Donnerstag, Juli 11, 2013

Zwei Jungen. Zwei Geschichten

Stellen Sie sich vor, Sie sind die Mutter eines blonden vierjährigen Jungen. Der Junge geht an drei Tagen die Woche in eine Kinderkrippe. In seiner Gruppe gibt es einen anderen blonden, vierjährigen Jungen, den findet er ganz grossartig. Er wäre gern sein Freund, er hat ihn so gern, dass er am liebsten die ganze Zeit nur mit ihm spielen würde, ihn immerzu anfassen würde, berühren, ganz fest drücken. Komischerweise mag der andere blonde Junge nicht angefasst werden, besonders nicht, von Ihrem Jungen. Ihr Junge allerdings kann nicht verstehen, wie man das nicht gernhaben kann und probiert es weiter. Der andere Junge muss doch einsehen, dass er sein Freund sein möchte. Vielleicht klappt es, wenn er ihn so fest umarmt, dass er nicht wegkann? Der andere Junge sagt: "Ich will das nicht, lass mich los." Aber Ihr Junge hat ihn doch gern, er drückt ihn ganz fest und kuschelt sich an ihn. Der andere Junge schreit nach der Erzieherin: "Aaaaaaalex, der plagt mich, der lässt mich nicht los, ich will das nicht." Die Erzieherin kommt, pflückt Ihren Jungen vom anderen, und erklärt ihrem Jungen, dass der andere Junge es eben nicht mag, wenn er festgehalten wird, dass man aufhören muss, wenn der andere "Stop" oder "Ich will das nicht" sagt. Der andere Junge schaut böse. Später am Tag will Ihr Junge unbedingt neben dem anderen Jungen am Tisch sitzen. Der aber möchte nicht und sagt: "Ich will aber zwischen der Erzieherin und meiner Freundin sitzen." Dabei will Ihr Junge doch nur so nah wie möglich an dem Jungen sein, dessen Freund er sein will. Er drängt sich also zwischen den Jungen und seine Freundin, küsst ihn auf die Wange und umarmt ihn ganz fest. Der andere Junge freut sich nicht etwa, dass ihn Ihr Junge so lieb hat, er schreit laut und seine Freundin hilft ihm und sie drängen Ihren Jungen von der Bank, damit sie nebeneinander sitzen können. So geht das fort und fort, der andere Junge will nicht mehr nur nicht der beste Freund von Ihrem Jungen sein, er möchte am liebsten überhaupt nichts mehr mit Ihrem Jungen zu tun haben. Sobald er sich nähert, schreit der andere Junge "Geh weg von mir, fass mich nicht an! AAAAAlex, hilf mir." Als Ihr Junge es immer und immer wieder versucht und den anderen Jungen umarmt, drückt, küsst und einmal die Erzieherin nicht schnell genug Ihren Jungen vom anderen abpflückt, schubst der andere Jungen Ihren Jungen. Das nächste Mal beisst er ihn, als er ihn nicht loslässt. Mittlerweile wollen übrigens auch die anderen Kinder in der Gruppe nicht mehr beste oder überhaupt Freunde Ihres Jungen sein. Der andere Junge ist nämlich sehr beliebt und seine Freunde schlagen sich auf seine Seite. Dabei möchte Ihr Junge doch nur sein Freund sein.
Ihr Sohn: ein Mobbingopfer?

