Mittwoch, September 12, 2012

Grenzen, eigene

Vor kurzem hat mich jemand, dem es im Moment sehr schlecht geht, um Hilfe gebeten und ich habe diese sehr konkrete Bitte abgelehnt. Mit sehr, sehr schlechtem Gewissen, aber aus dem Grund, dass ich Bedenken hatte, dass ich die Kraft, um auf diese Art zu helfen einfach nicht hätte.
Ich hatte die ganze Zeit bisher ein latent schlechtes Gewissen (okay, das habe ich immer wegen irgendwas, aber in dem Fall halt sehr, sehr konkret), weil an sich hier ja alles super lief, alles klappte, wie soll da die Begründung ziehen, ich hätte keine Kraft übrig?
Gestern wurde mir aber sehr deutlich vor Augen geführt, dass die Entscheidung vielleicht nicht nett und menschenfreundlich war, für mich aber die richtige. Weil meine Kraft offensichtlich für den Normalzustand reicht, für ein bisschen drüber raus auch noch, aber sobald es noch mehr wird, da reicht sie nicht mehr. Gestern kam zB zusammen, dass ich todmüde nach einem langen Arbeitstag nach einer sehr schlechten Nacht nach Hause kam, die Jungs nach einem langen Tag in Kinderkrippe und Schule auch müde und motzig waren, dass das Haus (gefühlt, tatsächlich war es nicht so schlimm) mehr oder weniger im Chaos versank und doch für die Putzfrau heute noch parat gemacht werden musste, dass der Hübsche wegen Jetlag, Magendurcheinander und blödem Kranksein den Aufenthalt in Belgien überhaupt nicht geniessen kann (heute: Hotelnachmittag statt Michelin-Stern-Restaurant.....), dass der Videochat nicht gescheit funktioniert und alle sich sehr vermissen, aber wegen all dem was eben gerade nicht passt, nach dem Chat noch trauriger waren als vorher. In so einem Moment bin ich dann kein netter Mensch mehr, ich bin keine gute Mutter, keine gute Ehefrau, ich bin nicht mal gut für mich selber, weil ich nur noch um mich "beisse" und mich dabei unendlich schlecht fühle. Gestern war das relativ schnell wieder gut, weil die Kinder herzallerliebst und brav gebadet haben, wir danach gemütlich noch vorgelesen haben und ich mich erst beim Nähen (mal wieder ein für mich neuer Ottobre-Schnitt, da ist dann ganz wenig "Fliessbandgefühl" dabei) und dann bei einem ruhigen Telefonat mit dem Hübschen wieder selber finden konnte.
Aber mir hat das gezeigt, dass es, wenn es im Normalzustand alles locker flockig aussieht und sich vielleicht auch fast so anfühlt, nicht heissen muss, dass man da noch beliebig oben drauf packen kann. Also, es tut mir immer noch leid, dass ich nicht so helfen kann, wie das gewünscht war, aber ich bin mittlerweile deswegen halbwegs im Reinen mit mir.
Und ab Samstag ist hier wieder alles gutm, gefälligst.

Kommentare:

na hat gesagt…

Wow, das ist genau das, was mir im Kopf rumschwirrt und noch nicht formuliert war!
Dass nämlich alles (Kinder, Arbeit, Ehe, kranke Mutter) irgendwie läuft, es mir tageweise sogar gut geht und ich mich dann aber wundere, dass ich nahezu zusammen breche wenn ein Kind dazu eine Erkältung bekommt und meine Wochenplanung neu gestaltet werden muss.

Und der Satz ist sowas von zutreffend zu meinem "Zustand":

"Weil meine Kraft offensichtlich für den Normalzustand reicht, für ein bisschen drüber raus auch noch, aber sobald es noch mehr wird, da reicht sie nicht mehr"

Den muss ich mir raus kopieren. Nur für mich.

