Samstag, Januar 10, 2015

Reden gegen die Angst

Ich bin als Kind der 70er und 80er ja zwar einerseits in der heilen Bullerbü-Welt eines bayerischen Dorfs grossgeworden (ich hoffe, Sie verstehen diese Bezeichnung so ironisch, wie sie gemeint ist), andererseits auch mit RAF, Kaltem Krieg, Bundeswehrmanövern im Feld hinter dem Haus. Ich habe am Dorfbahnhof die Fahndungsplakate für die Baader-Meinhof-Bande studiert, genauso wie die Plakate zu der Entführung von Ursula Herrmann, die in einer Kiste in der Erde eingebuddelt wurde und erstickte. Ich habe hinter jedem Pendler in de bayerische Kleinstadt einen Terroristen und/oder Kindsentführer vermutet, wenn jemand auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt hinter mir ging (was immer der Fall war, das ist ja der Hauptfussgängerstrom morgens und mittags), war ich jederzeit bereit, loszurennen und um Hilfe zu schreien, für den Fall dass ich gepackt und in ein Erdloch gesteckt werden sollte. Als wir irgendwann mit dem Zug in die Sommerferien auf eine autofreie Insel in Südfrankreich fuhren, war das der Horror für mich, weil meine Eltern jeder nur für je eine kleine Schwester und tonnenweise Gepäck Hände hatten (auch aus Elternsicht eine Horrorvorstellung, auch jenseits von Entführungsszenarien) und ich als Älteste dementsprechend alleine mitlaufen musste und somit ja ein gefundenes Opfer für die an den Bahnhöfen Europas ja nur auf Kinder ohne Elternhand lauernden Entführer war.
Diese Ängste habe ich, soweit ich mich erinnere, meinen Eltern gegenüber nie so artikuliert, dass sie sich deren Schweregrad bewusst geworden wären. Ich erinnere mich noch, dass mir auf Nachfragen technisch genau erklärt wurde, warum das mit der Luftleitung in der Kiste unter der Erde nicht klappen konnte, aber das hilft ja jetzt nicht direkt gegen die Panik, auch wenn ich mental darauf vorbereitet war, einem etwaigen Entführer mit technischem Knowhow in Sachen Luftzufuhr für Erdlöcher zur Seite zu stehen. Die Angst, dass ich auch jederzeit in einem Erdloch oder mit einem Schild um den Hals auf einem Erpresserfoto enden könnte, die konnten sie mir nicht nehmen.

Ich möchte, dass meine Kinder ohne solche Angst aufwachsen. Und weil ich weiss, dass ich das Böse dieser Welt nicht von ihnen fernhalten kann, weil ich weiss, dass sie, wenn ich es ihnen verschweige, anderweitig davon erfahren werden und sich alles noch viel schlimmer ausmalen würden, als es ist, rede ich mit ihnen. Auch wenn es weh tut, auch wenn es Angst macht. Weil es besser ist, sich in sicherer Umgebung damit auseinanderzusetzen, als durch die eigene Vorstellungskraft für sich allein noch grössere Gefahren heraufzubeschwören. Weil es hilft, sich wenigstens theoretisch mit Szenarien auseinandergesetzt zu haben und sie theoretisch überstanden zu haben, auch wenn das in Realität alles ganz anders kommen könnte/würde etc.
Und so haben wir heute morgen (weil Little Q. es aufgebracht) am Frühstückstisch darüber gesprochen, wie es wohl wäre, wenn eine Schule wegen eines Attentats evakuiert würde, was "Märtyrer" bedeutet und wie der Begriff heute verwendet wird, was man machen würde, wenn man beim Einkaufen in einem Supermarkt als Geisel genommen würde, und: dass es sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass unser Supermarkt, unsere Schule, unsere Arbeitsplätze das Ziel von terroristischen Anschlägen werden und dass wir deshalb im täglichen Leben keine Angst haben müssen.
Ich hoffe sehr, dass meine Kinder durch Hintergrundwissen und Diskussionen ohne Tabus zu selbständig und unabhängig denkenden Menschen werden, dass sie sich nicht durch dumpfe Propaganda mitreissen lassen, dass sie nicht aus Angst und Unwissen in Panik verfallen. Ich weiss natürlich nicht, ob das der richtige Weg ist, aber ich selber bin bisher immer gut damit gefahren, mich mit meinen schlimmsten Ängsten auseinanderzusetzen. Das hilft gegen die Angst vor jedem Schrittgeräusch hinter einem.

Kommentare:

Carola Gerjets hat gesagt…

Ein sehr guter Beitrag. Interessanterweise haben wir hier gestern abend über dasselbe Thema gesprochen (inkl. Terroristenplakate in der Kindheit der 80er ;) ) und sind zu ähnlichem Ergebnis gekommen. Gut geschrieben, danke dafür!

Bianka hat gesagt…

Boah, krass, gerade beim Lesen des ersten Absatzes wieder total an meine Kindheit erinnert gefühlt. mit meine erste Kindheitserinnerung geht auf die Raf-Fahndungsplakate zurück. Komisch, irgendwie.

Und wir gehen mit dem Großen übrigens genauso um - mit der gleichen Hoffnung.

Wir machen das schon richtig, bestimmt.

