Dienstag, Juni 23, 2015

"Eh nur a Flüchtling"

Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, bekomme ich ein executive summary, was seit unserem letzten Telefonat alles so in dem kleinen Dorf, aus dem ich komme und in dem sie immer noch lebt, passiert ist. Wer gestorben ist, welcher Hund Junge gekriegt hat, welche Klassenkameradin von mir (oder einer meiner drei Schwestern) ein Kind gekriegt oder ein Haus gebaut hat, wer krank ist, solche Sachen (Gestern konnte ich dank zweimal Drama auch was zu diesem Teil der Unterhaltung beitragen).

Eins der letzten Male hat sie mir folgende Geschichte erzählt: Es gab bei dem Dorf, wo sie seit Jahrzehnten auf einem Bauernhof die Eier kauft, einen tragischen Unfall: ein Grossvater war mit zwei Kindern mit dem Fahrrad unterwegs, eines der Kinder schoss ohne zu schauen quer auf die Bundesstrasse, wurde vor den Augen des Grossvaters und ihrer Schwester von einem Auto erfasst und starb letztendlich.
Der Grossvater wohnt im selben Ort wie die Eierbäuerin, mit der meine Mutter also darüber sprach. Wie es einem gehen muss, wenn man das mitmacht, wie schuldig man sich fühlt. ob das überhaupt zu verhindern gewesen wäre, wie schrecklich das für die ganze Familie sein muss, welche Familie das eigentlich, ob man die kennt (Oberbayern. Dorf. Jeder kennt jeden, im guten wie im schlechten) und dann fiel der Satz, der mich neben der ganzen Tragödie seither wirklich beschäftigt. Die Eierbäuerin (weit über 80 Jahre) sagte über den Grosssvater "Ach, das war aber eh nur so ein Flüchtling". Mit "Flüchtling" assoziere ich aktuell v.a. Personen aus Syrien, Libyen etc., die sich übers Mittelmeer auf den gefährlichen Weg in die vermeintlich heile Welt von Europa machen, wo sie hoffen, in Sicherheit zu sein. Meine Mutter hatte ähnliche Assoziationen, und fragte nach, ob und wo und wie und überhaupt denn in dem winzigen Dorf Flüchtlinge untergebracht seien, ob man helfen könne, ob es vielleicht daran liege, dass das Kind neu im Land mit den hiesigen Verkehrsregeln etc. nicht vertraut gewesen wäre.
Die Eierbäuerin schaut sie an und meint "Ah. Nein, ned so oana. Einer von damals, einer von den Sudetendeutschen."

Und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: jemand, der vor fast 70 Jahren in den Ort kam, den sie vermutlich seit ihrer Kindheit kennt, ist immer noch "nur ein Flüchtling". Ich weiss gar nicht, was mich mehr schockiert: das "immer noch?!" oder das "NUR ein Flüchtling.". Also ob das das Leid eines Grossvaters, der seine Enkelin sterben sah, irgendwie weniger wert machen würde.

Meine Mutter trifft das besonders, weil sie selber auch genau so ein Flüchtlingskind ist und jetzt, es ist nicht zu glauben, tatsächlich ein bisschen Bedenken hat, was wohl ist, wenn das "rauskommt", und die Eierbäuerin (stellvertretend für den Rest der Dorfbewohner) das mitkriegt und sie dann auch als "Nur so ein Flüchtling" sieht. Mich macht das hingegen richtig wütend (ich wohne da aber auch nicht und kaufe meine Eier auch woanders. Ich sehe mich trotz vier Grosseltern*, die alle aus dem Sudetenland vertrieben wurden, nicht als Flüchtlingskind, aber vielleicht liege ich da falsch), weil es mir zeigt, dass wir noch einen sehr weiten Weg vor uns haben. Zu lernen, dass man Flüchtlingsunterkünfte nicht anzündet, dass man Flüchtlingskinder nicht so begrüsst, das ist das eine. Aber das "nur ein Flüchtling" aus den Köpfen zu bekommen, und durch "ein Mensch, der Hilfe braucht" und irgendwann dann hoffentlich "nur noch" "ein Mitmensch" zu ersetzen, das braucht anscheinend viel mehr Zeit, als ich dachte.

