage ich mich heute noch...
@kaltmamsell: jein, ein ganz grosser Treiber ist bei mir "getting things done". Und die anschliessende Optik ist mir tatsächlich nur sekundär wichtig, wenn überhaupt ;-).

Anonym hat gesagt…

"und ich schrieb eine Einleitung, die wir beide verwenden können" Ist das denn erlaubt? Wir mussten unter all unsere Diplom-Examens-Doktorarbeiten eine Erklärung abgeben, dass wir alles eigenständig fabriziert hatten. Oder hat der Hübsche Sie als Quelle angegeben?

Aber alles andere kann ich so unterschreiben: mein Mann und ich haben auch einen gemeinsamen beruflichen Background und arbeiten immer noch in der gleichen Institution. Mit etwas Abstand, so dass man nicht gar so eng aufeinander hockt.

Ich wünsche weiterhin gutes Zusammenarbeiten!
Maria