Anonym hat gesagt…

Ich finde das einen guten Ansatz, den ich eigentlich auch verfolgen möchte. Allerdings fällt es mir momentan sehr schwer, die Radionachrichten altersgerecht einem eh schon ängstlichen 4jährigen (Räuber! Diebe! Einbrecher!) zu erklären, der nachfragt, dran bleibt und sich nicht ablenken lässt. Ich möchte ja keine zusätzlichen Ängste schüren. Jedoch ist es auch nicht Sinn der Sache, wie sie ja auch schreiben, alles von ihm fernhalten zu wollen. Schwierig! Ich kann nur weiter auf ablenkende Verkehrsnachrichten (Gegenstände/Personen/Tiere auf der Fahrbahn, Rettungshubschrauber gelandet, Vollsperrung) hoffen... ;-)
LG Anja

Tagpflückerin hat gesagt…

Ich hatte hier einen 6jährigen, der wegen der "Ungewissheit" nicht mehr einschlafen konnte. Gespräche mit uns gabs immer, aber so richtig gut ging es ihm erst wieder, als wir ihm erlaubt haben, die TV-Nachrichten mit uns anzusehen (2. Golfkrieg 1990/91). Er klebte auch bei Wahlen am Bildschirm und wartete gespannt auf die Hochrechnungen aus dem ORF-Zentrum. Ich habe das nicht herumerzählt, weil uns sicher einige für irre gehalten hätten, aber für dieses Kind war es so richtig. Die Geschwister waren anders.
Meine eigene Kindheit war auch von (heimlichen) Ängsten durchsetzt, die schlimmste war die Angst vor einem Atomkrieg. Heute kann ich schmunzeln, wenn ich an meine Vision von den Raketen auf der schwäbischen Alb denke: Almen, wie hier in den Alpen halt, Heidi und mitten drin die Atomraketen. glg

Mela hat gesagt…

Guten Morgen,
ja ein schwieriges Thema, aber ich denke auch notwendig - und wichtig. Vor allem wenn solche Themen von den Kindern selbst angeschnitten werden!
Little Q. mit seinen neun Jahren lebt ja nicht hinterm Mond, will heißen er erfährt von all den schrecklichen Dingen auch ohne uns. Von Dingen, die selbst bei uns als Eltern, als Erwachsene Entsetzen und Schrecken auslösen. Wir jedoch können filtern und die reale Gefahr für uns einschätzen. Und genau dafür brauchen unsere Kleinen unsere Hilfe und offene Gespräche, auch zu empfindlichen Themen.

LG Mela

Garfieldine hat gesagt…

In meiner frühen Jugend wurde eine Freundin von mir entführt und ermordet. Im Nachbardorf.
Das schlimmste war für mich zuerst die Nachrichten: das sie tod ist habe ich im Schulbus durch die Nachrichten erfahren.
Danach war das schlimmste die nicht kommunizierte Angst: pass auf dich auf, komm noch im hellen nach Hause, besuch einen Selbstverteidigungskurs etc.
Ich finde es absolut richtig, Fragen zu beantworten. Ich finde es richtig die eigene Angst zu kommunizieren.
Ich finde es aber auch richtig angstfreie Räume zu schaffen, z.B. nie im eigenen Bett "furchtbares" zu besprechen, bewusst einen Raum zu lassen.
Alles Gute!

Frau JoLou hat gesagt…

Oh ja, das bayrische Dorf kann man bei mir in die Westpfalz ändern, aber auch war gerade Terrorismus für uns Kinder ein Thema. Angst hatte ich nie, eher vor so verrückten Dingen wie Geistern unterm Bett. Meine Große (8) schläft seit Jahren mit Festbeleuchtung aus Angst, zuerst vor Geistern (die sie wirklich gesehen hat und das in meinem Beisein, das war echt gruselig und ich befürchte sie hat da wirklich etwas gesehen) heute hat sie Angst vor Mördern und ich frage sie immer warum die gerade zu uns kommen sollten.
Ich hatte dieses kindliche "das passiert immer nur anderen" ganz lange, wieso meine Tochter nicht? Ich würde es ihr wünschen. Das erste Mal richtig Angst, das es dieses mal nicht nur den anderen passiert hatte ich an dem besagten 11. september, da war ich in Ägypten und ich sah die Menschen feiern, dieses Bild lässt mich nicht los, denn es war unzensiert, nicht wie das was bei uns im TV kommt und es waren ganz normale Leute damals.
Ich wünsche mir ein echtes Bullabü

Schwanenmama hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
rage hat gesagt…

ich bin da auch offen und ehrlich, schon aus berufsgründen. wobei wir niemals nie tagesschau gucken, weils einfach nicht im zeitplan drinliegt.

diese geschichte über ursula hermann ist ja horror. bei uns gabs in den 80er jahren ja auch viele ermodete kinder, die teilweise immer noch vermisst werden. deine ursula ist meine sarah oberson.

wobei ich schon merke: ein dickicht im wald oder ein maisfeld - das weckt ungute gefühle. die ich aber höchstens mit dem mann teile, da er das ja auch erlebt hat. den kindern was dazu sagen würd ich nie…

Pamela {enemenemeins} hat gesagt…

Doch. Ich glaube das funktioniert. Gerade der Große ist seit Jahren (!) von eben dieser Enführungs-Angst geplagt und wagt sich bis heute nicht alleine bis zum nächsten Supermarkt. All seine Empathie macht ihm die aktuelle Nachrichtenlagen natürlich noch zu einem größeren Brocken. Und dennoch: Ich will das nicht von ihm fernhalten. Das ist unsere heutige Welt. Nicht nur die Welt, sondern auch unsere heutige Medienwelt. Er muss lernen mit diesen Nachrichten klarzukommen. Und gegen die Angst hilft nunmal am allerbesten die Aufklärung. Schon am eigenen Leib gespürt. Die Angst wird handelbar und vermessbar, wenn ich mich ihr entgegenstellle. Dieses Werkzeug will ich meine Kindern auch an die Hand geben.

Viele Grüße
Pamela

PS: bei dieser Gelegenheit muss ich wirklich mal loswerden, dass ich mich mal über ein persönliches Treffen sehr freuen würde!