Jetzt stellen Sie sich vor, sie haben einen blonden vierjährigen Sohn, der vier Tage die Woche in eine Kinderkrippe geht. In seiner Gruppe ist ein anderer blonder vierjähriger Junge. Ihr Junge hat mit dem andere Jungen nicht besonders viel am Hut, Sie verstehen das, der Junge (und seine Eltern) liegen mit Ihnen absolut nicht auf einer Wellenlänge. Ihr Junge hat zwei beste Freundinnen und einen besten Freund in der Gruppe und versteht sich auch mit dem Rest der Gruppe wunderbar. Nur mit dem anderen blonden Jungen, da kann er nichts anfangen. Muss er ja an sich nicht, es sind in wechselnden Konstellationen ca 15 Kinder in der Gruppe, da kann man sich ja aus dem Weg gehen. Kann? Könnte? Nein. Der andere blonde Junge möchte unbedingt der beste Freund ihres Jungen sein. Das zeigt er auf eine sehr körperliche Art und Weise. Er  umarmt und küsst Ihren Jungen so fest, dass dieser sich bedroht fühlt. Er reagiert nicht auf das "Stop, ich will das nicht", das Sie Ihrem Jungen durch Vorleben und immer wieder Erklären beigebracht haben. Er reagiert nicht auf sanftes Wegdrücken, er muss von den zu Hilfe gerufenen Erzieherinnen abgepflückt werden. Ihr Junge fühlt sich verfolgt und bedroht, sobald dieser Junge sich auch nur nähert. Er kann sich nie sicher sein, ob er nicht gleich wieder angegrabbelt und geküsst und gedrückt oder irgendwo hingezerrt wird. (Sie können das verstehen, der andere Junge macht nämlich auch vor dem grossen Bruder Ihres Jungen und Ihnen selber nicht halt. Und nein, gegen den Willen auf den Mund geküsst werden ist nicht schön und fühlt sich auch dann übergriffig an, wenn es von einem Vierjährigen kommt). Irgendwann ist Ihr Junge so weit, dass er sich nicht anders zu helfen weiss, und den anderen Jungen so wegschubst, dass er hinfällt. Das nächste Mal, als er nicht in Ruhe gelassen wird und die Erzieherin nicht schnell genug helfen kommt, beisst er ihn. Seine besten und normalen Freunde sehen, wie Ihr Junge geplagt wird und dass "normale" Verhaltensweisen nicht helfen. Sie stehen ihm zur Seite und das heisst für sie: auch sie möchten jetzt mit dem anderen Jungen nichts mehr zu tun haben. Sobald er sich Ihrem Jungen nähert, "verteidigen" sie ihn. Sobald er sich ihnen nähert, rufen sie um Hilfe oder schubsen ihn weg. Ihr Junge sagt: "Ich geht gern in die Kinderkrippe. Ausser an den Tagen, wo der andere Junge da ist."
Ihr Sohn: der Übungsdummy für ein Kind, das nicht gelernt hat, die Grenzen anderer Menschen zu respektieren?

(Ach ja: nur einer der beiden ist mein Sohn. Ich geh mal davon aus, Sie wissen, welcher meiner ist. Und dass ich deswegen voreingenommen bin.)

Kommentare:

Canzonett hat gesagt…

So eine Küsserei und Knuddelei, die mir beim Zuschauen schon unerträglich war, hab ich auch erlebt, als mein Neffe vor zwei Jahren in den Kindergarten gekommen ist und als besonders zierlicher und hübscher Kerl besonders von zwei Mädchen in der Gruppe sofort zum Herzallerliebsten auserkoren wurde. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er sich dem auch mal entzogen hat ...

Schnuffichen hat gesagt…

Ganz ehrlich: Schon nach der ersten Geschichte war der Freund suchende blonde Junge für mich kein Mobbingopfer. Mit 4 kann (und sollte) man lernen, die Grenzen anderer zu respektieren und deren Sichtweise, wenn nicht zu verstehen, dann wenigstens in Betracht zu ziehen.

Es ist unschön, wenn er darunter leidet, aber das eigene Verhalten hat eben Konsequenzen - ein "Nein" ist ein "Nein" ist ein "Nein".

Ich hoffe, dass Gras über die Geschichte wächst und beide blonden Jungen dann wieder jederzeit gerne in die Krippe gehen.

TheSwissMiss hat gesagt…

Meine Tochter hat manchmal noch immer das gleiche Problem in der Schule. Ein Junge ist verliebt in Sie und möchte sie andauern küssen und umarmen, er ruft auch immer an um abzumachen aber davon will meine Tochter nichts hören und wissen. Ich finde schon, dass Kinder lernen müssen, dass man andere nicht einfach anfassen, küssen und umarmen kann einfach weil man gerade Lust dazu hat und mich nervt es manchmal auch, wenn meine Tochter heimkommt und sagt, sie mag die grosse Pause gar nicht mehr so gern weil der Junge immer hinter ihr her ist....grrrrrr, Tigermama erwacht. Nein, Scherz beiseite, sie kann sich ganz gut verteidigen aber nerven tut es trotzdem.

Anonym hat gesagt…

Bei aller verständlichen Voreingenommenheit... Man sollte in einem solchen Fall nicht voreilig urteilen und direkt davon ausgehen dass das Kind nicht gelernt hat Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Es gibt viele Arten autistischer Erkrankungen die es den betroffen Kindern unmöglich machen, sich angemessener zu verhalten...