* Ich habe seinerzeit in der Schule gelernt, dass die Einwohner von Bayern aus vier verschiedenen Stämmen bestehen: den Altbayern, den Schwaben (ja, take this BaWü), den Franken und den Vertriebenen. Bei meinen Grosseltern war die Vertreibung logischerweise ein sehr grosses Thema, ich habe die dramatischen Geschichten oft gehört. Meine Mutter hat das Grosswerden als Flüchtlingskind in der Oberpfalz sehr geprägt, aber ich dachte, das wäre "abgeschlossen." Hmm,.

Kommentare:

Sigrid hat gesagt…

Also diese "Hmm" kann ich nur unterschreiben. Ich hätte auch geglaubt, dass das nach 70 Jahren wirklich vorbei ist.
Passt aber wunderbar in das Klischee-Bild der Bayern (Mir san mir), ohne da jetzt alle in einen Topf zu tun.

Frau Brüllen hat gesagt…

@sigrid: ich wage es zu bezweifeln, dass das ein bayerisches Problem ist. Die Sudetendeutschen sind damals v.a. in Bayern gelandet. Die Schlesier woanders, die Siebenbürgen nochmal woanders, ich wette, da ist es nicht anders. Und es sind nie alle.

Kaoskoch hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag! Es muss nicht zwangsläufig ein kleines Dorf sein, eine Kleinstadt kennt auch diese Denke. Ich interviewte vor 13 Jahren einen Einzelhändler, der sich von einem kleinen Tante-Emma-Laden-Inhaber zum großen Supermarkt-Inhaber hocharbeitete, viel für die Kleinstadt tat, sehr sozial engagiert war, selbstverständlich auch in Schützenverein, Freiwilliger Feuerwehr etc. aktiv war. Für die Kleinstädter war er aber nach wie vor "nur ein Flüchtling", weil seine Familie 1945 aus dem Osten nach Norddeutschland kam.

Die Ehe meiner Eltern, 1958 geschlossen, sorgte dafür, dass mein Vater jahrzehntelang keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hatte, da er es wagte, ein "Flüchtlingsmädchen" zu heiraten. Durch den Beruf von Mudderns Vater kam die Familie 1939 aus dem Ruhrgebiet nach Ostpreußen, dann über Umwege nach 1945 nach Hamburg. Die Familie meines Vaters sah durch die Ehe das hanseatische Erbe bedroht, denn eventuelle Nachkommen wären ja keine "geborenen Hamburger". Was Vadderns Familie vergaß: Sie hatte erst seit 1918 einen Hamburger Bürgerbrief, war in den Maßstäben alteingesessener Hamburger selbst "geflüchtet".

Ich wünschte, wir würden Menschen endlich als Menschen sehen, sie nicht nach ihrer Herkunft beurteilen.

Bine hat gesagt…

Hier gibt es auch immer noch solche Äußerungen (Mitte BaWü) - vorallem auch von der Generation 80+.
Danach wird's besser.
Aber grundsätzlich finde ich es auch sehr erschreckend dass 70 Jahre nicht gereicht haben, diese Resentiments zu beseitigen.

LG SaBine

Sigrid hat gesagt…

@ Frau Brüllen da hast Du vollkommen Recht
So mancher hier im Erzgebirge denkt sicherlich genauso.
Ich wollt auch niemanden auf die Füße treten

Daniela hat gesagt…

Ebenso erschreckend fand ich vor drei Jahren, als mir eine Bekannte erzählte, der Sohn einer Nachbarin (also ein Kind, sieben Jahre oder so) hätte einen schweren Stand im Dorf, weil er rote Haare hätte. Da würden ja alle glauben, das käme vom Teufel.

Ina hat gesagt…

Ich bin auch nur halb "von hier", hab ich mir sagen lassen. Die sudetendeutsche Herkunft meiner Großeltern ist ja hier am Niederrhein noch ohrenfälliger als in Bayern. Das ermöglichte mir aber immerhin die Konversation mit den Kollegen in Tiefbayern, weil ich die - im Gegensatz zu meinen Kollegen - zumindest verstehen konnte. Wenn so ein Bayer behauptet, Hochdeutsch zu sprechen, ist das ja noch weit weg von Hochdeutsch ;P

Meine Theorie ist, dass jede Generation ihre eigene Gruppe hat, gegen die sie Ressentiments hegt, wie die "Flüchtlinge" unserer Großeltern, die "Gastarbeiter" in der Elterngeneration, die ja nun auch schon 40 Jahre hier sind, aber immer noch Gastarbeiter(kinder). Und immer in dem Vergessen, dass man selbst in vielen Fällen auch selbst oder in Vorgenerationen ein- oder zugewandert ist...