Beste Grüße

na

Malcesine hat gesagt…

Du hast auf dein Bauchgefühl gehört und das war genau richtig! Keine falsche Scheu vor gesundem Egoismus. "Nein" sagen ist nichts Schlimmes und muss akzeptiert werden. Schlecht für den, der das nicht kann. Wem nützt es was, wenn du dich für andere "aufopferst" und dann am Ende selbst Hilfe brauchst (und die dann womöglich noch nicht mal in der Form bekommst, wie du sie anderen gegeben hast ...) Frau Brüllen, du hast alles richtig gemacht und das ist gut so!
Aufmunternde Grüße!

Anonym hat gesagt…

Wie schön zu hören, dass bei Ihnen alles normal ist!
Danke dafür!
Stille Mitleserin
Nicole

tadellos hat gesagt…

weise entscheidung, die du da getroffen hast. und ein ehrlicher post, der ein bisschen einblick darin gibt, dass auch du grenzen hast.

alles liebe und kein schlechtes gewissen bitte!

Tanja hat gesagt…

"Weil meine Kraft offensichtlich für den Normalzustand reicht, für ein bisschen drüber raus auch noch, aber sobald es noch mehr wird, da reicht sie nicht mehr"

Treffend formuliert - und ein wichtiger Punkt, wenn man diesen selbst erkennt. Und dann ist es mehr als legitim, alles abzulehnen, wofür man selbst keine Kraft mehr hat. Egal was andere denken. Und das "sich selber schlecht fühlen" - das geht vorbei.
Ich kann das sehr gut nachfühlen, auch wenn es bei mir nur superstressiger Vollzeitjob, Haus(halt) und Garten ist. Aber wenn ich dann wieder Mal beim Einkaufen in Tränen ausbreche, nur weil ein benötigtes Produkt gerade nicht da ist - dann weiß ich, dass es allerhöchste Eisenbahn ist, Kraft zu tanken.

Frau Karamba hat gesagt…

Grenzen setzen können, erspüren was zu viel ist, wie weit man gehen möchte, sich seines eigenen Gefühles bewusst sein: Das ist das (er-)Leben seiner eigenen Persönlichkeit.
Es ist nichts Falsches daran sich zu entscheiden und abzulehnen, finde ich.

Anonym hat gesagt…

Du machst alles richtig. Auch wenn es Dir im Moment noch nicht so vorkommt, bin ich mir sicher, dass Du schon ganz genau weißt, dass Du auf dem richtigen Weg bist!

Ich drück' Dich!

LG
Bianka

Xeniane hat gesagt…

Manchmal ist es nur der Notakku der einem am Zusammenbrechen hindert. Ich finde es auch nicht einfach eigene Grenzen zu akzeptieren,aber sie sind ja nun mal da.
Manchmal habe ich das Gefühl überall zieht jemand an mir. Das Kind spuckt,Kind 2 trotzt,Kind 3 hat Geigenstunde,die Oma ist beleidigt wegen versäumten Telefonanrufes,die KaTZE WILL GEFÜTTERT WERDEN:

https://xeniana.wordpress.com/

Anonym hat gesagt…

Ach- Frau Brüllen, Sie sprechen mir aus der Seele.
ich- selber ohne Blog- besuche seit langem fast täglich den Ihren, weil: tut gut, zu lesen, WAS Sie und der Stil, WIE Sie schreiben :)
....sollten Sie mal ein Buch herausgeben, lassen Sie mich das wissen!
Und gerade bezüglich des Themas 'Sich abgrenzen können' hatte ich auch vor 2 Wochen so ein Erlebnis und dachte, jetzt werd ich als Egoist abgetan. Nur um dann vorgestern zu erfahren, dass das so gar nicht gedacht wurde von betreffender Person, und dass das mehr ich von mir selber dachte, wegen schlechtem Gewissen und so...
musste ich jetzt grad mal loswerden.
in diesem Sinne-
Liebe Grüsse zu Ihnen in die Schweiz aus dem Saarland von einer sonst 'stillen' Leserin.
Eva