Seventiesbeauties hat gesagt…

Hallo,

das ist schwierig, aber Sache der Erziehung. Grenzen müssen Kindern beigebracht werden.

In unserer Nachbarschaft legt eine
5köpfige Familie, die Kinder kennen keine Grenzen - sie tragen daran keine Schuld. Recht und Unrecht beizubringen liegt in der Hand der Eltern und Erzieher, vor allem aber bei den Eltern.

Im Grunde ist es auch Aufgabe der Erzieher, ein "auffälliges" Verhalten an die Eltern weiterzugeben.

Viele Grüße und hoffentlich ein gutes Ende für beide Kinder.

Liebe Grüße Daniel

Anonym hat gesagt…

Der Vergleich hinkt sehr... Aber für mich ist der eine wie so ein Hund mit Sabberzunge, der auf mein Kind zurennt und der Besitzer aus der Ferne "Der tut nix, der will nur spielen!" ruft. Gespräche mit den Eltern wurden sicher schon geführt? (ich weiß, "manche Kinder haben schwer erziehbare Eltern")
In einer 5. Klasse ist ein Junge, der durch unfaires Bestimmergehabe schaffte, schon in den ersten Wochen die ganze Klasse gegen sich aufzubringen. Eltern: "Och, er will halt viele Freunde haben und beliebt sein." ?! Läuft wohl seit Kindergartentagen so, immer sind es die anderen.
Viel Geduld (kommt von dulden) wünsche ich daher nicht, die hilft nicht. Dafür dem einen kleinen Blonden weiter Rückhalt und Stärke :)
Anne

Anonym hat gesagt…

Sie haben ja völlig recht.

Aber daneben bedrückt auch die Vorstellung, dass die Grenzen des "anderen Jungen" in dessen Familie evtl. noch nie respektiert wurden. Wie viele Eltern/Großeltern denken nämlich, sie dürften Kinder immer küssen/drücken..., auch wenn diese es nicht wollen. Wie viele Kinder wissen nicht, dass sie nein sagen dürfen und dass das respektiert werden muss. Woher hat der andere Junge das?

Oder noch schlimmer, weshalb ist die Sehnsucht des anderen Jungen nach einem Freund, nach Nähe, nach Wärme so groß? Wie groß muss die Lücke sein?

Und nein, ein Vierjähriger kann das wohl nicht klüger anstellen, wenn er es nie gesehen, erfahren hat.

Ändert natürlich gar nichts für Ihren Jungen, klar, ist dennoch sehr traurig.

Aber gut, dass Ihr Junge sich wehren kann!

LG

Die Toni

Malcesine hat gesagt…

Ach herrje! Ist der Küsser auch der Erpresser, wo der kleine blonde Junge dann nicht zum Geburtstag wollte?

Ines hat gesagt…

Ganz schwierige Sache. Hier ist aber gut geschultes Personal gefragt. In der Regel schaffen die das ohne die Eltern. Aber das klingt schon recht heftig. Das andere Kind scheint das tatsächlich nicht zu verstehen. Das muss nicht immer was mit der Erziehung zu tun haben, Kinder handeln ja eher impulsiv und ehrlich. Ich glaube auch gar nicht das er ihrem Sohn schaden will. Ich hoffe für beide Kinder das sich die Situation entspannt. Das hält ja keiner auf Dauer aus.

Daniela hat gesagt…

Wo sind die Erzieher und wie reagieren sie auf die Situation?