[Ines] hat gesagt…

Wir unterhielten uns mit einem Mühlenbesitzer in einem erzgebirgischen Dorf der über einen anderen herzog "Der gehert hier ned her, des sei Zugezongne (Zugezogene)". Diese "zugezogene" Familie lebt in 3.!!! Generation hier. Ich würde es eher ein ländliches Problem nennen. Übrigens gehört für viele sächsische Erzgebirger die tschechische Seite nicht richtig dazu.....obwohl das ja vorm Krieg alles eins war. Da fließt teilweise nur ein Flüsschen durchs Dorf. Aus meiner Famile stammen Vorfahren aus dem Sudetenland und aus der des Mannes aus Polen.

Judith hat gesagt…

Unglaublich.
Liebe Grüße aus Wien,
Judith

Maerim hat gesagt…

Unvorstellbar. Wie ganz viele der Kommentare, die man aktuell online zu lesen bekommt oder, noch schlimmer, mit eigenen Ohren hört.

Als der Sohn einer Sudetendeutschen und die Tochter eines Schlesiers eine Familie gegründet haben, gipfelte das in mir. Ich habe mir immer eingebildet, deshalb für dieses Thema besonders sensibilisiert zu sein, aber was ich in Teilen meiner Familie früher zu hören bekommen habe, hat mich tatsächlich eines besseren belehrt. Wie schnell man vergessen kann, wo man herkommt, ist beschämend.

Roxanne R hat gesagt…

Das hat glaub ich nix mit Bayern zu tun...
Ich lebe seit über 10 Jahren im Osten Deutschlands...anfangs wurde ich durch mein schönes Hochdeutsch entlarvt als "Wessi(zicke)" und oft angesprochen.
Heute passiert mir das nicht mehr ganz so häufig, aber oft höre ich den Satz: Sie kommen aber auch nicht von hier, oder?
Erschreckend, dass solche Grenzen in den Köpfen vieler Leute noch drin sind!
Aber ich bin so weit aus dem Westen, dass ich schon Fast Ossi-Holländerin bin ^^

Ich erlebe diese Sätze aber nicht als so Feindselig oder abwertend, wie es deiner Mutter passierte.

Ich glaub in dem Fall hätte ich schon was dazugesagt und der Dame auch meine Meinung dazu gesagt... aber oft ist man in solchen Situationen auch so perplex, dass kein Wort rauskommt, leider.
Denn oft ist es solchen Leuten ja gar nicht bewusst, wie bescheuert solche aussagen sind!

Und ich finde es schlimm, dass deine Mutter nun befürchtet, dass ihre eigene Geschichte rauskommt und sie nach so vielen Jahren in der Dorfgemeinschaft abgewertet werden könnte!
Das ist einfach nur schlimm und traurig!

Pamela {enemenemeins} hat gesagt…

11. Klasse FOS. Weiden in der Oberpfalz. Frage des Sozialkundelehrers: »Wer hat Familie in der es Vertriebene oder Geflüchtete gibt?«. Gemeldet haben sich nahezu alle. Und ich hoffe immer noch, dass sich diese nahezu 30 Menschen allesamt an diesen Moment erinnern können, wenn sie heute von den Flüchtlingen aus den Krisengebieten der Welt hören. Wir waren alle selbst sehr erstaunt. Auch ich, denn ich dachte immer, dieses Schicksal hätte nur meine Familie gehabt – aus allen Himmelsrichtungen, irgendwann irgendwie im heutigen Deutschland, bzw. in der DDR gelandet, von dort dann auch noch geflohen, in Sammelunterkünften und Baracken untergebracht, von den Ansässigen geschmäht und doch heute allesamt »waschechte« Bayern. Ich fühle mich hier zutiefst verwurzelt. Und das nur eine Generation später. Einzig geblieben ist meine nahezu dialektfreie Sprache.

Viele liebe Grüße
Pamela