Frau Brüllen hat gesagt…

Vielen Dank für Ihre Kommentare.
So als globale Antwort: wie es bei dem anderen Jungen zuhause zugeht, weiss ich nicht. Ich kenne seine Eltern vom Sehen, man grüsst sich, das wars. Die Gruppenleiterin hat mich als erste auf das Problem aufmerksam gemacht, L. hat davor immer nur erzählt, der F. wäre nicht sein Freund. Muss er ja auch nicht. Ob der Junge irgendeine Art Krankheit/Wahrnehmugsstörung/sonst irgendwas hat, keine Ahnung. Ich weiss es einfach nicht. Die Erzieherin hat das Thema mit mir so aufgenommen, dass sie geschildert hat, dass die beiden nicht miteinander können, bzw. L. sich eben bedrängt fühlt und an sich korrekt reagiert, allerdings, wenn er sich nicht mehr zu helfen weiss, handgreiflich wird. Sie versuchen, die beiden auseinander zu halten, was schwierig ist, weil eben der andere Junge total auf L. fixiert ist, sie erklären ihm einerseits, dass er akzeptieren muss, wenn L. (oder jemand anders) Stop sagt, andererseits versuchen sie L. davon abzubringen, sich sofort körperlich zu wehren. Sie haben das Thema mehrfach mit den anderen Eltern aufgenommen, neu im Spiel ist die Heilpädagogin.
Die Erzieherinnen sind sehr kompetent und empathisch, allerdings ist das halt eine stinknormale Kinderkrippe, nicht integrativ oder irgendwie auf die Betreuung von Kindern mit, sagen wir, ausserordentlichen Bedürfnissen ausgelegt, weder vom Personalschlüssel noch von der Ausbildung her. Ich tue mich auch schwer, meinem Sohn Ratschläge zu geben. Ich kann ihn so gut verstehen, dass er mittlerweile Zustände kriegt, wenn sich der andere Junge nur nähert, das geht mir ähnlich, und ich sehe ihn nur beim Bringen/holen, aber andererseits blutet mir das Herz, wenn ich sehe und höre, wie der andere Junge abgelehnt wird. (Im Gruppenkreis kam von den anderen Kindern, nicht von L: "Wir hassen den F., der lässt uns nicht in Ruhe".) Die Situation ist halt mittlerweile sehr verfahren... Mal sehen, ob sich was ändert, wenn jetzt erst mal Ferien sind und L. drei Wochen gar nicht in die Krippe geht und der Kontakt danach auch eingeschränkter ist, weil sie in zwei verschiedene Kindergärten kommen und sich "nur" noch bei der Frühbetreuung, und ab dem Mittagessen sehen.... (Vielleicht findet der andere Junge ein neues "opfer" im Kindergarten....)

Anonym hat gesagt…

ich finde es ganz schlimm für ihren Jungen, und auch für Sie was sie da beschreiben, allerdings musste ich auch direkt an einen Beitrag vom gestrigen Abend auf dem WDR denken, "Bsucht" da hat Frau B. autistische Menschen besucht. (bestimmt in der Mediathek des WDR verfügbar).
Die Dinge die sie schildern, passen teilweise sehr auf das was gestern in dem Beitrag berichtet wurde. Ich denke es wäre wirklich wichtig abzuklären, ob der andere Junge wirklich "nur" keine Grenzen respektieren kann oder eine andere Ursache dahinter steckt. Im Sinne aller Beteiligten.
Viee Grüße, Katharina

Reboka hat gesagt…

Puh. Mir tun beide Jungs leid, denn offenbar leiden ja beide darunter. Der eine unter den ungewollten Liebesbeweisen, der andere unter der ständigen Zurückweisung.
Nur mal so als Denkanstoß: Ich hätte es sehr spannend gefunden, wie die Kommentare hier ausgesehen hätten, wenn nicht sofort klar gewesen wäre, welcher der beiden Jungs Frau Brüllens Sohn ist. Hätte man dann auch so leichtfertig von einer schweren Krankheit/Beeinträchtigung oder mangelnder Erziehung und Fehler der Eltern gesprochen?

Anonym hat gesagt…

Uff, so ein Kind hab ich auch in meiner Klasse... Der hat auch ganz bestimmt keine Störung oder so, er hat die anderen halt einfach so gern und möchte es ausdrücken und versteht nicht, dass dieses Verhalten die anderen Kinder stört. Wir versuchen, ihm möglichst genau in der Situation zu zeigen und zu erklären, was das Problem ist, aber es ist ein recht mühsamer und langsamer Lernprozess.

Alles in allem eine schwierige Situation.

Liebe Grüße,

Selphie

Uschi hat gesagt…

Hallo,
in dem Leben des Jungen läuft was total daneben. Er kann bestimmt nichts dafür. Schade um das Kind. Es gibt viele Möglichkeiten was nicht passt - zu Hause, das Umfeld außerhalb der KIGA, ist er vielleicht krankt, hat er einfach nur Sehnsucht nach Geborgenheit, keine Ahnung aber bitte nicht vorschnell aburteilen. Das Gespräch suchen. Dem Kind zuliebe.
LG
Uschi